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Sorgentelefon: Ich muss jetzt darüber reden

Deutsches Ärzteblatt Studieren.de, 4/2011: 10

Protschka, Johanna

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Zunehmend werden an Universitäten „Nightlines“ angeboten, die den Studierenden die Möglichkeit geben, über ihre Ängste und Sorgen zu sprechen. Das Besondere sind nicht nur die späten Sprechzeiten.

Ein Satz, den Christine Kobald* von der Nightline Freiburg, dem Zuhör- und Informationstelefon von Studenten für Studenten, oft hört ist dieser: „Ich weiß nicht mehr weiter und muss jetzt darüber reden.“ Im Schnitt erreichen sie und ihre Kollegen zwei Anrufe pro Nacht, denn die Sprechzeiten in Freiburg sind während des Semesters täglich von 21 bis ein Uhr. Die Mitarbeiter der Nightline geben den Studenten die Möglichkeit, anonym über ihre Sorgen zu sprechen, egal, ob es dabei um Beziehungsprobleme geht, um den steigenden Druck während des Studiums oder den Einstieg in das zunächst vielleicht verwirrende Unileben.

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Foto: dapd
Foto: dapd

Patentlösungen für Probleme haben die Nightliner aber nicht parat, ebenso wenig verstehen sie sich als eine professionelle Beratungsstelle. Sie bieten vielmehr ein unverbindliches Gespräch an, bei dem der Anrufer sagen kann, was ihn bedrückt und darin eine Erleichterung findet. Die Studenten arbeiten alle ehrenamtlich und sehen in der Einrichtung eine sinnvolle und wichtige Ergänzung zu den Informations- und Hilfsangeboten der Universitäten. Ursprünglich kommt die Idee für das nächtliche Sorgentelefon aus Oxford, wo eine Nightline bereits in den 70er Jahren gegründet wurde. In Deutschland entstand 1995 in Heidelberg die erste Nightline, die mit Plakatslogans wie „Hellwach. Fleißig. Durchgefallen.“ oder „Schlau. Schön. Schwanger.“ auf sich aufmerksam machen konnte.

Ziel aller Nightlines ist es, gerade nachts, wenn Freunde und Eltern vielleicht nicht erreichbar sind und man ins Grübeln gerät, da zu sein und zuzuhören. Ein Psychologieprofessor der Uni Freiburg und Psychologen, die teilweise selbst bei Nightline während ihres Studiums tätig waren, schulen und betreuen die Mitarbeiter in Freiburg, so dass es immer die Gelegenheit gibt, professionellen Rat einzuholen. Bei den Schulungen werden Anrufe nachgestellt und aufgenommen, danach wird der Verlauf des Anrufs besprochen. Das sei wichtig für die reale Gesprächsführung, denn in manchen Fällen müsse der Mitarbeiter schon zu Beginn des Telefonats selbst entscheiden, ob das Anliegen des Anrufers seine Kompetenzen übersteigt. Das sei der Fall, wenn ein Anrufer beispielsweise über Gewalterfahrungen sprechen möchte oder an einem Borderlinesyndrom leidet. Man könne den Betreffenden aber immer an eine fachkundige Stelle vermitteln, das gehöre auch zu den Aufgaben, erklärt Christine Kobald.

