ArchivDeutsches Ärzteblatt42/2011Sektorenübergreifende Kommunikation: Fallakte mit neuen Aufgaben

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Sektorenübergreifende Kommunikation: Fallakte mit neuen Aufgaben

Dtsch Arztebl 2011; 108(42): A-2210 / B-1864 / C-1842

Seibert, Winfried

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Am Städtischen Klinikum München werden elektronische Fallakten in drei neuen Einsatzbereichen erprobt.

Die Anmeldung im Portal für die elektronische Fallakte Darm unter www.klinikummuenchen.de/efa/elektronischefallakte-darm
Die Anmeldung im Portal für die elektronische Fallakte Darm unter www.klinikummuenchen.de/efa/elektronischefallakte-darm

Das Städtische Klinikum in München (StKM) setzt seit circa einem Jahr als erster Krankenhausverbund in der integrierten Versorgung von Darmkrebspatienten eine elektronische Fallakte (EFA) ein. Darin werden darmkrebsbezogen alle relevanten medizinischen Dokumente, die von behandlungsbeteiligten Ärzten benötigt werden, über ein Fallaktenportal ausgetauscht. Jetzt soll im Rahmen eines vom Bayerischen Staatsministerium unterstützten Erweiterungsprojekts die EFA auch in anderen medizinischen Zusammenhängen zum Einsatz kommen. Ziel ist es, mittels EFA automatisiert Behandlungsdaten aus externen medizinischen Versorgungseinrichtungen zugänglich zu machen, die an unterschiedlichen Behandlungsabläufen beteiligt sind:

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  • Im Bereich Dermatologie sollen externe Einweiser Befunde erhalten.
  • In der Zusammenarbeit mit einem größeren Ärztenetz wird die EFA künftig eingesetzt, um archivierte Informationen aus dem stationären Sektor direkt in ein Praxisverwaltungssystem einfügen zu können.
  • Für die Behandlungskoordination mit stationären Einrichtungen, die nicht zum StKM gehören, wird eine automatisierte Befundübermittlung integriert.

Das Besondere an diesen EFA-Projekten ist einerseits die Tatsache, dass sie der Bayerische Landesbeauftragte für Datenschutz in seinem 24. Tätigkeitsbericht lobend erwähnt (1). Andererseits verwenden sie unmittelbar einen Standard zur intersektoralen Kommunikation, der von allen Herstellern von Praxisverwaltungs- und Krankenhausinformationssystemen genutzt werden kann. Dadurch trägt dieses Erweiterungsprojekt wesentlichen Anforderungen an Systeme im Gesundheitswesen Rechnung, die zuletzt von einer gemeinsamen Arbeitsgruppe der Arbeitskreise „Gesundheit und Soziales“ und „Technik“ der Konferenz der Datenschutzbeauftragten des Bundes und der Länder in der „Orientierungshilfe Krankenhausinformationssysteme“ veröffentlicht wurden (2).

Kerngedanke des EFA-Verfahrens ist das Rechtekonzept, das allen behandlungsbeteiligten Ärzten den Zugriff auf die relevanten medizinischen Informationen und Dokumente gestattet. Dabei werden sogenannte Fallakten – Zusammenstellungen spezieller behandlungsbezogener Dokumente und medizinischer Informationen – erstellt, in die dann die beteiligten ambulanten und stationären Versorgungseinrichtungen ihre jeweiligen Informationen einstellen und aus denen sie die für sie wichtigen Informationen einsehen und herunterladen können. Hierzu ist es nicht nötig, eine zusätzliche Datensammlung sämtlicher Informationen zum Patienten zentral zu verwalten und neu anzulegen. Vielmehr werden die für die Behandlung relevanten Dokumente und Informationen in einer Akte für die Zeit der Behandlung zur Verfügung gestellt.

Der Patient willigt in das Anlegen der Akte im Zusammenhang mit seiner Erkrankung ein und legt dabei gemeinsam mit dem Arzt fest, welche Krankenhäuser und Praxen daran mitwirken sollen und wie lange die EFA bestehen soll. Danach existiert die Fallakte nur noch als Protokoll über die Zugriffe – die ausgetauschten Dokumente und Informationen verbleiben in den Archiven der jeweiligen Leistungserbringer, die dafür ihre Verantwortung behalten. Diese Art der behandlungsbezogenen Datenzusammenstellung unterscheidet sich von anderen Ansätzen, die den Behandlungsbezug nur als Zugriffseinschränkung auf eine an sich übergreifende Datensammlung zum Patienten betrachten (Grafik 2).

