ArchivDeutsches Ärzteblatt16/1998Medikamentenmißbrauch beim Freizeitsportler im Fitneßbereich

MEDIZIN: Die Übersicht

Medikamentenmißbrauch beim Freizeitsportler im Fitneßbereich

Kujath, Peter; Boos, Carsten; Wulff, Peter; Bruch, Hans-Peter

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS

Stichwörter: Doping, anabole Steroide, Sportstudio, Freizeitsport, Drogenmißbrauch
Sportmedizinische Untersuchungen in den USA haben gezeigt, daß ein leistungssteigernder Medikamentenabusus, insbesondere von anabolen Steroiden, beim Freizeitsportler keine Seltenheit darstellt. Eine Befragung zu dieser Problematik in 24 kommerziellen norddeutschen Sportstudios erbrachte überraschende Ergebnisse, die bei der allgemein- und sportmedizinischen Betreuung von Fitneßsportlern berücksichtigt werden sollten. So gaben 24 Prozent der befragten Männer und 8 Prozent der Frauen an, anabol wirkende Medikamente zu sich zu nehmen. In 94 Prozent der Fälle handelte es sich um potentiell hoch lebertoxische Substanzen, die hauptsächlich auf dem Schwarzmarkt besorgt und zu 14 Prozent von Ärzten verschrieben wurden.


Key words: doping substances, anabolic steroids, commercial sports studio, leisure sports, drug abuse
Investigations carried out within sports medicine in the USA have shown that the abuse of drugs, in particular anabolic steroids, is a phenomenon no longer limited merely to the field of serious sports. Systematic investigations on this subject have not yet been carried out in Germany. In order to determine the prevalence of the abuse of doping substances among people involved in leisure sports, a questionnaire was filled out by exercisers in 24 commercial sports studios in northern Germany. Anabolic substance abuse was detected in 24 per cent of the men and 8 per cent of the women. The products used, in 94 per cent of cases anabolic steroids with a high toxicity potential in the liver, were mainly procured on the black market. In 14 per cent of cases they were prescribed by doctors. Steroid abuse showed a positive correlation with, among other things, a low educational and professional status as well as past or current drug abuse.


