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IT-Standard für Selektivverträge: Von Schnittstellen und Trojanern

Dtsch Arztebl 2011; 108(42): A-2183 / B-1843 / C-1823

Osterloh, Falk

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Die Vorwürfe wiegen schwer: Die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) sei bereit, dem AOK-Bundesverband und den Ersatzkassen „direkten Datenzugriff auf Praxiscomputer zu verschaffen“, hatte der Bundesvorsitzende des Deutschen Hausärzteverbandes (HÄV), Ulrich Weigeldt, in einer gemeinsamen Pressemitteilung mit Medi Deutschland erklärt. Mit Hilfe eines „Kassentrojaners“ versuchten die Krankenkassen, einen umfassenden Zugriff auf Praxisdaten zu bekommen.

Die Kritik der beiden Verbände richtet sich gegen eine IT-Schnittstelle für Selektivverträge, die die KV-Telematik-Arge, eine Arbeitsgemeinschaft von Kassenärztlichen Vereinigungen (KVen) und KBV, derzeit zusammen mit der zur AOK Systems GmbH gehörenden gevko definiert. Diese offene Schnittstelle soll dabei helfen, die Selektivvertragslandschaft technisch zu vereinheitlichen. Denn bislang mussten Softwarehersteller für jeden Vertrag eine eigene Software entwickeln. Das soll sich bald ändern. Eine solche Schnittstelle sei unnötig, argumentieren HÄV und Medi. Denn es gebe bereits eine funktionierende IT-Struktur für Selektivverträge. Gemeint ist die Software, die die zum HÄV gehörende Hausärztliche Vertragsgemeinschaft zusammen mit einem Softwarehersteller entwickelt hat. Sie ist jedoch nicht bei allen Herstellern beliebt, weil sie im Gegensatz zu der geplanten offenen Schnittstelle von KVen und AOK einen sogenannten gekapselten Kern enthält, den die Hersteller in ihre Systeme einbauen müssen, ohne dessen Spezifikation zu kennen.

gevko-Leiter Karsten Knöppler wirft denn auch HÄV und Medi vor, weniger um den Schutz der Daten in den Arztpraxen besorgt zu sein als um den Erhalt ihres eigenen Geschäftsmodells. Und der Vorsitzende der KV-Telematik-Arge, Dr. Gunther Hauptmann, bescheinigt HÄV und Medi „blanke EDV-Unkenntnis“, da sie einen Trojaner, also eine Software, mit einer IT-Schnittstelle verglichen.

Doch weniger EDV-Unkenntnis dürfte es gewesen sein, die die beiden Verbände zu dem griffigen Terminus „Kassentrojaner“ verleitet hat, als dessen sprachliche Nähe zu dem „Bundestrojaner“, dessen Verwendung dem bayerischen Innenministerium unlängst den Vorwurf der Spionage eingebracht hat. Technisch ist ein solcher Vergleich jedoch hanebüchen, da die Definition einer offenen IT-Schnittstelle den Kassen überhaupt keinen Zugriff auf die Praxisrechner ermöglichen kann, zumal die Vertragsinhalte nach wie vor von den Vertragspartnern der Selektivverträge ausgehandelt werden.

Worum es den beiden Verbänden tatsächlich geht, schreiben sie in einer weiteren Presseerklärung: „Es ist Sache der Selektivvertragspartner, eine IT-Struktur für Selektivverträge zu schaffen. Der gesetzliche Auftrag von KBV und KVen beschränkt sich auf den Kollektivvertrag.“ Es geht also um Machtfragen. Dafür mit dem Begriff „Kassentrojaner“ bewusst Ängste unter den Ärzten zu schüren, ist unredlich. Das Thema Datenschutz ist zu wichtig, um damit Verbandspolitik zu betreiben.

Falk Osterloh, Redakteur für Gesundheits- und Sozialpolitik in Berlin
Falk Osterloh, Redakteur für Gesundheits- und Sozialpolitik in Berlin

Doch alle Beteiligten wissen, dass es im Endeffekt nur miteinander geht. So hat Gunter Hauptmann von der KV-Telematik-Arge Medi und HÄV angeboten, gemeinsam Lösungen zu entwickeln. Die Telematik-Arge habe bisher noch keine Gespräche mit ihnen geführt, entgegneten HÄV und Medi. Sie hielten ein solches Gespräch jedoch für sinnvoll – um Schlimmeres zu verhindern.

Falk Osterloh
Redakteur für Gesundheits- und Sozialpolitik in Berlin

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