ArchivDeutsches Ärzteblatt40/2011Interview mit Dr. Steffen Kröhnert, Forschungs­schwerpunkt regionale Bevölkerungs­entwicklung: „Lieber eine Gemeinde­schwester als gar kein Arzt“

POLITIK: Das Interview

Interview mit Dr. Steffen Kröhnert, Forschungs­schwerpunkt regionale Bevölkerungs­entwicklung: „Lieber eine Gemeinde­schwester als gar kein Arzt“

Rieser, Sabine

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS

Der Sozialwissenschaftler erforscht, weshalb manche Dörfer und Kleinstädte wachsen und andere veröden. Ein Gespräch über zu hohe Standards, wachsendes bürgerschaftliches Engagement und die Vorzüge flexibler medizinischer Versorgung.

Herr Dr. Kröhnert, Politik und Ärzteschaft bemühen sich darum, angehende Ärztinnen und Ärzte für eine Patientenversorgung auf dem Land zu gewinnen. Haben sie eine Chance?

Anzeige

Kröhnert: Es ist absolut sinnvoll, sich darüber Gedanken zu machen. Gleichwohl ist es eben so, dass sich gut qualifizierte Menschen, ganz besonders die jüngeren, in Richtung der Städte bewegen. Diesen Trend kann man nicht stoppen.

Was halten Sie davon, Ärzten in ländlichen Regionen höhere Honorare zu zahlen oder Medizinstudierende finanziell zu fördern, die später aufs Land gehen wollen?

Dr. Steffen Kröhnert (42) forscht am Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung. Sein Hauptinteresse gilt der regionalen Bevölkerungsentwicklung sowie ihren sozialen und ökonomischen Auswirkungen. Denn der Drang in die Städte, in denen sich Arbeitsplätze und Bevölkerung konzentrieren, scheint unaufhaltsam und führt zu erheblichen Problemen für Dörfer und Kleinstädte, nicht zuletzt in der medizinischen Versorgung. Kröhnerts Biografie passt zum Trend: Der gelernte Tischler, der aus einem Dorf in der Sächsischen Schweiz stammt, studierte in Berlin und arbeitet seitdem hier. Foto: privat
Dr. Steffen Kröhnert (42) forscht am Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung. Sein Hauptinteresse gilt der regionalen Bevölkerungsentwicklung sowie ihren sozialen und ökonomischen Auswirkungen. Denn der Drang in die Städte, in denen sich Arbeitsplätze und Bevölkerung konzentrieren, scheint unaufhaltsam und führt zu erheblichen Problemen für Dörfer und Kleinstädte, nicht zuletzt in der medizinischen Versorgung. Kröhnerts Biografie passt zum Trend: Der gelernte Tischler, der aus einem Dorf in der Sächsischen Schweiz stammt, studierte in Berlin und arbeitet seitdem hier. Foto: privat

Kröhnert: Höhere Honorare sind sicherlich einer von mehreren Ansätzen. Die frühe Verpflichtung von Medizinstudenten erinnert mich zu sehr an Ansätze in der DDR. Dazu kommt: Gerade hochqualifizierte junge Leute wollen sich heute beruflich nicht für einen sehr langen Zeitraum auf etwas festlegen, also nicht wie niedergelassene Ärzte zum Beispiel investieren, sich hoch verschulden und dann von einem Ort nicht mehr wegkönnen. Man müsste die Hürden senken.

Und wie?

Kröhnert: Man könnte jungen Ärztinnen und Ärzten doch die Möglichkeit einräumen, für eine begrenzte Zeit an einem Ort zu arbeiten. Warum soll es nicht genug Ärzte geben, die zwar nicht in der Uckermark leben wollen, aber eine Zeit lang gern dort arbeiten? Das könnte mancher ländlichen Region schon helfen. Es stellt sich doch die Frage, ob es nicht sinnvoller ist, Positionen statt Personen zu fördern, also Einrichtungen, in denen Ärzte entweder für ein paar Tage die Woche oder auch begrenzt für ein paar Jahre arbeiten, sich aber nicht für den Rest ihres Lebens dazu verpflichten müssen.

