ArchivDeutsches Ärzteblatt38/2011Suizidbeihilfe: Faschistische Ideologie
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Herr PD Hohendorf hat einen sehr wichtigen und erhellenden Artikel geschrieben. Er hat mir die Beseitigung einer Unklarheit im Standesrecht begründet und eine ethische Orientierungsmöglichkeit in dem schwierigen Thema des assistierten Suizids gezeigt . . . Mich hat in dem Artikel allerdings das Argument sehr beschäftigt, dass Ärzte mit der „stellvertretenden Wahrnehmung des . . . Interesses des Patienten“ implizit über „den Wert und Unwert des Lebens“ urteilen würden. Schon die Begrifflichkeit „Unwert des Lebens“ würgt eine genaue Betrachtung und Diskussion der Mikroprozesse von weitreichenden Entscheidungen wegen der Nähe zur faschistischen Ideologie tendenziell ab. Mir erscheint es deshalb wichtig, auf die Selbstverständlichkeit hinzuweisen, dass wir (Ärzte) in Grenzbereichen der Medizin tagtäglich über das Leben von Patienten entscheiden. Wir treffen dabei meines Erachtens aber keinesfalls Entscheidungen über einen Wert/Unwert des jeweiligen (Patienten-)Lebens. Es ist bei schwerstkranken Patienten dringend nötig, die Sinnhaftigkeit von modernen medizinischen Maßnahmen im Feld zwischen einem möglicherweise anhaltenden Leiden oder einem Sterben des Patienten täglich, gelegentlich sogar stündlich, neu abzuschätzen. Auf Intensivstationen oder beispielsweise in Wiederbelebungssituationen gehört es mehr oder weniger zur „Routine“, darüber zu entscheiden, ob Maßnahmen eingeleitet, weitergeführt, vermindert oder sogar (bei „vermuteter“ und wahrscheinlicher) Erfolglosigkeit abgebrochen werden, ohne dass Patienten häufig adäquat darüber informiert werden könnten.

Wir handeln hier selbstverständlich auch „in stellvertretender Wahrnehmung des Interesses des Patienten“. Die Annahme, dass diesen Entscheidungen im Fall des Abbruchs (oder beispielsweise des Übergangs von einem kurativen auf einen palliativen Therapieansatz) implizit Urteile über einen Unwert des jeweiligen Lebens zugrunde liegen sollten, wird diesen Situationen nicht im geringsten gerecht . . .

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Dr. Rainer Steffensen, 14057 Berlin

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