ArchivMedizin studieren4/2011Ausländische Gesundheitssysteme: Auf in den hohen Norden

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Ausländische Gesundheitssysteme: Auf in den hohen Norden

Deutsches Ärzteblatt Studieren.de, 4/2011: 14

Schmitt-Sausen, Nora

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Stefanie Augenschein möchte ihre vierwöchige Famulatur in Schweden nicht missen. Foto: privat
Stefanie Augenschein möchte ihre vierwöchige Famulatur in Schweden nicht missen. Foto: privat

Skandinavien hat bei Medizinern einen guten Ruf. Wer in Nordeuropa als Arzt arbeitet, der hat geregelte Arbeitszeiten und verdient meist besser als in Deutschland. Ein Blick gen Norden lohnt: Vom Pragmatismus und der Lockerheit der Skandinavier lässt sich Einiges abschauen. 2. Teil: Skandinavien

Wer sich mit dem Gesundheitswesen von Schweden, Norwegen und Dänemark befasst, dem wird schnell klar: Hier ist irgendetwas grundlegend anders. Ja, allerdings. In Skandinavien wird das Gesundheitswesen – anders als in Deutschland – vom Staat organisiert und nahezu ausschließlich aus Steuern finanziert. Der Staat gestaltet und verwaltet das System und steuert die Gesundheitsversorgung anhand medizinischer Kriterien. Das bedeutet: Nur wer schwer erkrankt ist, wird sofort versorgt.

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Auch Stefanie Augenschein sind die Unterschiede zu Deutschland schnell aufgefallen. Die 23-Jährige hat im Spätsommer eine vierwöchige Famulatur in Schweden absolviert. Sie war in der Orthopädie eines Krankenhauses in Falun im Bezirk Dalarna in Zentral-Schweden. Aus ihrer Sicht sind es vor allem die Arbeitsbedingungen, die den Unterschied ausmachen: „Das Arbeiten in Schweden ist viel entspannter. Die Ärzte sind nicht so gehetzt und gestresst wie in Deutschland.“ Es bliebe immer Zeit für ein persönliches Wort. „Ihr Pensum schaffen die Ärzte trotzdem“, sagt Augenschein, die im 9. Semester an der Universität Regensburg studiert. Auch die Arbeitszeiten sind im Norden reguliert: „Zwischen vier und fünf am Nachmittag ist in der Regel Schluss“, weiß die Studentin. „Und freitags gehen alle um ein Uhr.“

Im skandinavischen Gesundheitswesen gilt grundsätzlich das Prinzip der Gleichbehandlung. Ziel ist es, der Bevölkerung unabhängig von ihrem Einkommen den gleichen Zugang zu Gesundheitsleistungen zu gewähren. Private Kran­ken­ver­siche­rungen spielen noch eine untergeordnete Rolle, sie widersprechen dem Solidaritätsprinzip, das in Skandinavien seit Jahrzehnten gelebt wird. Gutverdiener können sich privat zusätzlich versichern, sie sind aber automatisch im staatlichen System. Im Krankheitsfall können sie private Einrichtungen aufsuchen. Grundsätzlich sind Kliniken aber Staatseigentum, und auch Praxen sind staatlich finanziert.

Viele deutsche Ärzte blicken neidvoll gen Norden. Im MLP Gesundheitsreport 2010, einer großen Meinungsumfrage, die von der Bundes­ärzte­kammer unterstützt wird, gaben 32 Prozent der befragten deutschen Ärzte an, dass Skandinavien ein Vorbild für das deutsche System sein könnte. Augenschein kann das nachvollziehen. Sie überlegt gar, nach Studienabschluss einige Zeit in Schweden zu arbeiten. Denn gerade für Ärztinnen sind die Bedingungen reizvoll. „In Schweden gehört eine Vollzeit-Kinderbetreuung fest zum Berufsleben dazu. Das macht unabhängig.“ Auch halbtags zu arbeiten sei machbar. Wenn Ärzte über das Abwandern nachdenken, spielt sicherlich auch das Gehalt eine Rolle. In Norwegen etwa verdient ein Krankenhausarzt durchschnittlich 7 780 Euro brutto im Monat – allerdings hat er auch eine entsprechend hohe Steuerlast zu tragen.