Die Diskussion um die Manipulation von sportlichen Hochleistungen erlebt im Rahmen von Großereignissen wie Olympischen Spielen und Weltmeisterschaften eine immer wiederkehrende Aktualität. Jeder sportmedizinisch Interessierte weiß um die Dopinganfälligkeit der Kraft- und Schnellkraftsportarten. Dies gilt besonders für die medienwirksamen und damit für Sponsoren lukrativen Disziplinen der Leichtathletik (1, 4, 9, 10, 18).
Daß der Gebrauch von Dopingsubstanzen, insbesondere der anabolen Steroide, ein nicht mehr auf den Leistungssport begrenztes Phänomen darstellt, haben Studien von Sportmedizinern aus den USA gezeigt (2, 5, 7, 12, 21). So wurde in verschiedenen Untersuchungen bei männlichen Schülern der Jahrgangsstufe 11/12 ein Steroidkonsum in bis zu elf Prozent (11, 22, 23), bei Schülerinnen in bis zu 2,5 Prozent (22) gefunden. Die in diesen Studien erhobenen Daten ließen eine weiterführende Beurteilung der Ursachen und der Motivation für den Steroidmißbrauch nicht zu. Aufgrund der für die Vereinigten Staaten spezifischen Sozialstruktur ist zu vermuten, daß neben dem hohen gesellschaftlichen Ansehen des erfolgreichen Sportlers auch die Aussicht auf ein mögliches Sportstipendium zur Finanzierung der angestrebten Hochschulausbildung einen wichtigen soziologischen Faktor darstellt.
Systematische Untersuchungen zum leistungssteigernden Medikamentenmißbrauch von Breiten- und Freizeitsportlern in Deutschland sind bisher nicht durchgeführt worden. Angesichts der möglichen weitreichenden Konsequenzen für die Allgemein- und Sportmedizin lag eine Untersuchung dieser Problematik nahe.
Befragung Fitneßtreibender in Sportstudios
Um die Prävalenz des Mißbrauchs von Dopingsubstanzen in einer möglichst einheitlichen Gruppe von Freizeitsportlern zu beurteilen, wurde die Gruppe der Fitneßtreibenden in Sportstudios untersucht. Es wurde hierzu ein anonymer Fragebogen mit Fragen zum Sozialstatus, Bildungs- und Berufsstand, Trainingsmethodik, Motivation, Ernährung, Verletzungshäufigkeit sowie Medikamenten- und Drogenanamnese entwickelt. Wir befragten 24 Fitneßstudios in Schleswig-Holstein und Hamburg (Neumünster, Kiel [2x], Hamburg [3x], Schleswig, Bad Segeberg, Lübeck [6x], Bad Schwartau, Timmendorf, Ratzeburg, Bargteheide [2x], Ahrensburg [2x], Elmshorn und Bad Oldesloe [2x]). Pro Studio wurden zwischen 20 und 50 Fragebögen, je nach Mitgliederzahl, verteilt. Die Verteilung der Bögen erfolgte durch die jeweiligen Trainer der Studios mit der Vorgabe, diese nur an Sportler mit mindestens dreimonatiger Trainingserfahrung und Grundkenntnissen eines Krafttrainings zu vergeben. Die Teilnehmer erhielten neben dem Fragebogen und einem frankierten Rückumschlag auch ein Anschreiben, in dem ihnen die Studie erklärt und absolute Anonymität zugesichert wurde. Des weiteren boten wir jedem Teilnehmer eine kostenlose sportmedizinische Beratung an. !
Auswertung der Fragebögen
Alter und Geschlecht
Der Fragebogenrücklauf lag bei 52 Prozent (n=255). Es antworteten 204 Männer und 51 Frauen. Von 204 Männern gaben 49 (24 Prozent) eine aktuelle oder frühere Medikamenteneinnahme zur Unterstützung des Muskelwachstums an; von 51 antwortenden Frauen gaben vier (acht Prozent) einen zurückliegenden oder aktuellen Medikamentenmißbrauch an. Aufgrund dieses Zahlenmaterials werden in der weiteren Abhandlung nur die Ergebnisse aller beziehungsweise die der männlichen Fitneßsportler, zur Vereinfachung in Abuser (A) und Nonabuser (NA) unterteilt, betrachtet. Die vergleichenden Ergebnisse wurden in Tabelle 3 aufgelistet. Das Durchschnittsalter aller Sportler betrug 27,9 Jahre (SD 7,6), wobei die Gruppe der Abuser mit 37 Prozent am häufigsten in der Gruppe der 21- bis 25jährigen Sportler vertreten war.
Familienstatus
Beim Familienstand gaben > 50 Prozent der Sportler an, ledig zu sein (A Bildung und Beruf
Beim Vergleich der Schulbildung überwog in der Gruppe der Abuser der Realschulabschluß mit 48 Prozent und der Hauptschulabschluß mit 32 Prozent gegenüber 41 Prozent beziehungsweise 17 Prozent bei den Nonabusern. Mit höherer Schulbildung wendete sich dieses Verhältnis zugunsten der abususfreien Gruppe. Die Teilnehmer waren insgesamt zu 68 Prozent berufstätig (A=NA), 11 Prozent Studenten (ANA).
