ArchivDeutsches Ärzteblatt42/2011Unvoreingenommene Herangehensweise notwendig
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Linder et al. nehmen für sich in Anspruch „mit einem intelligenten Kontrollgruppendesign“ Selektionseffekte weitgehend auszuschließen. Dafür muss man allerdings fair und unvoreingenommen an den Untersuchungsgegenstand herangehen, denn sonst bergen auch Verfahren wie das beschriebene „propensity score interval matching“ die Gefahr, dass ungeeignete oder unvollständige Kriterien zur Auswahl von Patienten, die in das Modell einfließen, das Ergebnis bestimmen. Vor diesem Hintergrund stellt sich dem Leser die Frage, warum relevante Komorbiditäten wie die Koronare Herzerkrankung und der arterielle Hypertonus nicht berücksichtigt wurden, oder im Bezug auf den Myokardinfarkt nur der ICD I21 eingeflossen ist, nicht aber andere relevante Diagnosen. Zu hinterfragen ist auch, ob man Patienten in eine derartige Analyse mit einschließen sollte, die nur eines oder wenige Quartale in das DMP eingeschrieben waren. Welchen Effekt will man dann erwarten? Völlig falsch ist die Behauptung, die von unserer Arbeitsgruppe durchgeführte ELSID-Studie habe ein „mangelhaftes Kontrollgruppendesign“ und genüge „nicht den Anforderungen an eine wissenschaftlich fundierte Evaluation“. Das ist schon eine starke Behauptung gegenüber einem Projekt, das in seiner Evaluation im Gegensatz zu Linder et al. die Gesamtmorbidität im Matching wesentlich umfassender berücksichtigt und auf eine genügend lange Einschreibedauer achtet, bevor es Schlüsse auf die Wirksamkeit zieht. Trotz einigem Weiterentwicklungsbedarf der DMP (zum Beispiel zur Fokussierung auf Patienten mit hohen Risiken) und einer zur fordernden noch besseren Implementierung, gibt es schon jetzt viele Studienergebnisse, die für eine Verbesserung der Versorgung (1) und eine stärkere Aktivierung der Patienten (2) sprechen. Davon scheinen besonders ältere und multimorbide Diabetiker zu profitieren, also genau diejenigen Patientinnen und Patienten, die das Gros der Betroffenen ausmachen. Ganz zu schweigen von dem wichtigen Impuls, den die DMPs geben, Praxisteams (insbesondere medizinische Fachangestellte) für den Umgang mit chronisch Kranken weiter zu professionalisieren und praxisinterne Strukturen weiterzuentwickeln (3).

DOI: 10.3238/arztebl.2011.0723b

Prof. Dr. med. Joachim Szecsenyi, Dipl. Soz.

Abteilung Allgemeinmedizin und Versorgungsforschung

Universitätsklinikum Heidelberg

Joachim.Szecsenyi@med.uni-heidelberg.de

Interessenkonflikt
Der Autor erhielt Erstattung für Kongressteilnahmen- und Reisekostenunterstützung durch den AOK-Bundesverband.

1.
Miksch A, Laux G, Ose D, Joos S, Campbell S, Riens B, Szecsenyi J: Is there a survival benefit for patients with type 2 diabetes enrolled in the German primary care-based Disease Management Program? Am J Manag Care 2010; 16: 49–54. MEDLINE
2.
Szecsenyi J, Rosemann T, Joos S, Peters-Klimm F, Miksch A: German diabetes disease management programs are appropriate to restructure care according to the Chronic Care Model – An evaluation with the patient assessment of chronic illness care (PACIC-5A) instrument. Diabetes Care 2008; 31: 1150–4. CrossRef MEDLINE
3.
Miksch A, Trieschmann J, Ose D, Rölz A, Szecsenyi J: DMP und Praxis: Stellungnahme von Hausärzten und Veränderung von Praxisabläufen zur Umsetzung des DMP Diabetes mellitus Typ 2. ZEFQ 2011 [in press, Epub ahead of print] CrossRef MEDLINE
4.
Linder R, Ahrens S, Köppel D, Heilmann T, Verheyen F: The benefit and efficiency of the disease management program for type 2 diabetes. Dtsch Arztebl Int 2011; 108(10): 155–62. VOLLTEXT
1. Miksch A, Laux G, Ose D, Joos S, Campbell S, Riens B, Szecsenyi J: Is there a survival benefit for patients with type 2 diabetes enrolled in the German primary care-based Disease Management Program? Am J Manag Care 2010; 16: 49–54. MEDLINE
2. Szecsenyi J, Rosemann T, Joos S, Peters-Klimm F, Miksch A: German diabetes disease management programs are appropriate to restructure care according to the Chronic Care Model – An evaluation with the patient assessment of chronic illness care (PACIC-5A) instrument. Diabetes Care 2008; 31: 1150–4. CrossRef MEDLINE
3.Miksch A, Trieschmann J, Ose D, Rölz A, Szecsenyi J: DMP und Praxis: Stellungnahme von Hausärzten und Veränderung von Praxisabläufen zur Umsetzung des DMP Diabetes mellitus Typ 2. ZEFQ 2011 [in press, Epub ahead of print] CrossRef MEDLINE
4.Linder R, Ahrens S, Köppel D, Heilmann T, Verheyen F: The benefit and efficiency of the disease management program for type 2 diabetes. Dtsch Arztebl Int 2011; 108(10): 155–62. VOLLTEXT

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