Das durchregulierte Staatssystem Skandinaviens hat allerdings auch Schattenseiten. Kritisiert werden seit Jahren vor allem die langen Wartezeiten bei Behandlungen. Denn über die Frage, ob ein Patient ein neues Hüftgelenk bekommt und wann dieses eingesetzt wird, entscheiden nicht die Beschwerden des Patienten, sondern Richtlinien und Kapazitäten der Kliniken. Kritiker werfen den nordischen Ländern vor, die staatliche Priorisierung von Behandlungen führe zu einer Zwei-Klassen-Medizin. Denn zu beschleunigen ist der OP-Termin nur für denjenigen, der sich zur Behandlung in eine Privat-Klinik begeben kann.

Vor einem Aufenthalt im europäischen Norden mag auf den ersten Blick eins abschrecken: das Sprachproblem. Doch zumindest mit Blick auf Schweden beruhigt Augenschein: „Schwedisch zu können ist kein Muss. Man kommt zur Not auch mit Englisch hin.“ Allerdings sei es schöner, zumindest einige Worte der Landessprache zu beherrschen. So wie Augenschein: Sie hat an der Uni in Regensburg einige Semester Schwedisch gelernt. Das hat den Kollegen in Falun imponiert. Es machte einen ohnehin schon herzlichen Empfang noch herzlicher.

Nora Schmitt-Sausen

To-Do-Liste Skandinavien: Die fünf wichtigsten Dinge

1. Geeignete Stelle finden

Nach der Wahl des Landes gilt es, die Entscheidung für eine Einrichtung zu treffen. Erste Ansprechpartner sind die Auslandsbüros der Heimatuniversität, denn eigentlich alle Hochschulen haben Kooperationen. Wer den direkten Kontakt zu einer skandinavischen Universität sucht, wendet sich am besten an die International Offices der Studienberatungen. Die eigenständige Suche nach einem Krankenhaus kann mühsam sein. Das Interesse an ausländischen Studenten variiert stark.

2. Finanzierung: Stipendien helfen

Neben großen Töpfen wie der ERASMUS-Förderung (http://eu.daad.de/eu) gibt es weniger bekannte Stipendiengeber, bei denen eine Bewerbung lohnt. So unterstützt beispielsweise das Ärztefinanzzentrum Berlin (www.aerztefinanzzentrum.de) Auslandsaufenthalte für Medizin-Studenten. Eines sollte man wissen: Das Leben in Skandinavien ist sehr teuer. Die Lebenshaltungskosten sind deutlich höher als in Deutschland.

3. Bewerben: Zeit einplanen

Wie immer gilt: Ein Auslandsaufenthalt muss gut geplant sein. Für die nordischen Länder gilt der Richtwert von ein bis anderthalb Jahren Vorlaufzeit. Je nachdem, was man vor hat, wird man Aufklärungsarbeit leisten müssen, denn die nordischen Länder kennen beispielsweise das praktische Jahr nicht. Dies ist eine zusätzliche Hürde und bedeutet gleichzeitig einen Mehraufwand bei den deutschen Prüfungsämtern mit Blick auf die Anerkennung.

4. Das Visum: länderspezifische Bestimmungen

Schweden und Dänemark sind Mitglied in der Europäischen Union. Das macht einen Studien- oder Arbeitsaufenthalt mit Blick auf die Ausreise weniger aufwendig. Anders verhält es sich dagegen mit Norwegen, das kein EU-Mitglied ist. Ob mit oder ohne Visumspflicht gelten spezifische Aufenthaltsbestimmungen. Verlässlichste Informationsquelle sind die Botschaften der jeweiligen Länder in Deutschland: www.swedenabroad.com (Schweden), www.norwegen.no (Norwegen), www.daenemark.org (Dänemark).

5. Unerlässlich: viele Informationen einholen

Wer mit einem Auslandsaufenthalt in einem Land liebäugelt, das sich in Gesundheitssystem, Sprache und Kultur sehr von Deutschland unterscheidet, für den sind Vorab-Informationen besonders wichtig. Viel Wissenswertes zum Thema PJ, Famulatur und Forschung im Ausland gibt es auf der Seite www.medizinernachwuchs.de. Dort sind auch Hinweise auf deutschlandweite Uni-Vorträge zum Thema „Famulatur und PJ im Ausland“ zu finden.

Illustrationen: Fotolia

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