ArchivDeutsches Ärzteblatt38/2011Carl Gustav Jung: „Seelenverlust“ als Problem der modernen Welt

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Carl Gustav Jung: „Seelenverlust“ als Problem der modernen Welt

Dtsch Arztebl 2011; 108(38): A-1975 / B-1679 / C-1665

Goddemeier, Christof

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Vor 50 Jahren starb der Begründer der „Analytischen Psychologie“.

Zeichnung: Elke R. Steiner
Zeichnung: Elke R. Steiner

Nach Sigmund Freud und Alfred Adler gilt Carl Gustav Jung als dritter Pionier der Tiefenpsychologie. Während Freud seinem Werk eine systematische Form gab, hinterlässt Jung seine Schriften weniger geordnet. Dazu trägt vermutlich bei, dass die Psyche ihm zufolge „unabsehbar kompliziert“ ist und sich eindeutigen Beschreibungen entzieht. Und während Freuds Variante der Tiefenpsychologie Seelisches mit Hilfe der Schrift zu entziffern sucht, bezieht Jung sich vor allem auf das Bild. „Man darf sich keinen Augenblick der Illusion hingeben, ein Archetypus könne schließlich erklärt und damit erledigt werden. Auch der beste Erklärungsversuch ist nichts anderes als eine mehr oder weniger geglückte Übersetzung in eine andere Bildsprache“, schreibt er 1940.

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Jung wird 1875 in einem Dorf am Schweizer Ufer des Bodensees geboren. Der Vater ist evangelischer Pfarrer, die Mutter interessiert sich für Spiritismus und Okkultismus. Ab 1895 studiert Jung Medizin, 1902 promoviert er mit einer Arbeit zur „Psychologie und Pathologie sogenannter okkulter Phänomene“. Bei seinen „Assoziationsstudien“ an der Zürcher Psychiatrischen Klinik Burghölzli stößt er auf „Teilpersönlichkeiten“ oder „Komplexe“. Komplex im Jung’schen Sinn bezeichnet etwas Unerledigtes, Konflikthaftes, das Entwicklung sowohl behindern als auch anregen kann. Freud ist zunächst begeistert, 1907 besucht Jung ihn in Wien. Doch im Lauf der Jahre treten die Unterschiede zutage. Den Begriff der Libido fasst Jung nicht ausschließlich als sexuellen Trieb, sondern als allgemeine psychische Energie. Während Freud das Kausalitätsprinzip der Naturforschung auch auf die Seelenkunde anwendet, ergänzt Jung Kausalität um Finalität: Wichtig für das Verständnis der Psyche ist nicht so sehr, woher sie kommt, sondern wohin sie strebt.

Freud hatte sich bereits vom Traum einen „Einblick in die phylogenetische Kindheit“ des Menschen versprochen. Diese Annahme führt Jung zum Konzept des kollektiven Unbewussten und der Archetypen aus. Ihm zufolge ist ein Archetyp ein „vererbter Modus der psychischen Funktionen“, eine „a priori gegebene Möglichkeit der Vorstellungsform“. Demnach kommt ein Säugling nicht als „tabula rasa“ zur Welt, sondern bringt eine komplette Lebensmatrix mit, die er durch seine Beziehungen zur Umwelt inhaltlich füllt. Die Entwicklung des Selbst, die „Individuation“, vollzieht sich in der Auseinandersetzung mit archetypischen Leitbildern – der Persona, dem Schatten, den „Seelenbildern“ Anima und Animus, der Großen Mutter und dem Alten Weisen.

Das Konzept der Archetypen wirkt sich auf den Umgang mit Träumen aus. Für Jung sind Träume nicht nur sexuellen Ursprungs, sondern dringen zu Grundfragen der menschlichen Existenz vor. Einer Deutung bedarf der Traum nicht, weil er den wahren Inhalt maskiert, sondern weil die bildhafte Sprache des Traums dem Ich nicht ohne weiteres verständlich ist. Seine Patienten behandelt Jung so individuell wie möglich und empfiehlt, die Behandlung etwa alle zehn Wochen zu unterbrechen. Etwa ein Drittel seiner Patienten leidet ihm zufolge an der „Sinn- und Gegenstandslosigkeit ihres Lebens“. Den „Seelenverlust“, nicht so sehr die sexuelle Unterdrückung, hält er für das Problem der modernen Welt. Er selbst integriert Philosophie, christliche Gnosis, Alchemie und Mystik zu einer eigenen Religiosität, die nicht konfessionell gebunden ist.

Am 6. Juni 1961 ist Carl Gustav Jung in Küsnacht am Zürichsee gestorben.

Christof Goddemeier

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