Sie sind in den verschiedensten Regionen unterwegs. Welche Rolle spielt da die medizinische Versorgung?

Kröhnert: Im Rahmen meiner Forschungsprojekte stand die medizinische Versorgung zwar nicht im Vordergrund. Aber die soziale Betreuung gerade von Älteren oder auch Behinderten ist vielerorts ein Thema. Es geht ja nicht immer nur darum, dass Krankheiten zu behandeln sind, sondern die Vereinsamung und die abnehmenden sozialen Kontakte sind ein Problem. Hier müsste man die Ärzte, gerade die Hausärzte, im Grunde dringend entlasten dadurch, dass es andere Ansprechpartner gäbe als sie.

Welche Lösungen wären zu kopieren?

Kröhnert: Es wird vielerorts diskutiert, inwiefern mehr bürgerschaftliches Engagement helfen könnte. Immer mehr gut ausgebildete und wohlhabende Menschen kommen heutzutage ins Rentenalter und wollen noch etwas für die Gemeinschaft tun. Ich erinnere mich, dass in Bremerhaven eine Pflegeeinrichtung für Demenzkranke so konzipiert wurde, dass ein professioneller Anbieter die Pflege und ein Verein mit Ehrenamtlichen die soziale Betreuung übernimmt.

Könnte man denn überhaupt genug Ehrenamtliche gewinnen, um den steigenden Betreuungsbedarf zu decken?

Kröhnert: Die Herausforderungen sind sicher enorm. Natürlich besteht die Gefahr, dass irgendwann viele über 80-Jährige in Dörfern zurückbleiben und überhaupt nicht mehr betreut werden. Vielleicht muss man in 20 Jahren Anreize setzen, dass sie aus ihrem Dorf wegziehen in die nächste Kleinstadt. Die könnte sich vermutlich stabilisieren, wenn genug Leute dort hinziehen würden.

Schon heute wird beklagt, dass man als Dorfbewohner schlecht zum Arzt gelangt. Gibt es dafür Lösungen?

Kröhnert: Es wird zwar geklagt, aber das ist noch kein allzu großes Problem. Viele alte Menschen haben Kinder oder andere Verwandte, die sie fahren. Sie gehören ja nicht zur Generation, in der ein Viertel kinderlos ist. Das Problem wird sich aber verstärken. Natürlich sind Linienbusse in vielen ländlichen Regionen zukünftig gar nicht mehr finanzierbar. Manche Kommunen versuchen es bereits mit einem Bürgerbus, den Ehrenamtliche fahren. Möglich wäre in dünn besiedelten Gegenden auch ein Ruf-Bus-System. Ein alter Mensch will schließlich nicht irgendwo stehen und auf einen Bus warten, der dann noch nicht einmal pünktlich kommt.

Sie haben versucht, Indikatoren zu finden, anhand derer man feststellen kann, ob Dörfer und Kleinstädte eine Zukunft haben. Mit welchem Ergebnis?

Kröhnert: Man muss eine Region sehr kleinteilig analysieren, und selbst dann ist es schwer, eindeutige Indikatoren zu finden. Teilweise spielen Besitzverhältnisse eine Rolle. Dort, wo viele Leute Wohneigentum besitzen, das sie aber nicht verkaufen können, bleiben sie eben. Manchmal hat es ein Bürgermeister geschafft, vor Jahren noch ein Baugebiet auszuweisen und junge Familien anzulocken. Oder es gibt ein reges Vereinsleben. Die Zahl der Vereine ist in Dörfern, die noch wachsen, im Durchschnitt dreimal so hoch wie in denen, die schrumpfen. Wenn man allerdings deutschlandweit vergleicht, stellt man fest: Der Bevölkerungsrückgang fällt umso stärker aus, je weiter entfernt ein Ort vom Oberzentrum ist.