In der Praxis sind solche Anforderungen nur umsetzbar, wenn strukturierte Daten zum Behandlungsfall vorliegen. Die meisten Daten aus medizinischen Behandlungssystemen gibt es derzeit jedoch immer noch in Form abgelegter Dokumente spezieller Schreibformate, deren Behandlungsbezug zu bestimmten Erkrankungen überhaupt erst nach dem Aufruf und der Bewertung am Arbeitsplatz festgestellt werden kann. Die vielen verschiedenen Dokumente lassen sich nicht zuverlässig elektronisch identifizieren. Sie müssen daher im Behandlungsverlauf immer wieder neu gelesen und bewertet werden.

Die Informationen zu den Behandlungsbezügen eines Patienten liegen entsprechend mehrfach und unstrukturiert vor, ohne dass sich hierfür Prozesse elektronischer Unterstützung etabliert haben. Durch die Differenzierung von Behandlungsabläufen wachsen zudem die Koordinations- und Kooperationsaufwände. Zwar gibt es inzwischen technische Lösungsmöglichkeiten für eine strukturierte Dokumentation, jedoch werden sie nicht angewandt.

Die Frage, womit eine Arztpraxis oder eine Versorgungseinrichtung am besten beginnen sollte, um IT-gestützt medizinische Informationen sektorenübergreifend auszutauschen, endet oft mit dem bekannten Henne-Ei-Vergleich: Bedingt die Nutzung einer Gesundheitskarte, dass es universelle Austauschformate und strukturierte Daten für medizinische Belange gibt, oder muss erst der Austausch medizinischer Dokumente verbessert werden, bevor sich strukturierte medizinische Dokumente in den Praxen und Krankenhäusern durchsetzen können? Die „Orientierungshilfe Krankenhausinformationssysteme“ der Datenschützer zeigt hier einen Weg im Umgang mit dieser Frage auf (3): Der permanente Zuwachs an unstrukturierten Daten zum Patienten stellt den Arzt im Patientenkontakt zunehmend vor die Aufgabe, die Datenflut im Hinblick auf für ihn relevante Inhalte zu sichten. Solange keine Grundlage zur gezielten behandlungsbezogenen Selektion dieser Dokumente zur Verfügung steht, bleibt der Arzt mit dieser Aufgabe allein. Mit den Vorgaben der Datenschützer jedoch wird die Auswahl der Daten und Dokumente nach Behandlungsbezug eine Forderung an die Verwaltung, diese Selektion künftig sicherzustellen und entsprechende Schritte einzuleiten (

eGrafik).

Automatisierte Anlage einer Fallakte

Im skizzierten Ausbauprojekt wird die Handhabbarkeit dieser Anforderungen dadurch verbessert, dass eine automatisierte Anlage von Fallakten in die neuen Anwendungsgebiete vorgesehen ist. Die allgemeine Information über die Möglichkeit, einweisenden Praxen einen Zugang über einen gemeinsamen Behandlungsfall einzuräumen, erhält der Patient in der stationären Aufnahme bei der Einwilligung zum Behandlungsvertrag. In diesem Rahmen erklärt er auch sein prinzipielles Einverständnis zur Fallakte. Realisiert wird die Akte nur, wenn der Arzt gegen Ende der stationären Behandlung die Diagnose für die Weiterbehandlung und die mitbehandelnden externen Organisationen mit dem Patienten besprochen hat.

Technisch werden in der stationären Behandlung alle nötigen Informationen zusammengestellt. Am Ende archiviert der Arzt ein strukturiertes Dokument, das sämtliche Angaben zur Anlage einer speziellen Fallakte enthält. Alle weiteren Schritte können dann automatisiert ablaufen, ausgelöst durch die Patienteneinwilligung. Die in den Krankenhaus- und Praxissystemen vorhandenen Betriebstättennummern der Einweiser, Hausärzte und Einrichtungen können zur Einschränkung der Vorschlagslisten der zu beteiligenden Organisationen genutzt werden. Die erfassten ICD-Einträge helfen, die Behandlungsdiagnose für die Akte festzulegen. Über sie sollen – je nach Ausbaustufe der Fallakte – Dokumente und Informationen ausgewählt werden, die die mitbehandelnden Organisationen benötigen und die in Fallbesprechungen angepasst werden können. Dieser Automatismus schafft so unmittelbar für die im Behandlungsbezug arbeitenden Ärzte eine Austauschplattform für strukturierbare Informationen aus den vorhandenen Systemumgebungen heraus (Grafik 1).

