ArchivDeutsches Ärzteblatt18/1998Klinische Forschung: Wege aus der Krise

POLITIK: Leitartikel

Klinische Forschung: Wege aus der Krise

Zylka-Menhorn, Vera

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LNSLNS Vertreter der Deutschen Gesellschaft für Chirurgie,
Pharmazeutischen Industrie, Klinikverwaltungen
und Deutschen Forschungsgemeinschaft zeichnen konkrete Lösungsmöglichkeiten auf.
Nur mit einschneidenden inhaltlichen, strukturellen und gesetzlichen Veränderungen läßt sich die Klinische Forschung in Deutschland aus der Krise führen. Wege aus dem Dilemma zeigten Vertreter aus der Deutschen Forschungsgemeinschaft, Theoretischen Medizin, Pharmazeutischen Industrie, Verwaltung und Patienteninitiativen anläßlich eines Pressegesprächs in Bonn auf Einladung der Deutschen Gesellschaft für Chirurgie auf. Nach Auffassung ihres Präsidenten Prof. Dr. Christian Herfahrt (Universität Heidelberg) hat die medizinische Forschung durch die Entwicklung der Zell- und Molekularbiologie eine Dimension erlangt, die viel mehr in die klinischen Fachgebiete mit einbezogen werden müsse.
Die zwingend notwendige Einführung der Biomedizin in sein Fachgebiet sei jedoch mit den klassischen Forschungsstrukturen der Chirurgie (Institute für Experimentelle und Theoretische Chirurgie) allein nicht zu bewältigen: "Es müssen dringend neue Organisationsformen geschaffen werden." Als vorrangig bezeichnete Herfahrt die Zusammenarbeit von Chirurgen mit Wissenschaftlern der Grundlagenforschung: "Dabei hat sich die direkte Kooperation am Ort als besonders leistungsfähig erwiesen."
Im Rahmen solcher "Tandem-Strukturen" arbeiteten Kliniker und Theoretiker gleichwertig nebeneinander und würden aneinander gebunden. Als gelungenes Beispiel für eine derartige Organisationsform nannte Herfahrt die vor sieben Jahren in Heidelberg initiierte Kooperation zwischen Chirurgen, Immunologen und dem Deutschen Krebsforschungszentrum.
Da die molekularbiologischen Methoden durch ständige Erneuerung und hohe Professionalität gekennzeichnet sind, so Herfahrt, sei für Chirurgen eine methodische Einarbeitungszeit von mindestens zwei Jahren einzuplanen, um als annähernd kompetenter Gesprächspartner für einen Grundlagenwissenschaftler in Frage zu kommen. In dieser Zeit müßten die Forschungsaspiranten von der Routinearbeit freigestellt werden.
Neugestaltung
der Autorenschaft
Als nicht mehr zeitgemäß und für die moderne klinische Forschung hinderlich erklärte Herfahrt die gängige Praxis der Habilitation. "Die jetzige Habilitation bindet Arbeitskraft für ein meist monographisches Werk, das anschließend im Archiv oder allenfalls in Archivzeitschriften verschwindet." Er empfahl, die Habilitation mehr von Publikationen in renommierten Fachjournalen abhängig zu machen. In diesem Zusammenhang sei es jedoch auch erforderlich, die Autorenschaft von Publikationen neu zu gestalten.
Während für das wissenschaftliche "ranking" heute nur der erste und der letzte Platz zähle, sollte zukünftig auch der Zweit- und Drittautor gleichwertig aufgeführt werden können, wenn die Position des theoretischen und des klinischen Partners identisch ist. "Heute steht der Grundlagenforscher meist an erster Stelle, dadurch wird der klinische Partner demotiviert."
Aus der Sicht des Verbandes der Forschenden Pharmahersteller (VFA) zeichnet sich für die Klinische Forschung in Deutschland ein düsteres Bild: Obwohl die Industrie die Klinische Forschung an deutschen Hochschulen, Kliniken und Praxen jährlich mit 1,5 Milliarden DM unterstützt, erfährt sie wenig Gegenliebe und muß mit vielen Hindernissen leben. So werte die Öffentlichkeit gerne Patienten, die an klinischen Studien teilnehmen, als "Versuchskaninchen", erklärte Dr. Eberhard Baumbauer (VFA); "Hochschullehrer glauben, daß sie mit klinischen Prüfungen in industriedominierte Niederungen hinabsteigen".
Darüber hinaus akzeptierten viele Krankenhäuser nicht die weltweit gültigen Standards zur professionellen Durchführung klinischer Studien. "Wir stoßen in Deutschland häufig auf Protokollverstöße, die selbst aufwendige Studien wertlos machen", so Baumbauer. Für die Industrie bedeute jedoch jeder Tag, der die Einführung eines Arzneimittels verzögert, einen finanziellen Verlust von einer Million DM. Aufgrund des verstärkten Wettbewerbsdrucks in der Pharmabranche gewinne die Standortfrage daher an Bedeutung. Als geradezu absurd sei bei Multizenterstudien die Rolle der regionalen Ethikkommissionen zu bewerten. Als Beispiel nannte Baumbauer eine Untersuchung, die an 15 Zentren in verschiedenen Bundesländern mit insgesamt 150 Patienten durchgeführt wird. Da jede regionale Ethikkommission aus acht Mitgliedern besteht, entfallen auf 150 Patienten 120 Ethiker: "Es kann doch nicht angehen, daß jeder Patient seinen eigenen Ethiker an die Seite gestellt bekommt", kritisierte Baumbauer. Der VFA plädiert daher bei Multizenterstudien für die Begutachtung durch eine Leit-Ethikkommission. Das Arzneimittelrecht räume diese Möglichkeit jetzt zwar bereits ein, berufsrechtlich werde sie jedoch nicht umgesetzt.