Besonders zu Beginn des Semesters verzeichne das Sorgentelefon einen Anstieg der Anrufe. Zum Winter würden viele Erstsemester, die oft neu in der Stadt sind, das Angebot annehmen. Wenn es draußen früh dunkel werde und kalt sei, dann stiege auch das Bedürfnis nach einem offenen Ohr. Eine andere Stoßzeit seien die Klausurenphasen. Die Angst, das Pensum nicht zu schaffen und mit dem Lernen nicht voranzukommen, lässt manchen verzweifeln. Aus diesem Grund seien oft Medizinstudenten und Juristen gegen Ende ihres Studiums am Apparat, bestätigt Kobald: „Das sind sehr lernintensive Fächer, deshalb ist das auch nicht verwunderlich.“ Interessanterweise seien es aber umgekehrt häufig Medizinstudenten, die sich bei Nightline engagieren. Von den 45 Mitarbeitern in Freiburg studieren zehn Medizin, wobei die meisten von ihrer Arbeit im Studium profitieren. Christine Kobald, die selbst eine andere Fachrichtung studiert, schmunzelt und erzählt, ein Professor für Psychosomatik sei ganz begeistert gewesen von einer Gruppe Medizinstudenten, die besonders gut in dem Bereich der Gesprächsführung abgeschnitten hätten. Dass genau diese Gruppe bei Nightline tätig war, wusste er aber nicht. Die Studenten können von ihrer Arbeit bei Nightline jedoch auch im späteren Berufsleben profitieren: Man lerne nicht nur das Zuhören, sondern auch das genaue Hinhören und einen verantwortungsvollen und diskreten Umgang mit den Sorgen anderer Menschen. Ohne Berührungsängste sollen die Studenten anrufen, weshalb die Anonymität auf beiden Seiten besonders wichtig sei. Das bedeutet aber auch, wer bei Nightline arbeiten möchte, der sollte möglichst niemandem davon erzählen.

Nachwuchsprobleme hat die „Nightline Freiburg“ keine. Anders sieht es da in Karlsruhe aus, die Initiatoren dort suchen händeringend Freiwillige und laden auf Facebook zum Mitmachen ein. Auch in Berlin und Tübingen sind die Nightlines in der Aufbauphase, dort werden noch Helfer benötigt. Die Freiburger diskutieren derweil über das Thema E-Mail oder Chatberatung. Abgesehen davon, wie man beispielsweise einen längerfristig angelegten Mailkontakt bei einer begrenzten Präsenzzeit aufrecht erhalten kann, stellt sich die Frage nach den technischen Voraussetzungen. „Die haben wir momentan einfach noch nicht“ erklärt Kobald, „aber eine Skypefunktion ist bei uns immerhin schon installiert“. Das Feedback der Anrufer sei in der Regel positiv. Auch wenn in den Gesprächen nicht immer eine Lösung gefunden werden könne, seien die meisten Anrufer froh, mit jemandem über ihr Problem reden zu können. Oft helfe es schon während des Erzählens, die Gedanken zu ordnen.

Wer selbst Bedarf an seiner Uni für eine Nightline sieht, kann sich mit Fragen an die anderen Nightlines wenden. Ganz unaufwendig ist der Aufbau eines Sorgentelefons jedoch nicht. Es muss ein Verein gegründet und eine Satzung beschlossen werden. Der Gang zum Amtsgericht bleibt einem ebenfalls nicht erspart, da eine Nummer für das Vereinsregister nicht fehlen darf. Zudem muss abgeklärt werden, wer die Schulungen der Mitarbeiter übernimmt und ob das Studentenwerk die Räumlichkeiten und einen Telefonanschluss stellen kann. Wenn dann noch engagierte Mitarbeiter gefunden werden, die sich gern mal eine Nacht um die Ohren schlagen, dann könnte es losgehen, wenn es heißt: „Hallo hier ist die Nightline, wir sind ein Zuhörtelefon“ Johanna Protschka

* Name von der Redaktion geändert

Nightlines in Deutschland

Während des Semesters erreichbar

Sprechzeiten

  • Heidelberg: täglich 21– 02 Uhr, 06221 184708
  • Freiburg: täglich 21– 01 Uhr, 0761 2039375
  • Dresden: Di; Do; So 21– 01 Uhr, 0351 4277345
  • Köln: Di; Fr; So 21– 02 Uhr, 0221 4703500
  • Konstanz: Di–Mi; Fr-So 21– 01 Uhr, 07531 206886
  • Münster: Mo–Fr 21– 01 Uhr, 0251 8345400
  • Potsdam: Mo; Do; So 21– 01 Uhr, 0331 9771834

Nightlines in der Aufbauphase

  • Berlin: berlin@nightlines.eu
  • Tübingen: tuebingen@nightlines.eu
  • Karlsruhe: karlsruhe@nightlines.eu
  • München: muenchen@nightlines.eu

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