Erweiterte Schnittstellen: Das Konzept „EFA in a Box“

Ausgehend von den derzeit genutzten Systemen im stationären und ambulanten Bereich erfordert die sektorenübergreifende Kommunikation per Fallakte, dass diese Systeme Anbindungen zu Fallaktendiensten ermöglichen. Aus diesem Grund wurden vom Träger des EFA-Standards (siehe www.fallakte.de) erweiterte Schnittstellen definiert, die auch den Aufbau einer Austauschplattform mittels der Anbindung an bestehende Systeme unterstützen sollen. Dieses erweiterte Schnittstellenkonzept ermöglicht den Ärzten in Abstimmung mit ihren Systemherstellern eine schrittweise Integration des EFA-Verfahrens in die verwendeten Systemlösungen. So kann jeder Anwender über Einzelmaßnahmen sein derzeitiges System sukzessive bis zur vollen Integration in einen Fallaktenservice ausbauen. Dabei werden medizinische Einrichtungen auch durch den Verein, der die Pflege und den Ausbau des EFA-Standards übernommen hat, unterstützt. Man sollte daher kein Datenaustausch- oder Portalprojekt mehr empfehlen, das nicht diese Erweiterungs- und Ausbauoption mit anbietet.

Spezifiziert werden die folgenden Ausbaustufen:

  • „EFA ready“: Mit dem System lassen sich grundsätzlich Informationen zum Anlegen einer Fallakte zusammenstellen.
  • „EFA Plug & Connect“: Ein System kann über einen externen EFA-Service Fallakten anlegen, lesen und Dokumente einstellen.
  • „EFA Plug & Provide“: Ein System kann eigene Fallakten erzeugen und bearbeiten sowie externe öffnen und ergänzen.
  • „EFA in a Box“: Über „EFA ready“-Schnittstellen am eigenen System können komplett sämtliche EFA-Dienste genutzt werden.

Mit den Spezifizierungen dieser Anbindungskonzepte können medizinische Einrichtungen und Praxen bei den jeweiligen Herstellern ihrer Systeme entsprechende Angebote nachfragen und Leistungsanforderungen genau fixieren. Die Hersteller haben dadurch einen unabhängigen Ansprechpartner und können so ihren Kunden eine höhere Investitionssicherheit gewährleisten.

  • Zitierweise dieses Beitrags:
    Dtsch Arztebl 2011; 108(42): A 2210–2

Anschrift des Verfassers
Dr. phil. Winfried Seibert
Städtisches Klinikum München GmbH
Fritz-Erler-Straße 30, 81737 München
winfried.seibert@klinikum-muenchen.de

@eGrafik:
www.aerzteblatt.de/112210

1.
Der Bayerische Landesbeauftragte für den Datenschutz informiert die Öffentlichkeit: 24. Tätigkeitsbericht Berichtzeitraum 2009/2010
2.
Unterarbeitsgruppe Krankenhausinformationssysteme der Arbeitskreise Gesundheit und Soziales sowie Technische und organisatorische Datenschutzfragen der 79. Konferenz der Datenschutzbeauftragten des Bundes und der Länder, 6. 4. 2011
7.
Der Hessische Datenschutzbeauftragte (Hg.): Fachthemen. Darin: Die elektronische Gesundheitskarte und die neue Tele­ma­tik­infra­struk­tur (Stand 19. 8. 2008), www.datenschutz.hessen.de/dg003.htm
1. Der Bayerische Landesbeauftragte für den Datenschutz informiert die Öffentlichkeit: 24. Tätigkeitsbericht Berichtzeitraum 2009/2010
2. Unterarbeitsgruppe Krankenhausinformationssysteme der Arbeitskreise Gesundheit und Soziales sowie Technische und organisatorische Datenschutzfragen der 79. Konferenz der Datenschutzbeauftragten des Bundes und der Länder, 6. 4. 2011
3.www.cio.de/healthcareit/bestpractice/2277247/
4.www.cio.de/strategien/methoden/839441/index.html
5.www.cio.de/healthcareit/aktuelles/867425/index2.html
6.www.fallakte.de
7.Der Hessische Datenschutzbeauftragte (Hg.): Fachthemen. Darin: Die elektronische Gesundheitskarte und die neue Tele­ma­tik­infra­struk­tur (Stand 19. 8. 2008), www.datenschutz.hessen.de/dg003.htm

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