Als kontraproduktiv für die Forschung in Deutschland hat sich auch das neue Arbeitszeitgesetz erwiesen, das (in Anlehnung an die EG-Richtlinie 93/104 vom 23. November 1993) seit zwei Jahren in der Bundesrepublik angewendet wird und zu grundlegenden Veränderungen an den Kliniken geführt hat. Das Gesetz fordert - grob skizziert - die Reduzierung der jetzt kaum begrenzten Arbeitszeit in den Krankenhäusern und Kliniken auf eine Höchstarbeitszeit pro Tag und die Einhaltung klar definierter Ruhezeiten (insbesondere nach Bereitschaftsdiensten). Dadurch wird nicht nur die Patientenversorgung gefährdet (bei strenger Durchführung der gesetzlichen Vorschriften sieht ein Kranker seinen chirurgischen Stationsarzt nur noch zweimal pro Woche), sondern auch forschungswilligen Ärzten werden Fesseln angelegt. "Da Forschung und Lehre an den Unikliniken ausdrücklich in das Arbeitszeitgesetz mit einbezogen sind, ist damit - im Vergleich zu anderen Ländern - in Deutschland die einmalige Situation entstanden, daß Forschungsaktivitäten zeitlich begrenzt sind", erklärte Verwaltungsdirektor Rüdiger Strehl von der Universität Tübingen und berichtete über seine Erfahrungen.
Viele Schriftsätze und Unterredungen mit den zuständigen Stellen im Sozialministerium und dem Gewerbeaufsichtsamt seien auf taube Ohren gestoßen. "Reklamierte Ausnahmeregelungen für den ärztlichwissenschaftlichen Dienst wurden sowohl mit juristischen Argumenten als auch mit ordnungspolitischen Erwägungen verweigert", berichtete Strehl, "beispielsweise dürfe den Unikliniken via Arbeitszeitrecht kein Wettbewerbsvorteil gegenüber anderen Krankenhäusern eingeräumt werden."
Bundesweit versuchen die klinisch tätigen und forschungswilligen Ärzte, sich notdürftig mit dem Gesetz zu arrangieren - was angesichts einer täglichen Dokumentationspflicht nicht immer einfach ist. "Inzwischen wissen wir, daß in Tübingen die Staatsanwaltschaft Ermittlungen aufgenommen hat, angeregt durch wen auch immer", so Strehl in Bonn. Sollte sich ihr Verdacht auf Nichteinhaltung des Arbeitszeitgesetzes bestätigen, drohen Bußgelder bis 30 000 DM beziehungsweise eine Freiheitsstrafe bis zu einem Jahr bei Vorsatz, beharrlicher Wiederholung und Gesundheitsgefährdung. "Auf diese Weise werden fleißige und forschungswillige Mediziner kriminalisiert."
In einem Punkt waren sich alle Anwesenden in Bonn einig: Die Krise der Klinischen Forschung ist nicht finanzbedingt. 300 Millionen DM stelle die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) zur Verfügung, 200 Millionen DM das Bun­des­for­schungs­minis­terium, 265 Millionen DM das Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­ium und schließlich 1,5 Milliarden DM die Industrie. "Es sind genügend Geldmittel vorhanden", erklärte Dr. Beate Konze-Thomas von der DFG in Bonn: "Nur ihre Verteilung muß anders als bisher geregelt werden." Nach der bisherigen Praxis stelle die DFG beispielsweise Fördermittel für den Zeitraum von zwei Jahren zur Verfügung. Nach Ablauf dieser Frist werde die weitere Finanzierung von der Anzahl und/oder Qualität der Publikationen abhängig gemacht. "Bei Klinischen Forschungsprojekten liegt jedoch nach so kurzer Zeit noch kein Studienergebnis vor", berichtete Konze-Thomas.
Bisher würden die Gutachter in diesen Fällen eine weitere Förderung ablehnen und die Studienleiter auffordern, den restlichen Teil des Forschungsprojektes durch Eigenmittel zu finanzieren - was häufig nicht möglich ist. Dazu Konze-Thomas: "Die DFG muß sich daran gewöhnen, nicht nur die Grundlagenforschung, sondern auch anwendungsbezogene Projekte mit ihren Besonderheiten zu begutachten und zu fördern."
Obwohl die Klinische Forschung in Deutschland zum Teil erheblich verbesserungswürdig sei, gibt es nach Ansicht von Prof. Dr. Wilfried Lorenz (Institut für Theoretische Chirurgie, Marburg) jedoch keinen Grund zum Pessimismus: "Gerade die deutsche Chirurgie hat Forschungsleistungen erbracht, die zwar international gewürdigt werden, im eigenen Lande aber wenig beachtet bleiben." Hierzulande falle beispielsweise unter den Tisch, daß die deutsche Chirurgie das vielzitierte amerikanische Vorbild in einem Schwerpunkt bereits seit langer Zeit übertreffe.
"Die Bewertung der Lebensqualität bei der Therapie von Krebserkrankungen wurde im Jahr 1978 erstmals in Deutschland publiziert", so Lorenz. Darüber hinaus würden die Unfallchirurgie (insbesondere die Osteosynthese) und die endoskopische Chirurgie vom American College of Surgeons und von der Weltorganisation für Chirurgie ausdrücklich als Pionierleistungen der Deutschen gewürdigt.
Dr. med. Vera Zylka-Menhorn
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