ArchivDeutsches Ärzteblatt42/2011Arztmangel in der Schweiz: „Ja zur Hausarztmedizin“

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Arztmangel in der Schweiz: „Ja zur Hausarztmedizin“

Dtsch Arztebl 2011; 108(42): A-2196 / B-1858 / C-1838

Spielberg, Petra

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Mit einer Volksinitiative wollen die Schweizer Hausärzte die Rahmenbedingungen für ihren Beruf verbessern. Ziel ist, genügend Nachwuchs zu gewinnen, um die Grundversorgung auf Dauer sicherzustellen.

Offensive Werbung: Der Bus der Volksinitiative „Ja zur Hausarztmedizin“ tourt noch bis Ende 2012 durch die Kantone. Foto: Volksinitiative „Ja zur Hausarztmedizin“
Offensive Werbung: Der Bus der Volksinitiative „Ja zur Hausarztmedizin“ tourt noch bis Ende 2012 durch die Kantone. Foto: Volksinitiative „Ja zur Hausarztmedizin“

Der Schweiz gehen die Hausärzte aus. „In fünf Jahren geht die Hälfte der heute praktizierenden Haus- und Kinderärzte in Pension. In zehn Jahren arbeitet nur noch ein Viertel“, mahnt Prof. Dr. med. Peter Tschudi, Leiter des Instituts für Hausarztmedizin an der Universität Basel. Da es gleichzeitig zu wenig Nachfolger gebe, fehlten der Alpenrepublik im Jahr 2021 schätzungsweise 4 700 Hausärzte. Nachwuchssorgen plagen dabei Städte und ländliche Regionen gleichermaßen. Der Grund für den zunehmenden Mangel: Auch in der Schweiz sind immer mehr nachrückende Mediziner weiblich, und ein Großteil der jungen Ärzte strebt die Vereinbarkeit von Familie, Freizeit und Beruf an. Mit der klassischen Hausarztmedizin lässt sich dies nur schwer vereinbaren. Denn der Job erfordert in der Regel vollen Einsatz, mit Nacht-, Not- und Wochenenddiensten.

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Mit einer Volksinitiative „Ja zur Hausarztmedizin“ will der schweizerische Hausärzteverband nun das Ruder herumreißen und die Hausarztmedizin für künftige Generationen wieder attraktiv machen. Dem Verband gehören Allgemein- und Kinderärzte an. Unterstützt wird die Initiative von der Vereinigung Junge Hausärztinnen und Hausärzte in der Schweiz (JHaS). Innerhalb von fünf Monaten hat die Bewegung mehr als 200 000 Unterschriften gesammelt. Derzeit tourt ein Bus durch die Kantone, um in der Bevölkerung für die Hausarztmedizin zu werben und auf mögliche Folgen eines anhaltenden Nachwuchsmangels hinzuweisen. Die Kampagne dauert noch bis Ende 2012.

Den Hausarzt in der Verfassung verankern

„Damit die Hausarztmedizin eine gute Zukunft hat, muss die Attraktivität dieses Berufs gezielt gefördert werden“, fordert Dr. med. Miriam Schöni, Kopräsidentin der JHaS. Aus Sicht der Begründer der Volksinitiative heißt das: Die Aus- und Weiterbildung zum Hausarzt muss verbessert werden, indem zum Beispiel die Zugangsvoraussetzungen zum Studium dem Bedarf angepasst und Lehrstühle und Institute für Hausarztmedizin eingerichtet werden. Bislang gibt es entsprechende Stellen und Einrichtungen nur an den Universitäten Zürich und Basel. Die Weiterbildung zum Hausarzt sollte nach Ansicht von Tschudi mindestens fünf Jahre umfassen. Auch sollten Haus- und Kinderärzte vom Einkommen her anderen Fachdisziplinen gleichgestellt werden.

Ferner fordern die Initiatoren, dass Haus- und Kinderärzte die Grundversorgung in der Schweiz koordinieren sollen. Auch müssten hausärztliche Praxisassistenten vorrangig vom Staat bezahlt werden und nicht wie bislang ausschließlich von den Praxisinhabern. „Das führt dazu, dass Assistenzärzte in Hausarztpraxen nach wie vor ein Schattendasein führen“, so Tschudi.

Vorbild für eine Reform der Hausarztmedizin sind die Niederlande, wo Hausärzte eine Schlüsselrolle bei der Gesundheitsversorgung einnehmen, der Staat die Weiterbildung des Nachwuchses finanziert und Hausärzte auch in der Forschung und Lehre arbeiten. Hier wie auch in Großbritannien oder Dänemark absolvieren angehende Hausärzte zudem etwa 50 Prozent ihrer Weiterbildungszeit in der Praxis.

„Ziel unserer Initiative ist es daher, den Hausarzt in der schweizerischen Verfassung zu verankern, um ihm einen ebenso hohen Stellenwert einräumen zu können“, erklärt Tschudi. Einen ersten Etappensieg konnte das Initiativkomitee bereits verzeichnen. Denn die Mehrheit der Kantone und Parteien hat einen Gegenentwurf des Bundesrates zur Volksinitiative abgelehnt. Dieser sah – anders als der Entwurf der Ärzte – vor, die medizinische Grundversorgung durch eine Reihe von Gesundheitsfachberufen sicherzustellen. Haus- und Kinderärzte sollten hierbei keine zentrale Rolle spielen. Auch wollte sich der Bund weitreichende Befugnisse und Steuerungsmöglichkeiten sichern.

Petra Spielberg

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