Gerade im Zusammenhang mit der medizinischen Versorgung wird oft gefordert, die Kommunen sollten sich stärker bemühen. Würde das nutzen?

Kröhnert: Es gibt eine ganze Reihe von Dörfern mit 100 bis 200 Einwohnern, in denen keine Kinder unter sechs Jahren mehr leben. Die haben im Grunde keine Zukunftschance. Was das Engagement der Kommunen betrifft, fällt mir Gessin in Mecklenburg-Vorpommern ein. Dort gibt es keinen Arzt mehr, aber Räume für mobile Dienstleister, etwa den Fußpfleger, Physiotherapeuten oder Friseur. Sie können für ein paar Stunden pro Woche ihre Dienste anbieten. Das ist sicher eine gute Lösung für ein Dorf.

Würde es helfen, wenn mehr Bürgermeister Geld in die Hand nähmen?

Kröhnert: Oft haben sie doch gar keinen finanziellen Spielraum. Rückläufige Steuereinnahmen, Einwohnerverluste – viele Kommunen haben immer geringere Einnahmen. Gleichzeitig müssen sie hohe oder gar steigende Ausgaben hinnehmen, weil viele Leistungen gesetzlich festgeschrieben sind und die Anforderungen an die Infrastruktur gleich bleiben oder sogar steigen.

Sie meinen Ausgaben für die Kläranlage oder Straßen?

Kröhnert: Ja. Unter Wachstumsbedingungen war es sicher ein hehres Ziel, die Lebensverhältnisse anzugleichen. Doch angesichts des Bevölkerungsrückgangs und der Schuldenproblematik graben diese Anforderungen vielen Gemeinden das Wasser ab. Wir stellen vielleicht längst zu hohe Anforderungen. Eine Gemeindeschwester anstelle eines Arztes gilt als nichts Halbes und nichts Ganzes. Nur: Wenn wir die hohen Standards nicht mehr halten können, müssen wir pragmatischer werden. Ein niedrigerer Standard, der die Grundbedürfnisse der Menschen aufgreift, ist immer noch besser als gar keine gesundheitliche oder psychosoziale Betreuung. Das heißt: Lieber eine Gemeindeschwester als gar kein Arzt.

Noch versucht man gegenzusteuern.

Kröhnert: Gegenzusteuern wird immer schwieriger, weil das Geld kostet, das bald nicht mehr zur Verfügung steht. Thüringen muss bis 2020 rund ein Drittel des Haushalts einsparen. Dennoch geht kaum einer strategisch an das Thema heran, wie Menschen im ländlichen Raum in 20 Jahren versorgt werden sollen. Denn dann müsste man Antworten geben, die vielen nicht gefallen.

Dass es für viele Hochbetagte auf dem Land keinen nahen Arzt mehr gibt?

Kröhnert: Einen alten Baum verpflanzt man nicht, heißt es in Deutschland. Andererseits werden die Alten der Zukunft nicht mehr die sein, die ihr ganzes Leben lang nicht aus ihrem Dorf herausgekommen sind. Vielleicht wird manches auch leichter, zum Beispiel dahin umzuziehen, wo man das, was man im Alter benötigt, auch bekommt.

Das Interview führte Sabine Rieser.

Das Berlin-Institut hat sich mit zahlreichen Veröffentlichungen zum demografischen Wandel einen Namen gemacht. Lesetipps: „Die demografische Lage der Nation: Was freiwilliges Engagement für die Regionen leistet“ und „Demenz-Report: Wie sich die Regionen in Deutschland, Österreich und der Schweiz auf die Alterung der Gesellschaft vorbereiten“.

Kommentare

Die Kommentarfunktion steht zur Zeit nicht zur Verfügung.

Fachgebiet

Zum Artikel

Der klinische Schnappschuss

Alle Leserbriefe zum Thema

Stellenangebote

    Interviews