Gewicht und Größe
Die durchschnittliche Größe der medikamentenfreien Sportler betrug 180,2 cm bei einem Durchschnittsgewicht von 81,6 kg. Die Abuser waren gleich groß (180,6 cm) bei einem Gewicht von 91,8 kg.
Trainingsgewohnheiten
Zwölf Prozent der Sportler, die Medikamente einnahmen, trainierten zuvor weniger als 24 Monate. Weitere 16 Prozent trainierten nicht länger als 36 Monate, und 71 Prozent trainierten länger als 36 Monate. 54 Prozent der Sportler ohne Medikamentenmißbrauch trainierten weniger als 36 Monate.
Trainingsmotivation
Als vorrangiges Trainingsziel gaben 69 Prozent aller Sportler den Aufbau von Muskelmasse (A 92 Prozent) an, gefolgt von Kraftzuwachs bei 51 Prozent (A 61 Prozent). Auf die Frage nach den Gründen für den Medikamentenabusus gaben 62 Prozent den Aufbau von Muskelmasse, 43 Prozent Kraft- und Leistungssteigerung und je 9 Prozent die Teilnahme an Wettkämpfen sowie Fettabbau an.
Die Sportler, die keine Medikamente einnehmen oder eingenommen hatten, begründeten diesen Verzicht zu 84 Prozent mit den zu erwartenden Nebenwirkungen, zu 49 Prozent wegen Unsportlichkeit, zu 30 Prozent mit dem hohen Preis und zu 7 Prozent mit Beschaffungsproblemen. Fünf Prozent planten, zukünftig ihr Training durch Medikamente zu unterstützen. Dieser Zahl stehen 72 Prozent der Abuser gegenüber, die auch in Zukunft weiterhin Medikamente einnehmen wollten.
Medikamentengruppen und -dosierung
Es wurden von 94 Prozent der Sportler mit Medikamentenanamnese anabole Steroide (96 Prozent oral, 64 Prozent parenteral appliziert), von 18 Prozent Stimulantien und von einem Sportler Wachstumshormon konsumiert. Bei den oralen Präparaten dominierten das Stanozolol, das Methandrostenolon, das Oxandrolon und das b-Sympathomimetikum Clenbuterol. Bei den parenteralen Präparaten wurden ebenfalls Stanozolol, Testosterone (-önantat, -deconat) und das Nandrolon favorisiert. Die tägliche Steroideinnahmemenge lag durchschnittlich zwischen 35 und 75 mg, bei jedoch großer Varianz. Die überwiegende Zahl der Sportler nahm verschiedene Präparate kombiniert über einen Zeitraum von mehreren Wochen ein. Die Sportler sprechen in diesem Zusammenhang von einer "Kur". Meist wird die Dosis der Medikamente zur Mitte des Einnahmezeitraumes hin erhöht und zum Ende wieder erniedrigt (Stacking). Die Einnahmeperiode dauerte bei den Sportlern durchschnittlich 7,5 Wochen und verursachte Beschaffungskosten von etwa 390,- DM. Als Bezugsquelle für die Medikamente gaben 14 Prozent Arzt, 12 Prozent Trainer, 16 Prozent Apotheke, 56 Prozent Bekannte und 53 Prozent Mitsportler an. 31 Prozent der Konsumenten lassen ihre Medikamenteneinnahme ärztlich kontrollieren. Die Aufklärung über Nebenwirkungen fand in 43 Prozent durch einen Arzt, in 26 Prozent durch einen Trainer, in 31 Prozent durch Medien, in 71 Prozent durch Mitsportler und in 83 Prozent durch das Literaturstudium statt.
Drogenkonsum
Der Mißbrauch von Nikotin liegt bei den Abusern mit 31 Prozent deutlich höher als in der Gruppe der Nonabuser mit 18 Prozent. In beiden Gruppen rauchten > 39 Prozent nicht mehr als zehn Zigaretten täglich. 27 Prozent der männlichen Medikamentenabuser rauchten 21 bis 30 Zigaretten täglich und damit stärker als in der Vergleichsgruppe.
Alkoholkonsum wurde von elf Prozent (A=9 Prozent) der befragten Sportler mehrfach pro Woche beziehungsweise täglich angegeben. Hinzu kamen weitere 27 Prozent (A=14 Prozent), die nur am Wochenende alkoholische Getränke einnahmen. Hochprozentige Getränke wurden dabei in zirka 30 Prozent der Fälle konsumiert. Andere Drogen wurden von 19 Prozent der befragten Sportler historisch (6 Prozent aktuell) eingenommen. Davon in 88 Prozent Cannabispräparate (ANA). Eine Sportlerin mit Steroidabusus war gleichzeitig heroinabhängig. In der Abususgruppe hatten 41 Prozent Erfahrung mit den aufgeführten Substanzen, davon wiederum betrieb die Hälfte der Sportler einen aktuellen Drogenmißbrauch.
Hohe Doping-Prävalenz
