ArchivDeutsches Ärzteblatt37/2011Fortgeschrittenes Hodgkin-Lymphom: Primärtherapie: Intensiv oder „light“?

MEDIZINREPORT: Studien im Fokus

Fortgeschrittenes Hodgkin-Lymphom: Primärtherapie: Intensiv oder „light“?

Gulden, Josef

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS

Bei der Therapie des fortgeschrittenen Hodgkin-Lymphoms gibt es zwei verschiedene Strategien: In den USA etwa beginnt man mit dem relativ milden ABVD-Regime (Doxorubicin, Bleomycin, Vinblastin, Dacarbazin) und setzt nur bei Progression oder Rezidiv auf eine Eskalation. Die Deutsche Hodgkin-Studiengruppe hingegen vertritt das intensive BEACOPP-Regime (Bleomycin, Etoposid, Doxorubicin, Cyclophosphamid, Vincristin, Procarbazin, Prednison), um von Beginn an ein maximales Ansprechen zu erzielen. Eine italienische Intergroup-Studie hat beide Strategien nun verglichen (1).

Insgesamt 331 therapienaive Patienten mit Hodgkin-Lymphomen der Stadien IIB–IV oder einem internationalen prognostischen Score von mindestens 3 erhielten randomisiert entweder 8 Zyklen BEACOPP (die ersten 4 eskaliert) oder je nach Ansprechen 6 bis 8 Zyklen ABVD. Bei Bedarf wurde lokal bestrahlt. Patienten, die weniger als eine komplette Remission erreichten oder ein Rezidiv erlitten, erhielten eine Salvage-Therapie mit optionaler Reinduktionsbehandlung und eine Hochdosistherapie mit autologer Stammzelltransplantation.

Beim primären Endpunkt, dem Anteil der Patienten ohne erste Progression, lag nach 7 Jahren BEACOPP bei 85 % und ABVD nur bei 73 % (p = 0,004). Beim ereignisfreien Überleben insgesamt war der Unterschied nach 7 Jahren mit 78 % respektive 71 % nicht mehr signifikant (p = 0,15), ebenso wenig beim Überleben ohne zweite Progression (BEACOPP: 88 %, ABVD: 82 %; p = 0,12) und beim Gesamtüberleben (89 % vs. 84 %, p = 0,39). Dass die Studie nicht für die sekundären Endpunkte gepowert war, wird im Methodenteil der Arbeit erwähnt. Erwartungsgemäß traten im BEACOPP-Arm mehr Toxizitäten auf.

Fazit: Die Autoren der Publikation schlussfolgern, mit einer aggressiven Primärtherapie ließen sich zwar rasch hohe Heilungsraten erreichen; der Preis dafür, die vermehrten unerwünschten Effekte, sei aber zu hoch. Diese Problematik gebe es zwar auch für die Hochdosistherapie. In einem Gesamtkonzept mit weniger intensiver Primärtherapie müsse man diese jedoch nur bei rezidivierten Patienten mit resistenter Erkrankung anwenden. Den Schlussfolgerungen der italienischen Kollegen widerspricht Prof. Dr. med. Andreas Engert, Köln, Leiter der Deutschen Hodgkin-Studiengruppe: „Hauptkritikpunkt ist, dass die Autoren besonders die Nichtsignifikanz der Unterschiede bei den sekundären Endpunkten herausstellen, obwohl die Studie gar nicht für diese Analysen gepowert ist und zudem zahlreiche klare Fehler und Inkonsistenzen aufweist.“ Der verwendete Logrank-Test zur Überprüfung der Signifikanz sei nicht einmal zulässig, weil sich die Überlebenskurven überkreuzten. Es sei daher irreführend, so Engert, „wenn in der Diskussion der Studie suggeriert wird, es gebe aufgrund der nicht signifikanten Überlebensunterschiede keine relevanten Vorteile von BEACOPP, wenn man die Salvage-Therapie mitberücksichtigt“. In der deutschen HD9-Studie waren unter BEACOPP nach 10 Jahren die Tumorkontrolle um 18 % und das Gesamtüberleben um 11 % besser – jeweils statistisch signifikant (2). Josef Gulden

  1. Viviani S et al.: ABVD versus BEACOPP for Hodgkin´s lymphoma when high-dose salvage is planned. NEM 2011; 365: 203–12.
  2. Engert A et al.: Escalated-dose BEACOPP in the treatment of patients with advanced-stage Hodgkin’s lymphoma: 10 years of follow-up of the GHSG HD9 study. JCO 2009; 27: 4548–54.

Kommentare

Die Kommentarfunktion steht zur Zeit nicht zur Verfügung.

Fachgebiet

Der klinische Schnappschuss

Alle Leserbriefe zum Thema

Stellenangebote