ArchivDeutsches Ärzteblatt37/2011Grünes Rezept: Marketing oder Merkhilfe?

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Grünes Rezept: Marketing oder Merkhilfe?

Dtsch Arztebl 2011; 108(37): A-1888 / B-1608 / C-1599

Korzilius, Heike

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Die grünen Rezeptformulare sollten den Patienten zur Orientierung dienen, nachdem der Gesetzgeber 2004 rezeptfreie Arzneimittel von der Erstattung durch die Krankenkassen ausgeschlossen hatte. Jetzt sind sie in die Kritik geraten.

Griff zum grünen Rezept: 78 Prozent der Hausärzte empfahlen ihren Patienten im ersten Quartal 2011 rezeptfreie Präparate per Formular. Foto: ABDA
Griff zum grünen Rezept: 78 Prozent der Hausärzte empfahlen ihren Patienten im ersten Quartal 2011 rezeptfreie Präparate per Formular. Foto: ABDA

Das grüne Rezept – nichts als ein geschickter Werbetrick der Arzneimittelanbieter. So sieht es zumindest die pharmakritische Verbraucherzeitschrift Gute Pillen – Schlechte Pillen, die sich in ihrer Rubrik „Werbung – Aufgepasst“ regelmäßig mit aus ihrer Sicht irreführendem Marketing für Gesundheitsprodukte beschäftigt. Die Formulare dienten in erster Linie dazu, den Umsatz der Hersteller rezeptfreier Arzneimittel zu steigern, heißt es in der aktuellen Ausgabe (4/2011). Denn dieser war massiv eingebrochen, nachdem der Gesetzgeber im Jahr 2004 diese Medikamentengruppe, bis auf Ausnahmen, von der Erstattung durch die Krankenkassen ausgeschlossen hatte. Tatsächlich wurden in der Folge jährlich rund 100 Millionen Packungen weniger verkauft – ein Einbruch, den die Industrie auch in den Folgejahren nicht durch die Selbstmedikation kompensieren konnte.

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Gegen den Vorwurf der Trickserei wehrt sich jetzt der Bundesverband der Arzneimittelhersteller (BAH), in dem viele Pharmaunternehmen organisiert sind, die Präparate für die Selbstmedikation herstellen. „Die Einführung des grünen Rezepts war eine Gemeinschaftsaktion von Ärzten, Apothekern und Pharmaindustrie“, betont Dr. Uwe May, im BAH zuständig für Gesundheitsökonomie und Grundsatzfragen der Selbstmedikation. Die Idee: Während Ärztinnen und Ärzte ihren Patienten auf den rosafarbenen Kassenrezepten die verordnungsfähigen Medikamente verschreiben, können sie die grünen nutzen, um nicht verschreibungspflichtige Medikamente zu empfehlen. Das grüne Rezept soll den Patienten als Merkhilfe für Name, Wirkstoff, Darreichungsform oder Packungsgröße dienen, wie die ABDA – Bundesvereinigung deutscher Apothekerverbände bei dessen Einführung im Jahr 2004 mitteilte. „Das grüne Rezept gibt den Patienten Sicherheit bei der Selbstmedikation und räumt mit dem Missverständnis auf, ein Arzneimittel sei nicht so wichtig, wenn es nicht von der Krankenkasse erstattet wird“, hatte der damalige ABDA-Hauptgeschäftsführer Prof. Dr. Rainer Braun erklärt.

Bei Hausärzten beliebt

Dieses Vorurteil sei allerdings immer noch weit verbreitet, sagt BAH-Abteilungsleiter May. Dabei habe der Gesetzgeber die Frage der Erstattungsfähigkeit schlicht am Kriterium der Rezeptfreiheit angeknüpft: „Nutzenerwägungen spielten dabei keine Rolle.“ Im Übrigen habe sich durch den Einsatz des grünen Rezepts der Umsatz im Selbstmedikationsmarkt nicht erhöht, er habe lediglich den stetigen Rückgang gebremst. Daten des Marktforschungsinstituts IMS Health belegen, dass 78 Prozent der Allgemeinärzte, Praktiker und Internisten im ersten Quartal 2011 das grüne Rezept genutzt haben.

Gutes Arzt-Patient-Verhältnis

Ebenfalls aus diesem Jahr stammt eine Analyse des MKM Marketing Institute, das im Auftrag des BAH 69 Hausärzte nach ihren Motiven für den Einsatz des grünen Rezepts befragte. 72,5 Prozent der Ärzte sehen in den Formularen eine Merkhilfe für die Patienten. Gut 55 Prozent halten es für ein Instrument der Patientenbindung, 50 Prozent hoffen, damit ihr Arzneimittelbudget zu entlasten. 43,5 Prozent der Befragten stellten in der Regel pro Monat mehr als 100 grüne Rezepte aus, und 37,7 Prozent halten sie für ein wichtiges Mittel, um eine therapeutische Vielfalt anbieten zu können.

Auch die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) sieht das grüne Rezept positiv. „Wenn der Patient seinen Arzt auch bei Präparaten zur Selbstmedikation um Rat fragt, ist das ein Zeichen für ein gutes Arzt-Patient-Verhältnis“, meint KBV-Vorstand Dr. med. Carl-Heinz Müller. Außerdem diene es der Arzneimittelsicherheit, wenn ein Arzt über die gesamte Medikationspalette seiner Patienten informiert sei, also sowohl über verschreibungspflichtige Arzneimittel als auch über die Präparate, die der Patient ohne Rezept in der Apotheke kaufe. Grüne Rezeptformulare stellt die „Initiative Grünes Rezept“, hinter der sich eine Gruppe von BAH-Mitgliedsfirmen verbirgt, Ärzten kostenfrei zur Verfügung.

Heike Korzilius

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