Aufgrund fehlender Daten über die Doping-Prävalenz im Breiten- und Freizeitsport in Deutschland, führten wir eine Fragebogenerhebung an Fitneßsportlern in kommerziellen Sportstudios durch. Dabei fand sich ein Medikamentenabusus mit anabolen Steroiden bei 21 Prozent aller Studienteilnehmer (Tabelle 1). Es wurden überwiegend orale Präparate eingenommen (Tabelle 2) mit hohem first-pass in der Leber und einem daraus resultierenden erheblichen Toxizitätspotential (3, 14, 15, 16, 17, 19). Insbesondere Sportler mit langer Medikamentenanamnese nutzten injizierbare Steroidderivate. Die eingenommenen Präparate unterscheiden sich nicht von denen des amerikanischen Marktes. Die globale Gemeinschaft der Anabolikakonsumenten scheint "gute" Erfahrungen mit diesen Medikamenten gemacht zu haben. Die Beschaffung der anabolen Steroide erfolgt in aller Regel über den Schwarzmarkt und wird sogar von 93 Prozent der Nonabuser als nicht problematisch angesehen. Nach eigenen Recherchen unter steroidabususbetreibenden Amateurbodybuildern werden die Medikamente vor allem über die ehemaligen Ostblockstaaten eingeführt, aber auch durch Einkäufe in spanischen Apotheken im Rahmen eines Urlaubsaufenthaltes in großen Mengen erworben. In diesem Zusammenhang überrascht, daß in 15 Prozent der Fälle die anabolen Steroide ärztlich verschrieben werden. Die ärztliche Fürsorgepflicht wird unseres Erachtens durch ein derartiges Verhalten aufs gröbste verletzt; dies kann nur mit merkantilen Zwängen und Unwissenheit erklärt werden.
Obwohl der erreichte Fragebogenrücklauf in dieser Studie nur bei etwa 50 Prozent lag, sind wir der Meinung, daß die 255 erhaltenen Antworten die aktuelle Situation in Norddeutschlands Fitneßstudios realistisch widerspiegelt. Auch wenn die Höhe des Medikamentenmißbrauchs erschreckend hoch erscheint, sind diese Ergebnisse unserer Ansicht nach aus folgenden Gründen nicht unwahrscheinlich:
Die Mehrzahl (49 Prozent) der antwortenden Sportler trainierte regelmäßig länger als 36 Monate. Die große Masse derer, die zwar Mitglieder in Fitneßstudios sind, aber tatsächlich kaum trainieren, wurde somit ausgeschlossen. Die gewonnenen Ergebnisse könnten somit die Doping-Prävalenz unter den tatsächlich aktiven Sportlern repräsentieren.
Aufgrund der sehr präzisen Angaben über Medikamentennamen und -konsum und der Mühe, den relativ umfangreichen Bogen auszufüllen, erscheinen die erhobenen Daten wahrheitsgemäß und keineswegs erfunden. Es steht eher zu befürchten, daß die Doping-Prävalenz sogar noch höher liegt, weil der Konsum von Medikamenten aus bestimmten Gründen nicht oder in verharmlosendem Maße angegeben wurde, beziehungsweise daß einige Sportler den Bogen nicht ausgefüllt haben aus Angst vor Preisgabe persönlicher Daten. Die Grauzone der Illegalität ihres Handelns veranlaßt die Sportler möglicherweise dazu, darüber zu schweigen.
Vergleiche der demographischen Daten mit Studien aus den USA sind nur bedingt möglich, da sich die untersuchten Personenkreise unterscheiden. Dezelsky (5) und Pope (21) fanden eine Doping-Prävalenz von 17 Prozent und 20 Prozent unter Collegeathleten, während Johnson (11, 12) eine Prävalenz von 80 Prozent der Männer und 40 Prozent der Frauen im Bereich des Amateurbodybuildings angibt. Eine Übereinstimmung in den gewonnenen Daten zeigt der Vergleich von Größe und Gewicht der antwortenden Sportler. Die Personen mit Steroidabusus zeigen eine auffällige Verschiebung im Body-Mass-Index (USA: A 95,9 kg vs NA 77,7 kg; D: A 91,8 kg vs NA 81,6 kg).
In unserer Untersuchung korrelierte der niedrigere Bildungsstand deutlich mit einer erhöhten Medikamenteneinnahmefrequenz der untersuchten Teilnehmer. Dies widerspricht den bisher in den USA gemachten Erfahrungen. Windsor (23) fand einen erhöhten Konsum von anabolen Steroiden primär bei älteren weißen Schülern mit höherem sozioökonomischen Status, Komorowski (16) postuliert keinen Unterschied im sozioökonomischen Status zwischen Nutzern und Nicht-Nutzern.
