ArchivDeutsches Ärzteblatt42/2011Chirurgische Therapie der Adipositas: Mortalität innerhalb von sechs Jahren nicht gesenkt

MEDIZINREPORT: Studien im Fokus

Chirurgische Therapie der Adipositas: Mortalität innerhalb von sechs Jahren nicht gesenkt

Dtsch Arztebl 2011; 108(42): A-2225 / B-1878 / C-1856

Siegmund-Schultze, Nicola

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Übergewicht und Adipositas haben in den westlichen Ländern eine epidemische Größenordnung angenommen: Mehr als eine Million erwachsene Deutsche haben Schätzungen zufolge einen Body-mass-Index (BMI) von mindestens 40 (BMI in kg/m2) und damit eine morbide Adipositas.

Die Adipositaschirurgie ist Bestandteil eines multimodalen Behandlungskonzepts, wenn konservative Therapien nicht den gewünschten Effekt gebracht haben.

Frühere Studien haben ergeben, dass die Langzeitletalität nach der Operation durch eine Remission der Folgeerkrankungen um bis zu 40 % gesenkt werden kann (Evidenzlevel 2 b, nach [1]). In einer retrospektiven Kohortenstudie mit einer gut gematchten Kontrollgruppe sind US-amerikanische Wissenschaftler der Frage nachgegangen, ob bariatrische Interventionen die Mortalität von Hochrisikopatienten innerhalb von sechs Jahren senken (2).

Bei 850 Männern mit einem durchschnittlichen Alter von 49,5 Jahren und einem durchschnittlichen BMI von 47,4 ist das Magenreservoir operativ verkleinert worden. Der primäre Endpunkt der Studie war die Gesamtmortalität. Die maximale Beobachtungszeit betrug neun Jahre (median: 6,7 Jahre). Die Kontrollgruppe bestand aus 41 244 nichtoperierten Männern (medianer BMI 42,0), 1 694 Männer aus der Kontrollgruppe wurden mit Hilfe des für Beobachtungsstudien angewandten Propensity Score Matching (PSM) in Bezug auf alle relevanten Variablen und Kovariablen mit der Behandlungsgruppe abgeglichen.

Die Ein-, Zwei-, und Sechs-Jahresmortalitäten lagen bei den operierten Männern bei 1,5, 2,2 und 6,8 %, in der Kontrollgruppe betrugen sie 2,2, 4,6 und 15,2 % (HR für reduzierte Mortalität: 0,64, statistisch signifikant). Wurden jedoch die Mortalitäten der Behandlungsgruppe mit den PSM-Kontrollen verglichen, erreichten die Unterschiede keine Signifikanz mehr.

Fazit: Bei Männern mittleren Alters mit morbider Adipositas reduziert die bariatrische Chirurgie die Gesamtmortalität über einen Zeitraum von sechs Jahren nicht statistisch signifikant, wenn die Mortalität mit einer gut gematchten Kontrollgruppe verglichen wird. „Morbid adipöse Männer mittleren und höheren Alters sind Hochrisikopatienten“, kommentiert Prof. Dr. med. Norbert Runkel (Villingen-Schwenningen). Die Magenbypass-Operation habe eine erhöhte postoperative Frühletalität (1,3 %), und die Sieben-Jahres-Überlebensrate sei mit 22,4 % einem onkologischen Patienten vergleichbar. Offenbar könne die bariatrische Chirurgie tödliche Komplikationen der Adipositas im fortgeschrittenen Stadium nicht mehr umkehren. Die Studie zeige allerdings den Verlauf über sieben Jahre hinaus nicht auf. In der schwedischen SOS-Studie (3), die als die umfangreichste prospektive Vergleichsanalyse gelte, werde der Letalitätsunterschied erst nach 13 Jahren signifikant. Die aktuelle Arbeit unterstreiche, dass bariatrische Operationen rechtzeitig erfolgen sollten.

Dr. rer. nat. Nicola Siegmund-Schultze

  1. Runkel N, Colombo-Beckmann M, Hüttl, TP, Tigges H, Mann O, Sauerland St: Chirurgie der Adipositas. Dtsch Arztebl Int 2011; 108(20): 341–6.
  2. Maciejewski ML, Livingstn EH, Smith VA, Kavee AL, Kahwati LC, Henderson WG, Arterburn DE: Survival among high-risk patients after bariatric surgery. JAMA 2011; 305: 2419–26.
  3. Sjöström L, Narbro K, Sjöström CD et al.: Swedish Obese Subjects Study. Effects of bariatric surgery on mortality in Swedish obese subjects. NEJM 2007; 357: 741–52.

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