ArchivDeutsches Ärzteblatt41/2011Burnout-Syndrom: Ein Stufenprogramm zur Prävention

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Burnout-Syndrom: Ein Stufenprogramm zur Prävention

Jürgens, Ute

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Der Klügere baut vor und sorgt beizeiten besser für sich und seine Angestellten.

Die Vermeidung des Ausbrennens setzt an mehreren Punkten an und sollte eher ein Prozess als ein einfaches Umschalten sein. Die Themenbereiche, in denen Verhaltensänderungen angesagt sind, reichen vom Zeitmanagement über die Praxisorganisation in Details bis zu persönlichen Fragen wie Einstellungen zur Arbeit, Führungskompetenz, körperlicher Gesundheit beziehungsweise Förderung derselben, Stresstoleranz und der Fähigkeit, Zufriedenheit zu empfinden.

Zeit für sich nehmen

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Ein wichtiger Faktor ist die Zeit. Menschen, die mehr als 40 Stunden arbeiten, haben ein sechsmal höheres Risiko, an Burnout zu erkranken, als Menschen mit 35 Wochenarbeitsstunden.

Vorausgesetzt, der Arzt würde gerne weniger arbeiten: Man kann das schrittweise umsetzen oder ab sofort einen halben Tag mehr Freizeit einplanen. Geht man nach dem Pareto-Prinzip, kommt es nicht zu einer zeitproportionalen Verlustquote an Patienten, wenn man sich zum Beispiel einen halben Tag mehr Freizeit gestattet. Dieser halbe Tag ist dann ganz streng auch zur Entspannung zu nutzen – liest man seine Fachzeitungen oder den letzten Brief vom Steuerberater, verpufft der Effekt des Zeit-für-sich-Habens im Nichts. Vielleicht geht es auch nicht um die Menge an Stunden, sondern um ineffiziente Nutzung oder verbesserungsfähige Organisation. Ein Austausch mit Kollegen oder den Angestellten ist hier oft sinnvoll.

Eine zweite Stufe besteht im Erreichen von mehr Eigenbestimmtheit. Wenn ein Arzt außenbestimmt zu viel arbeitet oder ständig ungeliebte Arbeiten erledigt, ist das anstrengender, als wenn er sich aus freien Stücken dazu entscheidet. In beiden Fällen besitzt man selbst immer mehr Macht, als man glaubt, um besser für sich zu sorgen. Das muss nicht heißen, dass der Arbeitsplatz gewechselt oder die Praxis geschlossen werden sollte. Nicht jeder Mensch hat die gleichen ungeliebten Arbeiten; eine kurze Liste der fünf unbeliebtesten Tätigkeiten ist schnell angefertigt. Darauf folgt die Entscheidung, ob man diese Arbeiten irgendwie angenehmer gestalten, delegieren oder abschaffen kann. In Präventionsseminaren zeigt sich immer wieder, dass man sich bei diesen Überlegungen Zeit lassen sollte, um auf die richtigen Ideen zu kommen. Im Endeffekt spart man bei den hier investierten Minuten später Stunden auf Dauer.

Die dritte Stufe betrifft die Einstellung zu sich selbst: Welches Anspruchsniveau ist das richtige? Ständige Selbstzweifel, ein innerer Kritiker oder Perfektionismus peitschen den Arzt geradezu zur inneren Ausbeutung – meistens ist er sich dessen nicht einmal bewusst.

Das eigene Rollenverständnis ist wesentlich. Gibt es nur den immer dienstbereiten Arzt oder auch den privaten Menschen, der sich von seinen beruflichen Aufgaben abgrenzen kann? Welche Ängste und entsprechenden Aggressionen bestehen dauerhaft? Diese Gefühle können antreiben oder bremsen. Angst vor Fehlern hemmt zum Beispiel die Entscheidungsfähigkeit und mündet womöglich in einer chronischen „Aufschieberitis“. Das ist nicht nur für viele Patienten ungünstig, sondern sorgt auch für ständig wachsende Schreibtischstapel, Unübersichtlichkeit und ein Gefühl von Ausgeliefertsein.

Bei der letzten Stufe geht um die Stresstoleranz. Sie ist immer gefragt, selbst bei allerbester Organisation, hohem Selbstwertgefühl und Zufriedenheit mit der eigenen Person sowie der Arbeit. Der Umgang mit Unveränderlichem wie neuen Gesetzen und Vorschriften, die in irgendeiner Art hinderlich sind, plötzlich auftretenden schwierigen Situationen oder „irgendwie sperrigen“ Patienten erfordert Gelassenheit und Souveränität. Erhöhte Toleranz entsteht etwa aus Erfahrung, einer guten Grundstimmung, regelmäßigen entspannenden Tätigkeiten und dem Gefühl, dass man sich auf sein Team verlassen kann.

Dabei entspannt sich jeder Mensch anders: der eine durch Sport, Spazierengehen oder gutes Essen, der andere durch Schach, Diskussionen, Ausschlafen oder Kurzurlaub. Ausdauersport senkt den Cortisolspiegel, gleichmäßige Bewegung regt die Serotoninproduktion an. Man sollte nicht nur wissen, was einem guttut, sondern dieses auch regelmäßig betreiben.

Straucheln gehört dazu

Das Erkennen eigener Ziele und die entsprechende Lösungsorientierung stehen ganz am Anfang des Stufenprogramms. Hier verschafft man sich Übersicht über die momentanen Gegebenheiten und erstellt für sich persönlich seine Treppe, die es in den nächsten Monaten und Jahren zu erklimmen gilt. Die Stufen sind nicht immer gleich hoch, manche lassen sich spielend „erhüpfen“, andere nur mit Hilfsmitteln wie einem ausführlichen Gespräch mit Freunden oder einem Coaching. Das Straucheln gehört übrigens dazu. Man lernt dann schon sich zu fangen, und – falls man ein paar Stufen wieder heruntergefallen ist – es ist das zweite Mal viel einfacher, noch einmal hochzulaufen.

Literatur: Thomas M.H. Bergner: Burnout bei Ärzten. Schattauer Verlag ISBN-13: 9783794527410

Ute Jürgens, KomMed – Einzelcoaching und Seminare, Lilienthal

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