Es ist auffällig, wie sich die Gruppen bezüglich der bisherigen Trainingserfahrung und -dauer unterscheiden. Obwohl der Zeitpunkt der erstmaligen medikamentösen Trainingsunterstützung von uns nicht explizit abgefragt wurde, kann aus den gewonnenen Daten gefolgert werden, daß der Großteil der Sportler, die Medikamente einnehmen, dies zum erstenmal tun, wenn sie bereits länger als 36 Monate trainierten. Da 54 Prozent der Sportler ohne Medikamentenabusus in unserer Studie kürzer als 36 Monate trainierten, ist davon auszugehen, daß viele aus dieser Gruppe erst noch mit einem leistungssteigernden Abusus von Medikamenten beginnen werden. Die Erklärung dieser zeitlichen Korrelation ist rein hypothetisch. Es ist zu vermuten, daß bei den meisten Sportlern nach zwei Jahren eines regelmäßigen Trainings (mit individuellen Unterschieden) das genetisch vorgegebene Potential an Muskelwachstum erschöpft ist. Fortschritte bezüglich des Aufbaus von Muskelmasse sind nur noch schwer zu erreichen und meist so klein, daß sie kaum bemerkt werden. Diese Entwicklung löst bei vielen Sportlern eine gewisse Frustration aus, die dazu führen kann, daß die Sportler zu Medikamenten greifen, um eine objektivierbare Leistungssteigerung auszulösen. Ist dieser Schritt vollzogen und stellt der Sportler beim Medikamentenabusus wenige Nebenwirkungen an sich fest, liegt eine Wiederholung des Abusus nahe. Der Weg in eine Steroidabhängigkeit, wie sie von Kashkin (13), Perry (20) und Yesalis (24) vermutet wird, wäre somit beschritten und könnte vermutlich nur in der Anfangszeit noch verlassen werden. Für diese Hypothese spricht, daß 72 Prozent der Sportler mit Medikamentenabusus in Zukunft weiterhin Medikamente einnehmen wollen. Dagegen planen nur fünf Prozent der Nonabuser, zukünftig Medikamente einzunehmen.
Als Hauptmotivationsgrund und Trainingsziel gaben unsere Studienteilnehmer den Aufbau von Muskelmasse an, gefolgt von Kraft- und Leistungssteigerung. Nur ein Fünftel der Befragten möchte sich in einer anderen Sportart verbessern. In der Untersuchung von Johnson (12) lagen diese beiden Gründe ebenfalls an der Spitze, allerdings in umgekehrter Reihenfolge. Es kann spekuliert werden, daß der Grund dafür bei Unterschieden zwischen den Teilnehmern zu suchen sind. Bei der amerikanischen Studie wurden Schüler befragt, die meist stark in anderen Sportarten involviert waren und somit primär eine Kraftsteigerung wünschten, um sich in anderen Sportarten besser durchsetzen zu können. Unsere Sportler betreiben Fitneß oder Bodybuilding, dessen primäres Ziel die Veränderung und Verschönerung des eigenen Körpers ist.
Pope (21) postuliert, daß Konsumenten von anabolen Steroiden, im Verhältnis zur Vergleichsgruppe ohne Steroidkonsum, vermehrt zu Zigaretten, Alkohol und anderen Drogen greifen. DuRant (7) kam bei 1 881 Schülern zu ähnlichen Ergebnissen. Er stellte eine Korrelation zwischen dem Gebrauch anaboler Steroide und dem Konsum von Kokain, Marihuana und Kautabak fest sowie eine etwas deutlichere Korrelation zum Konsum von Zigaretten und Alkohol. Mit Ausnahme des Alkoholkonsums wurden in unserer Studie die gleichen Zusammenhänge festgestellt, wobei der hohe Anteil von drogenerfahrenen Freizeitsportlern doch überrascht. Die spezifische Auswertung der Einzelstudios konnte die Prägung der Ergebnisse durch ein Großstadtkollektiv ausschließen.
Schlußfolgerungen
Angesichts der vorliegenden Ergebnisse muß von einem leistungssteigernden Medikamentenmißbrauch größeren Ausmaßes im ambitionierten Breitensport, insbesondere im Fitneßbereich ausgegangen werden. Der Erwerb entsprechender Präparate auf dem Schwarzmarkt erscheint unkompliziert. Da Freizeitsportler, die entweder gar nicht oder nur an kleineren regionalen Wettkämpfen teilnehmen, nicht getestet werden, ist der Medikamentenmißbrauch unkontrollierbar. Es hat sich gezeigt, daß hochdosierte Steroideinnahmen über längere Zeiträume keine Seltenheit sind. Wir haben es daher auch in Deutschland mit einem in seinen medizinischen Konsequenzen weitaus größeren Problem zu tun, als bislang angenommen wurde. Aus den gewonnenen Fakten lassen sich folgende Forderungen ableiten.
Der Gesetzgeber ist aufgefordert, die Ab- und Weitergabe von leistungssteigernden Medikamenten sowohl auf nationaler wie auch europäischer Ebene strikt zu sanktionieren.
Die sportmedizinisch betreuenden Ärzte müssen durch eine intensive und offene Diskussion der DopingProblematik sowie durch Erkennen und Aufklärung von Hochrisikogruppen im Breitensport einen Beitrag zur Risikoabwendung bei ihren Patienten leisten.


