ArchivDeutsches Ärzteblatt42/2011Börsebius: Gefahr um die Ecke

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Börsebius: Gefahr um die Ecke

Dtsch Arztebl 2011; 108(42): A-2241 / B-1889 / C-1869

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Bei meinen Börsebius-Telefonberatungen geht es auch immer wieder um Exchange Traded Funds (ETFs). Manchmal zanke ich mich denn auch in vorauseilender Fürsorge mit den Lesern, weil es doch einige Mühe bedeutet, darauf hinzuweisen, dass ETFs noch lange nicht zur ersten Wahl von Anlageprodukten gehören.

Ja, es stimmt, die Ursprungsidee, statt einzelnen Aktien einfach einen (gewichteten) Korb von Aktien zu kaufen, einen Index also, um damit eine Risikodiversifikation zu erreichen, hat durchaus ihren Charme, und letztlich verdanken diesem Ansporn die ETFs auch ihren Riesenerfolg, Milliarden werden hier schließlich angelegt. Preiswert im Vergleich zu anderen Fonds sind sie außerdem allemal.

Nun gut, trotzdem habe ich nie so recht verstanden, warum es jemandem ausreicht, eine durchschnittliche Performance zu kaufen, wenn er Besseres haben kann. Kein Mensch käme auf die Idee, einen Index von 100 Marathonläufern zu kaufen, wenn es ihn denn gäbe, und auch noch damit zufrieden zu sein. Einen Index also, der eben genau deren durchschnittlich gelaufene Zeit (Performance) „bezahlt“.

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Allerdings bin ich immer wieder überrascht, dass viele ETFs-Käufer glauben, der Emittent (also vor allem die Bank, die den ETFs unter die Leute bringt) kaufe tatsächlich die dem Produkt zugrunde liegenden Aktien (oder Währung) und stelle so eine sichere Basis des Geschäfts her. Das ist nun eben gerade nicht der Fall. Die Emittenten machen auch heute noch das, was vor der Finanzmarktkrise auch schon Usus war: Sie sichern den ETFs mit synthetischen Derivaten ab, also mit irgendwelchen verbrieften Versprechungen von dritter Seite. Noch schlimmer, die Geschäfte haben nach wie vor ein gewaltiges Ausmaß. Tendenz stark steigend. Und genau hier lauern um die Ecke riesige Gefahren für unsere Volkswirtschaft. Falls mal eine oder zwei dieser dritten Adressen umfallen sollten, kann eine Kettenreaktion der ganz schlimmen Art einsetzen.

Bitte, das sind nicht die einsamen Gedanken eines Schreiberlings, dem an einer gruseligen Geschichte gelegen ist, sondern eine reale Gefahr. Der britische Notenbanker Paul Tucker prangert sowohl Unverständlichkeit und Volumina dieser Finanzinstrumente an, und auch bei der Deutschen Bundesbank sind die Flaggen auf Alarm gesetzt. Das für Finanzstabilität zuständige Vorstandsmitglied Andreas Dombret warnte, man schaue sich den ETFs-Markt genau an. Hoffentlich folgen den Worten auch Taten.

Die Tatsache übrigens, dass sich Banken derzeit untereinander (mal wieder) nicht trauen, hat auch mit der gegenseitigen Verbriefung von synthetischen Produkten und ihrer Sprengkraft zu tun, wenn es denn mal schiefgehen sollte. Die Rechnung bezahlt am Ende der Bankkunde oder der Steuerzahler oder beide oder alle. Herr, vergib’ ihnen nicht, denn sie wissen, was sie tun.

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