ArchivDeutsches Ärzteblatt42/2011Arzneimittelregresse: Folgenreicher Psychoterror

POLITIK: Kommentar

Arzneimittelregresse: Folgenreicher Psychoterror

Dtsch Arztebl 2011; 108(42): A-2195 / B-1855 / C-1835

Bämayr, Argeo

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Dr. med. Argeo Bämayr, Arzt für Psychiatrie, Psychotherapie und Neurologie
Dr. med. Argeo Bämayr, Arzt für Psychiatrie, Psychotherapie und Neurologie

Richtgrößenprüfungen degradieren den Arzt zum persönlich haftenden Zuteilungsfunktionär und setzen ihn einer Pflichtenkollision aus, die seine ethischen Überzeugungen zerstört. Der strukturelle psychische Gewaltcharakter der Richtgrößenprüfung endet meist in einer jahrelangen kumulativen Traumatisierung, wie eine Studie* zur „psychosozialen Befindlichkeit“ vom Regress bedrohter Ärzte in Nordbayern zeigt. Teilnehmer waren 82 Ärzte, die sich einer Richtgrößenprüfung stellen mussten.

72 der 82 befragten Ärzte bestätigten eine psychosoziale Destabilisierung, wie sie bei Mobbing-Opfern typisch ist. Voller Zukunfts- und Versagensängste (90 Prozent) und im Schlaf gestört (85 Prozent) ist die Konzentration (93 Prozent) eingeschränkt. Zugleich gereizt (94 Prozent) und depressiv (86 Prozent), ist der Wunsch nach Entspannung über einen erhöhten Substanzgebrauch (45 Prozent) hoch und die Neigung zur Flucht (82 Prozent) ausgeprägt. Mehr als die Hälfte der Befragten klagt über vegetative Beschwerden, die sich durch ein geändertes Essverhalten, Atembeschwerden, Zittern, Schweißausbrüche und Herzrhythmusstörungen äußern. 46 Prozent der Ärzte äußern sogar Suizidgedanken. Im somatischen Bereich sind sie infektanfällig (68 Prozent), leiden unter Kopfschmerzen (81 Prozent), Rückenschmerzen (78 Prozent) und unter Durchfall (65 Prozent).

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Diese Zahlen widerlegen die im Deutschen Ärzteblatt (Heft 18/2011) auf dem Titelbild suggerierte „gefühlte Bedrohung“ bei nicht nur einem Prozent der von Regressen betroffenen Ärzte, sondern bei etwa zehn Prozent, die noch auf ihr Urteil warten. Da die Richtgrößen Diagnosen nicht berücksichtigen und Patienten grundsätzlich aus diesen Verfahren ausgeschlossen werden, können auch die Urteile nur willkürlich ausfallen. Je nach Jahr drohen bei 33 bis 51 Prozent der Betroffenen Regresse von mindestens 100 000 Euro. Kein Wunder, dass diese ihre Existenz gefährdet sehen.

Dabei sind die drangsalierten Ärzte keine unbelehrbaren Überzeugungstäter oder Hasardeure, sondern Ärzte, die sich im Rahmen von Praxisbesonderheiten unter widrigen Umständen einer besonders kranken, multimorbiden und chronisch kranken Klientel auf dem Land widmen. Wie die Studie zeigt, praktizieren 42 Prozent der befragten Ärzte an Orten mit weniger als 10 000 Einwohnern, 71 Prozent versorgen überwiegend ländliche Gebiete, und 63 Prozent haben einen Anteil von mehr als 50 Prozent chronisch Kranker in ihrer Praxis.

Bei einer solchen Praxisstruktur erwartet den Arzt Jahr für Jahr der zeit- und nervenaufreibende Prüfungsterror und verstärkt damit die Pflichtenkollision, entweder die Richtgrößen einzuhalten und dadurch die Rechte des Patienten zu verletzen oder aber die Patientenrechte zu wahren und dadurch selbst am Prüfungsterror zu erkranken. Die Befolgung der Richtgrößen impliziert automatisch die Verordnung einer meist billigeren Arznei der zweiten, dritten oder vierten Wahl mit der Gefahr einer erhöhten Nebenwirkungsrate oder einem verzögerten Wirkeintritt.

Ärzte und Patienten sind durch die Einführung von Richtgrößen zu Konkurrenten geworden, bei denen es darum geht, wer es besser versteht, Nachteile für sich abzuwehren. Die Volksgesundheit wird gefährdet. Das Vertrauensverhältnis, das Grundlage jeder Arzt-Patient-Beziehung ist, wird zerstört.

Die erzwungene Einhaltung der Richtgrößen ist zudem unwirtschaftlich, da sie als sektorale Engstirnigkeit im Arzneimittelsektor zu Mehrausgaben im Krankenhaussektor führen kann, wenn die Verordnung von Arzneimitteln der zweiten, dritten oder vierten Wahl zu vermehrten Krankenhauseinweisungen führt. Bereits vor der Einführung von Richtgrößen wurden fünf bis zehn Prozent aller Krankenhausaufnahmen, bei geriatrischen Patienten sogar 16 Prozent, auf unerwünschte Arzneimittelwirkungen zurückgeführt (DÄ, Heft 21/1998).

Unter diesen Bedingungen vergeht auch hochgradig altruistisch eingestellten Ärzten die Motivation zum Einstieg und zum Verbleib in einem System der „Diktatur der Bürokratie“. Der Studie zufolge ziehen die Betroffenen unterschiedliche berufliche Konsequenzen: 39 Prozent denken an die Aufgabe ihrer ärztlichen Tätigkeit, 61 Prozent an eine Aufgabe der Niederlassung, 38 Prozent an Auswanderung, 68 Prozent an einen vorzeitigen Ruhestand.

Wie beim Mobbing gibt es letztlich aber nur drei Möglichkeiten zu reagieren: Auflehnung, stilles Leiden oder Flucht. Aus Gründen des Selbstschutzes ist die Flucht aus dem System und damit die Weigerung, sich weiter als Opfer zur Verfügung zu stellen, die gesündeste Lösung. Die beklagenswerteste Lösung ist die Flucht in eine Position, in der der Arzt als verlängerter Arm der Krankenkasse zum gesundheitlichen Nachteil des Patienten handelt.

Gefragt ist die Zivilcourage der Ärztefunktionäre, Verhandlungen über Richtgrößen scheitern zu lassen. Empören wir uns gemeinsam – Ärzte, Patienten und Funktionäre. Ersatzvornahmen durch den Gesetzgeber lassen eine eindeutige Identifizierung der Übeltäter zu.

*Die Ergebnisse als eTabelle unter
www.aerzteblatt.de/112195

@Studienergebnisse und ausführliche Tabellen ebenfalls unter www.baemayr.net;
Tabellen in gekürzter Form in: Bämayr A: Arzneimittelregresse machen Ärzte krank, Neurotransmitter 11/2008

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