ArchivDeutsches Ärzteblatt15/1996Schach- und Erfolgsmenschen

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Schach- und Erfolgsmenschen

Dtsch Arztebl 1996; 93(15): [36]

Pfleger, Helmut

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LNSLNS Ein Mensch sitzt da, ein schläfrig trüber, / ein andrer döst ihm gegenüber, / sie reden nicht, sie sitzen stumm, / Mein Gott, denkst du, sind die zwei dumm. / Der eine brummt, wie nebenbei / ganz langsam, Turm a sechs a zwei. / Der andre wird allmählich wach / und knurrt: Turm e drei d drei Schach! / Der erste, weiter nicht erregt, / starrt vor sich hin und überlegt. / Dann plötzlich, vor Erstaunen platt, / seufzt er ein einzig Wörtlein: Matt / Und die du hieltst für niedre Geister – / erkennst du jetzt als hohe Meister!
Wir wollen einmal keine Ironie in diesen Zeilen von Eugen Roth entdecken, ebensowenig wie in den Worten von Chefredakteur Norbert Jachertz bei der Eröffnung des 4. Deutschen Ärzteschachturniers in Wiesbaden jüngst, als dieser den Typus des "Schachmenschen" beschwor – dank der Gnade der retrograden Amnesie ist mir entfallen, wen er zuallererst damit meinte. Vielmehr wollen wir den Fokus unserer Aufmerksamkeit auf einen Kollegen richten, der eine beneidenswerte Eigenschaft der Ärzte verinnerlicht hat: den Glauben an den eigenen Erfolg (obwohl er Dermatologe ist – bravo!). Und wieder bin ich, nolens volens, bei Norbert Jachertz, der eine Untersuchung zitierte, nach der 60 Prozent der Menschen insgesamt (schon dies nötigt Respekt ab), aber gar 93 Prozent der Ärzte an den Erfolg ihrer Bemühungen glauben. Dies erfordert zweifellos eine in sich ruhende, äußerst gefestigte Anschauung, die sich durch die Wechselfälle des Lebens allgemein und der ärztlichen Tätigkeit insbesondere nicht allzu sehr trüben läßt. Nun aber zu besagtem Kollegen Dr. Dr. R. Brachtel, der neben dem Glauben an sich und die gelegentliche Wirkkraft von Salben und Tinkturen auch über Selbstironie (conditio sine qua non eines Dermatologen, meinetwegen auch Internisten) verfügt.
Es entzieht sich meiner Kenntnis, ob die mit dem Vorlocken des weißen Mittelbauern nach d5 eingeleitete Falle ein Spontaneinfall am Brett in Wiesbaden war. In jedem Falle hielt er als Schwarzer am Zug eine giftige und im Gegensatz zu manchen Salben höchst wirksame Applikation bereit. Mit welcher Tücke kam er entscheidend in Vorteil?
Lösung: Nach dem Angriff auf die weiße Dame mit 1. ...Sb4! konnte Weiß materiellen Verlust nicht mehr verhindern. Mit 2. Dd2 Lxb2 3. Dxb4 Lxa1 fügte er sich ins Unvermeidliche, kämpfte aber fortan für eine verlorene Sache. Das an und für sich erwünschte Wiedernehmen des Läufers mit 3.Dxb2 verbot sich wegen der ekelhaften Springergabel 3. ...Sd3+.
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