ArchivDeutsches Ärzteblatt39/2011Humane Papillomaviren: Auftrieb für die Impfung

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Humane Papillomaviren: Auftrieb für die Impfung

Dtsch Arztebl 2011; 108(39): A-2026 / B-1727 / C-1709

Richter-Kuhlmann, Eva

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Es bewegt sich etwas: Den zugelassenen HPV-Vakzinen folgen Impfstoffe der zweiten Generation. Auch therapeutische Impfungen bei bestehenden Krebsvorstufen sind in der klinischen Erprobung.

Erfolge in Australien: Gardasil® schützt vor den HPV-Hochrisiko-Typen 6, 11, 16 und 18. Foto: Mauritius Images
Erfolge in Australien: Gardasil® schützt vor den HPV-Hochrisiko-Typen 6, 11, 16 und 18. Foto: Mauritius Images

Die Impfung gegen Humane Papillomaviren (HPV) gilt unter Wissenschaftlern als effektiv und sicher. Dies war nicht immer so: Seit vier Jahren empfiehlt die Ständige Impfkommission Mädchen in Deutschland, sich zum Schutz vor Gebärmutterhalskrebs gegen HPV impfen zu lassen. Der anfänglichen Euphorie folgte Unsicherheit, ausgelöst durch Pro- und Kontra-Diskussionen zur langfristigen Wirksamkeit, Sicherheit und zum Nutzen der Vakzinierung.

Die Bedenken schwinden

„Die Bedenken, die geherrscht haben, beruhten auf Missverständnissen und sind unbegründet“, erklärte Prof. Dr. Lutz Gissmann vom Deutschen Krebsforschungszentrum (DKFZ) in Heidelberg zum Auftakt der 27. Internationalen Papillomavirus-Konferenz Mitte September in Berlin. So sei das Immunsystem von sehr jungen Mädchen (13 bis 17 Jahre) durchaus in der Lage, die schützende Immunantwort zu generieren. Außerdem zeige der Rückgang an Krebsvorstufen, dass durch den Schutz vor einer Infektion mit den HPV-Hochrisikotypen 16 und 18 offenbar keine Infektionen mit anderen HPV-Typen gefördert würden.

Der Forscher räumte allerdings ein, dass es messbare Erfolge in Deutschland erst geben könne, wenn die Impfrate deutlich gesteigert werde. Die Krankenkassen erstatten die Impfung für Mädchen zwischen 12 und 17 Jahren. Sie wird derzeit jedoch lediglich von 30 Prozent der Mädchen dieser Altersgruppe in Anspruch genommen.

Begeistert verweist Gissmann deshalb auf das Ausland: „Die Daten, die jetzt aus Australien vorliegen, sind sehr erfreulich“, betonte er. Australien hatte bereits 2007 ein flächendeckendes Impfprogramm bei Schulmädchen ab der siebten Klasse mit dem tetravalenten Impfstoff Gardasil® gestartet. Dort liegt die Impfrate mit 80 bis 90 Prozent bei weitem höher als in Deutschland. Der Erfolg gibt dem Programm recht: „Nach drei Jahren konnte ein Rückgang der behandlungsbedürftigen Krebsvorstufen bei Mädchen unter 18 Jahren um etwa 60 Prozent verzeichnet werden“, erklärte Gissmann. Die Auswertung belege, dass die Impfung auch außerhalb von den Bedingungen einer klinischen Studie vor hochgradigen Zervixläsionen schützt, die als Krebsvorstufen anzusehen sind (Lancet 2011; 377: 2085–92). Zudem sei bei bereits sexuell aktiven jungen Frauen in Australien die Häufigkeit von Genitalwarzen um 59 Prozent zurückgegangen, berichtete er. Von diesem Effekt profitierten durch die „Herdenimmunität“ auch junge, heterosexuelle Männer: Auch bei ihnen sei ein Rückgang von Genitalwarzen um 28 Prozent beobachtet worden (The Lancet Infectious Diseases 2011; 11/1: 39–44).

Der andere zugelassene HPV-Impfstoff (Cervarix®) erhält ebenfalls gute Noten: Er habe zu einer deutlichen Kreuzprotektion gegen weitere krebserzeugende HPV-Typen, die nicht im Impfstoff enthalten sind, beigetragen, erläuterte Dr. Andreas M. Kaufmann von der Charité – Universitätsmedizin Berlin. Dennoch könnten die heute verfügbaren HPV-Impfstoffe künftig hinsichtlich des Wirkspektrums und der Herstellungsverfahren optimiert und preislich reduziert werden. Amerikanische Wissenschaftler würden derzeit einen Impfstoff mit dem HPV-Protein L2 anstelle des bisher genutzten L1 als Impf-Antigen erproben. Der L2-Impfstoff hat zwei Vorteile: Er ist einfacher und kostengünstiger herzustellen, so dass er auch in Entwicklungsländern eingesetzt werden kann. Zudem schützt er vor einem sehr breiten Spektrum an Papillomaviren.

Rückgang der Präkanzerosen

Auch therapeutische Impfungen, die bestehende Krebsvorstufen heilen können, seien bereits in der klinischen Erprobung, berichtete Kaufmann. So entwickelten niederländische Forscher derzeit einen Impfstoff, mit dem in einer Studie bereits Vorstufen von Vulva-Karzinomen erfolgreich behandelt wurden. „In den nächsten Jahren werden wir große Fortschritte bei den therapeutischen Impfungen sehen“, prophezeite der Forscher. Diese seien gerade für Deutschland wegen der niedrigen Impfrate bei den jungen Mädchen interessant.

Inzwischen gelte es, die Öffentlichkeit – und auch die Ärztinnen und Ärzte – noch stärker über die Impfung zu informieren, betonte Prof. Dr. Harald zur Hausen, Ehrenpräsident der Konferenz, der für seine Arbeiten über HPV-Viren 2008 den Medizin-Nobelpreis erhielt.

Dr. med. Eva Richter-Kuhlmann

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