ArchivDeutsches Ärzteblatt14/1996Kuren international: Nicht kompatibel

VARIA: Heilbäder und Kurorte

Kuren international: Nicht kompatibel

Driesen, Oliver

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LNSLNS Der Europäische Heilbäderverband ist gegründet. Fernziel des Zusammenschlusses: einheitliche Richtlinien und mehr Freizügigkeit für Kuren in Europa. Doch die Barrieren sind hoch. Kurgäste haben von der Europäisierung des Bäderwesens wenig zu erwarten.


Der Teufel steckt – jedoch längst nicht nur – im Detail: In Frankreich muß Thermalwasser unverändert verwendet werden, in Deutschland darf man es chemisch aufbereiten. Während die deutsche Thermalquelle sich dadurch auszeichnet, daß sie konstant mit mindestens 20 Grad Wassertemperatur sprudelt, muß die Quelle in Spanien vier Grad wärmer sein als die umgebende Luft, um den profitträchtigen Titel führen zu dürfen. Europäische Definitionen passen zusammen wie die Teile fünfzehn verschiedener Puzzlespiele.
Entsprechend ist die Lage in der Zentrale des Europäischen Normen-Chaos, Brüssel. "Es war für uns interessant, daß dort sehr wenig Material über das Kurwesen existiert", wundert sich noch nachträglich Dr. Christoph Kirschner, neugewählter Präsident des Europäischen Heilbäderverbandes (EHV). "Dort macht man Konzepte ohne ausreichende Datenkenntnis." Und genau da will der EHV helfen, denn die Geldtöpfe der Kommission bieten bislang brachliegende Handlungsfelder für Aktionsprogramme.
Daß man der EU schon in der Gründungsphase der Europa-Lobby einen solchen Förderplan abgetrotzt habe, sieht Joachim Lieber vom Deutschen Bäderverband "als einen ersten Erfolg des EHV". Die langsame Angleichung europäischer Rechtsvorschriften soll folgen, gemäß der Vision: Kuren ohne Grenzen. Bäderwirtschaft und Tourismus im Verein, so der EHV, könnten dann europaweit strukturschwache Regionen in blühende Landschaften verwandeln.
Doch die Mühlen Europas mahlen langsam. Realistisch gesehen werden die Verbraucher, also die Kurpatienten, noch auf Jahre hinaus wenig vom gemeinsamen Kur-Haus Europa wahrnehmen: Nach wie vor ist die Kur in den Mitgliedsstaaten ausschließlich in die nationalen Gesundheitssysteme eingebettet.
Zwar gibt es im Zeichen der europäischen Einigung Aufweichungen durch die SozialversicherungsAbkommen: Man geht davon aus, daß der EU-Ausländer das Gesundheitssystem etwa in Deutschland nach deutschen Normen und Richtlinien nutzen darf. Doch der rechtliche Rahmen ist, was Kuren angeht, unklar. Angewandt wird er in der Praxis nur auf die Akutmedizin. Hier, so Kirschner, wird der EHV zunächst wenig zu einer verbraucherfreundlichen Praxis beitragen können.
Teils gegenläufige Entwicklungen in den Sozialetats der Staaten erschweren zusätzlich die Perspektive einer Harmonisierung. So wurden in Belgien die Zuschüsse für Kurpatienten ganz gestrichen, während ausgerechnet Nicht-EU-Mitglied Schweiz erst seit kurzem Beihilfen gewährt. Das Diktat der meist knapper werdenden Gesundheitsfinanzen in den EU-Staaten jedoch werden auch die Euro-Lobbyisten nicht durchbrechen können.
Zunächst wird sich der neue Verband daher auf bescheidene Harmonisierungsversuche beschränken müssen: Angepeilt ist die Herausgabe eines Guide der führenden Kurhotels in Europa und eines europäischen Bädermagazins. Oliver Driesen

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