ArchivDeutsches Ärzteblatt17/1998Krankenhausärzte: Noch immer gilt die „Kuli-Ordnung“

POLITIK: Leitartikel

Krankenhausärzte: Noch immer gilt die „Kuli-Ordnung“

Dtsch Arztebl 1998; 95(17): A-997 / B-825 / C-773

Clade, Harald

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LNSLNS Eine Folge der anhaltenden Kostendämpfungspolitik und des Wettbewerbs sind eklatante Verletzungen des Tarifrechts. Ergebnisse einer Umfrage
Der zunehmende Konkurrenzkampf der Krankenhäuser untereinander und die höheren Leistungsanforderungen an das Klinikpersonal haben einen Mißstand verschärft, unter dem vor allem die Angestellten des Krankenhauses, insbesondere die Klinikärztinnen und -ärzte, zu leiden haben: In einer Art "Kuli-Ordnung" sind dienstlich angeordnete Überstunden, die weder durch Entgelt noch durch Freizeit abgegolten werden, oftmals Klinikalltag. Hinzu kommt: Die Verstöße gegen das bereits seit fast zwei Jahren gültige Arbeitszeitgesetz sind nicht geringer geworden. Die Appelle der Personalräte und Gewerkschaften an die Klinikträger und die Betriebsführung haben ebensowenig genutzt wie die Kontrollen der Aufsichtsbehörden.
Wie der Streß am Klinikbett gewachsen ist und die Überstunden überhandnehmen, ermittelte eine reprä-sentative Umfrage des Marburger Bundes, Landesverband Nordrhein-Westfalen/Rheinland-Pfalz (von Oktober 1997 bis Januar 1998), über die wöchentlich geleisteten Klinikarbeitszeiten und die Einhaltung des Tarifrechts bei Klinikärzten. Ergebnis: erschütternd!
Nach der MB-Umfrage leistet jeder Klinikarzt durchschnittlich 8,46 Überstunden pro Woche. Hochgerechnet auf alle rund 135 000 Krankenhausärzte, sind dies jährlich 51 Millionen Überstunden mit einem Gesamtvolumen von mehr als zwei Milliarden DM. Von der Mehrarbeit werden nur knapp 30 Prozent durch Geld oder Freizeit abgegolten. Für den Rest erhielten die Klinikärzte nichts. Jährlich werden 35,4 Millionen bezahlte Überstunden im Wert von fast 1,4 Milliarden DM geleistet (in allen Krankenhäusern einschließlich der Rehabilitationskliniken). Dieses auf dem Rücken der Klinikärzte erbrachte Mehrleistungsvolumen entspricht der tatsächlichen Arbeitszeit von rund 33 000 Vollstellen, die zusätzlich geschaffen werden könnten (an Krankenhäusern und Universitätskliniken), wenn die bisher abverlangten Überstunden auf andere Kräfte verlagert und voll bezahlt würden.
Bei den meisten Klinikärzten (90,4 Prozent) gilt die 38,5-Stunden-Woche nach Maßgabe des Arbeitsvertrages. Bei 3,4 Prozent sind arbeitsvertraglich 19,25 Stunden vereinbart. Bei den übrigen (sechs Prozent) gelten andere Arbeitzeiten; 0,23 Prozent der Befragten machten keine Angaben. Bei lediglich 12,9 Prozent der Klinikärzte wird die wöchentliche Arbeitszeit eingehalten, bei 96 Prozent dagegen nicht. 68,2 Prozent der Befragten, die eine Halbzeitstelle haben, sind weiblich, 31,2 Prozent männlich. Von denjenigen, die davon abweichende Arbeitszeiten angaben, arbeiten 2,6 Prozent weniger als 19,25 Stunden je Woche, 43,6 Prozent zwischen 19,25 und 38,5 Stunden je Woche und 34,6 Prozent mehr als 38,5 Stunden je Woche - davon 78 Prozent 40 Stunden je Woche.
Erschreckend: Die Überstundenbelastungen an Hochschulkliniken ist mit 12,7 Stunden je Woche deutlich höher als in den übrigen Akutkrankenhäusern. Die "Abgeltungsmoral" ist bei den Unikliniken niedriger als in den übrigen Häusern: 16,5 Prozent der hier geleisteten Dienste werden weder finanziell noch durch Freizeit entschädigt, in den Krankenhäusern anderer Trägerschaft liegt die Quote bei rund sieben Prozent; in den kommunalen Krankenhäusern beträgt sie rund sechs Prozent.
Zu wenig Ruhezeit
Bei lediglich 50,8 Prozent der Ärzte wird nach Anschluß an den Bereitschaftsdienst Ruhezeit gewährt, bei 41,5 Prozent dagegen nicht (keine Angaben: 9,4 Prozent). Auch hier sind die Hochschulkliniken mit einer Quote von 45,9 Prozent diejenigen, die gegen zwingende BAT- und Arbeitszeitgesetzregelungen verstoßen.
Viele der Betroffenen empfinden dies als belastend; so wird ihnen der Beruf verleidet. Warum so viele Krankenhausärzte das klaglos mitmachen? "Existenzkampf und Kostendruck" lautet eine - ebenso häufige wie lapidare - Antwort. Es gibt bereits mehr als 12 000 arbeitslose Ärzte, mit zunehmender Tendenz. Wenn das so weitergeht, wird die Duldungsstarre bald erreicht sein. Dr. Harald Clade
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