THEMEN DER ZEIT

Fetale Alkoholspektrumstörung: Mädchen frühzeitig erreichen

PP 10, Ausgabe Oktober 2011, Seite 469

Osterloh, Falk

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Foto: Fotolia
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Sie ist die häufigste angeborene Behinderung in unserem Staat. Dennoch ist Deutschland bei der Diagnostik von FASD international Schlusslicht. Und nun steht auch noch eines der beiden FASD-Zentren finanziell vor dem Aus.

Am Tor verteilt ein Junge Sonnenblumen. Der Innenhof ist bunt geschmückt, es gibt selbst gebackenen Kuchen. Kinder spielen Fußball auf einer Wiese. Es ist ein fröhliches Sommerfest, das das Evangelische Kinderheim Sonnenhof im Berliner Bezirk Spandau an diesem Tag feiert. Doch es ist kein fröhlicher Anlass. Denn es ist der 9. September, der Internationale Tag des alkoholgeschädigten Kindes.

Niemand weiß genau, wie viele Kinder mit einer Form der fetalen Alkoholspektrumstörung (FASD) jedes Jahr in Deutschland geboren werden. Schätzungen reichen von 3 000 bis 10 000 behinderten Babys. Klar ist nur: FASD ist die häufigste angeborene Behinderung in Deutschland. Und klar ist auch: „FASD ist eine zu 100 Prozent vermeidbare Behinderung“, wie die Drogenbeauftragte der Bundesregierung, Mechthild Dyckmans, auf dem Fest betonte. Deshalb sei es so wichtig, schon Mädchen über die Folgen von Alkoholkonsum in der Schwangerschaft zu informieren.

Einen Grenzwert gibt es nicht

„Alkohol während der Schwangerschaft kann schon in geringen Mengen ausreichen, um FASD hervorzurufen“, erklärte die Leiterin des Sonnenhofs, die Diplom-Psychologin Gela Becker. Und einen sicheren Grenzwert für ungefährlichen Alkoholkonsum in dieser Zeit gebe es nicht.

Dyckmans berichtete, dass dennoch in vielen Schwangerschaftsratgebern heute noch zu lesen sei, ein paar Gläser Wein während der Schwangerschaft schadeten nichts. „Wir haben die Verlage angeschrieben und sie gebeten, diese gefährliche Aussage aus ihren Ratgebern zu entfernen“, so die Drogenbeauftragte. Manche Verlage zeigten sich einsichtig. Andere nicht.

Dyckmans ist es wichtig, junge Mädchen frühzeitig zu erreichen und die Botschaft so oft wie möglich zu wiederholen. So erhalten infolge einer gemeinsamen Aktion mit der Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände (ABDA) zum Beispiel schwangere Frauen oder Mädchen, die ein Rezept für die Antibabypille einreichen, in der Apotheke eine Informationskarte, auf der vor Gefahren durch Alkohol, Nikotin und bestimmte Medikamente für ein ungeborenes Kind gewarnt wird.

Das zentrale Ziel sei es, die Diagnostik zu verbessern, sagte Becker. „In Deutschland fangen wir jetzt erst an, das Vollbild der Behinderung, das fetale Alkoholsyndrom, zu definieren. Dabei sind die Unterformen von FASD viel zahlreicher und schwerer zu diagnostizieren.“ Hier sei Deutschland international Schlusslicht. Obwohl die Behinderung so weit verbreitet sei, dauere es deshalb in Deutschland lange, bis die Eltern oder Pflegeeltern der Kinder eine richtige Diagnose erhielten.

„Man sieht den Kindern nicht im Gesicht an, dass sie an FASD leiden“, erklärte Prof. Dr. med. Hans-Ludwig Spohr, Leiter des FASD-Zentrums an der Charité. „Deshalb ist es so wichtig, dass wir auch in Deutschland endlich eine S3-Leitlinie für dieses Störungsbild erhalten.“

Wie in einer richtigen Familie

Die Kinder, die jetzt den Kuchen essen, wohnen in den beiden Häusern des Sonnenhofs. Jedes von ihnen hat ein eigenes Zimmer, zum Spielen treffen sie sich im gemeinsamen Wohnzimmer. Becker: „Wir möchten den Kindern das Gefühl geben, in einer richtigen Familie aufzuwachsen.“

In Deutschland gibt es nicht viele Einrichtungen, die sich ausschließlich mit der Diagnose und Therapie von FASD befassen. Eines liegt in Münster, das andere an der Charité. „In Deutschland müsste es viel mehr Spezialambulanzen zur Erkennung und Behandlung von Kindern mit FASD geben“, sagte Becker. Stattdessen ist die Berliner Einrichtung, die bislang von der Stiftung für das behinderte Kind finanziert wird, akut gefährdet. „Die Trägerstiftung hat nicht genug Spenden eingenommen, um das FASD-Zentrum über das Jahr 2011 hinaus zu finanzieren“, so Becker. „Nun könnte es also sein, dass in einem Staat wie Deutschland die Hälfte der existierenden FASD-Zentren geschlossen wird. Das wäre nicht nur ein schwerer Schlag für die betroffenen Familie, das wäre auch ein Armutszeugnis für unser Land!“

Falk Osterloh

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