Zitierweise dieses Beitrags:
Dt Ärztebl 1998; 95: A-953-957
[Heft 16]
Die Zahlen in Klammern beziehen sich auf das Literaturverzeichnis, das über den Sonderdruck beim Verfasser und über die Internetseiten (unter http://www.aerzteblatt.de) erhältlich ist.


Anschrift für die Verfasser
Dr. med. Carsten Boos
Chirurgische Klinik
Medizinische Universität zu Lübeck
Ratzeburger Allee 160
23538 Lübeck

1.Brooks RV: Anabolic steroids and athletes. Phys Sportsmed 1980; 8: 161-163.
2.Buckley WE, Yesalis CE, Friedl KE, Anderson WA, Streit AL, Wright JE: Estimated prevalence of anabolic steroid use among male high school seniors. JAMA 1988; 260: 3441-3445.
3.Clasing D, Donike M, Gruppe O, Kindermann W, Kley HK, Kühl J: Doping - verbotene Arzneimittel im Sport. Suttgart: Gustav Fischer Verlag, 1992.
4.Cox JS: Drug abuse in sports. Am J Sports Med 1990; 18: 568-572.
5.Dezelsky TL, Toohey JV, Shaw RS: Non-medical drug use behavior at five United States universities: a 15-year study. Bull Narc 1985; 37: 49-53.
6.Dickhuth HH, Berg A, Baumstark M, Rokitzki L, Huonker M, Keul J: Doping - auch ein allgemeinmedizinisches Problem. Fortschr Med 1989; 107: 585-588.
7.DuRant RH, Rickert VI, Seymore Ashworth C, Newman C, Slavens G: Use of multiple drugs among adolescents who use anabolic steroids. N Engl J Med 1993; 328: 922-926.
8.Giannini JA, Miller N, Kocjan DK: Treating steroid abuse: A psychiatric perspective. Clin Pediatr 1991; 30: 538-542.
9.Goldberg L, Bosworth E, Elliot DL, Bents R: To the Editor of: Use of anabolic-androgenic steroids by athletes. N Engl J Med 1990; 322: 775-776.
10.Hallagan JB, Hallagan LF, Snyder JD: Anabolic-androgenic steroid use by athletes. N Engl J Med 1989; 321: 1042-1045.
11.Johnson MD, Jay MS, Shoup B et al.: Anabolic steroid use by male adolescents. Pediatr. 1989; 82: 921-924.
12.Johnson MD: Anabolic steroid use in adolescent athletes. Pediatr Clin North Am 1990; 37: 1111-1123.
13.Kashkin KB, Kleber HD: Hooked on hormones? Anabolic steroid hypothesis. JAMA 1989; 262: 3166-3170.
14.Kley HK, Schlaghecke R: Androgene Anabolika in Klinik und Praxis. Intern Welt 1988; 11: 160-166.
15.Knuth UA, Maniera H, Nieschlag E: Anabolic steroids and semen parameters in bodybuilders. Fertil Steril 1989; 52: 1041-1047.
16.Komoroski EM, Rickert VI: Adolescent body image and attitudes to anabolic steroid use. AJDC 1992; 146: 823-828.
17.Krüskemper HL, Noell G: Steroidstruktur und Lebertoxizität. Acta Endocrinol 1967; 54: 73-84.
18.Lamb DR: Anabolic steroids and athletic performance. In: Laron Z, Rogol AD (ed): Hormones and sport. New York: Raven Press, 1989.
19.Lombordo JA, Longcope C, Voy OR: Recognizing anabolic steroid abuse. Patient Care 1985; 19: 28-47.
20.Perry PJ, Andersen KH, Yates WR: Illicit anabolic steroid use in athletes. A case series analysis. Am J Sports Med 1990; 18: 422-428.
21.Pope HG, Katz DL, Champoux R: Anabolic-androgenic steroid use among 1010 college men. Phys Sports Med 1988; 16: 75-81.
22.Terney R, Mc Lain LG: The use of anabolic steroids in high school students. AJDS 1990; 144: 99-103.
23.Windsor R, Dumitru D: Prevalence of anabolic steroid use by male and female adolescents. Med Sci Sports 1989; 21: 494-497.
24.Yesalis CE, Streit AL, Vicary JR, Friedl KE, Brannon D, Buckley W: Anabolic steroid use: Indications of habitutation among adolescents. J Drug Educ 1989; 19: 103-116.

Kommentare

Die Kommentarfunktion steht zur Zeit nicht zur Verfügung.

Fachgebiet

Der klinische Schnappschuss

Alle Leserbriefe zum Thema

Stellenangebote