ArchivDeutsches Ärzteblatt15/1996Weltpremiere im Internet: Viel Lärm um nichts

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Weltpremiere im Internet: Viel Lärm um nichts

Glöser, Sabine

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LNSLNS Am 29. März 1996 um 12.30 Uhr war es soweit: Weltpremiere im Internet. Der Health Online Service übertrug die erste für alle Internet-Benutzer zugängige Operation "live" aus dem sportmedizinischen Zentrum der Heidelberger ATOS-Klinik. Der Operateur vor Ort wendete am Kniegelenk eines Patienten zwei Kreuzbandersatz-Operationstechniken an. Um einige Minuten zeitversetzt erschienen die Bilder der Operation auf den Bildschirmen. Gleichzeitig versammelten sich Wissenschaftler im Heidelberger Krebsforschungszentrum, wo zu dieser Zeit gerade ein Kreuzband-Symposium stattfand. Das "Ereignis" wurde in den Hörsaal übertragen. Dort sollten sich die Experten noch während der Operation per e-mail den Fragen der "Zaungäste aus aller Welt" stellen. Der medizinisch versierte Betrachter wird sich sicher gefragt haben, worin Lerneffekt und eigentlicher Nutzen bei besagter Weltpremiere bestanden. Daß beispielsweise die Telemedizin – von durchaus hoher Qualität – in der ärztlichen Ausbildung als Lernmethode eingesetzt wird, ist bekannt. Das Internet-Spektakel hingegen bot dem Zuschauer über weite Strecken nur relativ kleine Bildausschnitte, die wenig Aufschluß über das Geschehen vermittelten.
Wie viele tatsächlich das "Ereignis" über das weltumspannende Netz verfolgt haben, läßt sich nicht exakt bestimmen. Erst recht nicht die Zahl der zuschauenden Ärzte. Nach Angaben des Online-Dienstes versuchten etwa 60 000 live dabei zu sein. Infolge des enormen Andrangs sei das Datennetz aber völlig überlastet gewesen, viele konnten überhaupt keine Verbindung erhalten. Nur, die Initiatoren hätten damit von vornherein rechnen müssen. So etwas passiert eben, wenn eine bevorstehende "Weltpremiere" mit einigem PR-Aufwand über Zeitungen und Radiosender publik gemacht wird.
Mag sein, daß so mancher Zuschauer die Bilder der Operation mit großem Staunen verfolgt hat. Auf Ärzte dürfte dies kaum zugetroffen haben. Und ob es Ärzten recht sein kann, wenn ganz und gar Unbeteiligte einer Operation über das Internet "beiwohnen", mag dahingestellt bleiben. Die Berufsordnung verbietet, Nichtärzte als Zuschauer bei ärztlichen Verrichtungen zuzulassen – aus gutem Grund. Für den Online-Dienst hingegen markiert die "Weltpremiere" im Internet den Anfang einer Entwicklung: mit Hilfe dieser Technik könnten neue Fortbildungsmöglichkeiten für Ärzte geschaffen werden. Das Spektakel im Internet konnte diesem Anspruch jedoch bei weitem nicht gerecht werden. Dr. Sabine Glöser
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