ArchivDeutsches Ärzteblatt41/2011Körperbilder: Wilhelm Lehmbruck (1881–1919) – Vergeistigt und voller Anmut

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Körperbilder: Wilhelm Lehmbruck (1881–1919) – Vergeistigt und voller Anmut

Schuchart, Sabine

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Er war geschockt. Der berühmte Kunstkritiker Julius Meier-Graefe war 1911 in Lehmbrucks Pariser Atelier gekommen, um die neue Skulptur in Augenschein zu nehmen: „Im ersten Augenblick glich sie einer gigantischen Gliederpuppe. Meine Enttäuschung kannte keine Grenzen“, erinnerte er sich Jahre später in der „Frankfurter Zeitung“. „In meinem Ärger nannte ich sie gotisch. Sie zerschnitt die Luft wie ein steiles Riff und zwang den Betrachter, entweder niederzusinken oder davonzugehen.“ Natürlich kehrte er bald zurück, um vor der revolutionären Formensprache und Schönheit der Knienden bewundernd niederzusinken. Doch sein Groll war mehr als nur eine erste Überreaktion. Er resultierte aus dem radikalen Bruch mit der bildhauerischen Tradition, den Lehmbruck gewagt hatte: Der Künstler stilisierte sein Frauenideal, verabschiedete sich völlig von realistischen Proportionen, fokussierte bei aller körperlichen Präsenz auf ihre Vergeistigung und thematisierte so den Konflikt zwischen Leib und Seele.

Wilhelm Lehmbruck: „Kniende“, 1911, Gipsguss mit lackartigem Überzug, 179 × 71 × 141 cm: Auf Augenhöhe kniet sie vor dem Betrachter – die langgliedrige nackte Frau, die an eine mittelalterliche Mariengestalt erinnert. Trotz ihrer 100 Jahre ist sie auch heute noch äußerst attraktiv. Lehmbruck vermerkte auf der Rückseite ihrer Fotografie „Kniende, überlebensgroß”, denn stehend würde sie ihr Gegenüber weit überragen. Der Dialog, zu dem sie einlädt, entwickelt sich über die Körpersprache und nicht den Augenkontakt, denn sie hält den Blick gesenkt. Durch ihre aufrechte Haltung und das linke stehende Bein wirkt sie stolz, selbstbewusst. Der fein geformte Kopf und die anmutig vor der rechten Brust erhobene Hand unterstreichen den Zustand der inneren Ruhe. Gleichzeitig lässt uns der Bildhauer an ihrer Bewegung teilhaben. Er hat genau den Moment eingefangen, in dem sie wie eine Primadonna das Knie beugt oder sich aus dem Knicks erhebt. Foto: LehmbruckMuseum/Thomas Riehle
Wilhelm Lehmbruck: „Kniende“, 1911, Gipsguss mit lackartigem Überzug, 179 × 71 × 141 cm: Auf Augenhöhe kniet sie vor dem Betrachter – die langgliedrige nackte Frau, die an eine mittelalterliche Mariengestalt erinnert. Trotz ihrer 100 Jahre ist sie auch heute noch äußerst attraktiv. Lehmbruck vermerkte auf der Rückseite ihrer Fotografie „Kniende, überlebensgroß”, denn stehend würde sie ihr Gegenüber weit überragen. Der Dialog, zu dem sie einlädt, entwickelt sich über die Körpersprache und nicht den Augenkontakt, denn sie hält den Blick gesenkt. Durch ihre aufrechte Haltung und das linke stehende Bein wirkt sie stolz, selbstbewusst. Der fein geformte Kopf und die anmutig vor der rechten Brust erhobene Hand unterstreichen den Zustand der inneren Ruhe. Gleichzeitig lässt uns der Bildhauer an ihrer Bewegung teilhaben. Er hat genau den Moment eingefangen, in dem sie wie eine Primadonna das Knie beugt oder sich aus dem Knicks erhebt. Foto: LehmbruckMuseum/Thomas Riehle

Auch Lehmbruck quälten zunächst Zweifel an seinem neuen Weg, obwohl Kunstexperten diesen schon bald als „Expressionismus in der Skulptur“ feierten. „Schön“ fand er seine Kniende erst bei ihrer Ausstellungspremiere im Pariser Grand Palais. Die letzten Bedenken verschwanden 1913, als er als einziger deutscher Bildhauer an der Armory Show in New York teilnehmen durfte. Seine Plastik wurde international bekannt. Der Bergarbeitersohn aus Duisburg, der mit Hilfe eines Mäzens 1910 nach Paris umgezogen war, um von den dortigen Impulsen zu zehren, hatte den Durchbruch geschafft.

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Doch wie war es Lehmbruck in Paris gelungen, sich von Künstlervorbildern wie Rodin oder Maillot zu lösen und den Übergang zur Moderne zu vollziehen? Zum 100. Geburtstag des Jahrhundertkunstwerks widmet das Duisburger Lehmbruck-Museum dieser Frage eine groß angelegte Ausstellung und stellt den kulturellen und zeitgeistigen Kontext vor, in dem die Skulptur entstand. Eine Bronze und ein Gipsguss (in der Sammlung) laden dazu ein, die Kniende zu betrachten. Sie wirkt zwar heute nicht mehr revolutionär, hat aber an Spiritualität nichts eingebüßt. Man müsse sich um sie bemühen, hatte schon Meier-Graefe erkannt: „Dann kann es geschehen, dass die Sprache der Knienden zu einem Ruf wird, auch wenn wir nicht wissen, wohin er uns führt.“ Sabine Schuchart

Ausstellung
„100 Jahre Lehmbrucks Kniende – Paris 1911“

Lehmbruck-Museum, Friedrich-Wilhelm-Straße 40, Duisburg,

So. 11–19, Mi./Fr./Sa. 12–19, Do. 12–21 Uhr;

www.duisburg.de/micro2/lehmbruck;

bis 22. Januar 2012.

„Die Kniende. 100 Jahre. Wilhelm Lehmbruck in Paris 1911“, Katalog zur Ausstellung, Hardcover, 240 S., Dumont, 2011; 34,95 Euro.

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