ArchivDeutsches Ärzteblatt42/2011Forschung in Afrika: Zaghafter Aufschwung

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Forschung in Afrika: Zaghafter Aufschwung

Dtsch Arztebl 2011; 108(42): A-2218 / B-1872 / C-1850

Merten, Martina

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Mehr als ein Prozent ihres Bruttoinlandsprodukts sollen die Staaten der Afrikanischen Union für Forschung ausgeben. Bisher erreichen nur wenige Länder dieses Ziel. Doch es gibt hoffnungsvolle Ansätze und erste wissenschaftliche Erfolge.

Das Problem liegt auf der Hand: Noch immer werden mehr als 75 Prozent der wissenschaftlichen Erkenntnisse in den Ländern auf der Nordhalbkugel gewonnen. Die übrigen 25 Prozent kommen aus Entwicklungs- und Schwellenländern. In den vergangenen 15 Jahren hat sich dieser Anteil verdoppelt, aber das betrifft nur wenige Länder – einige davon liegen in Afrika.

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Foto: laif
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Zwar mag die Entwicklung hin zu einer bedeutenden Forschungslandschaft auf dem Schwarzen Kontinent noch am Anfang stehen, aber der „UNESCO Science Report 2010“ zeigt, dass immer mehr Länder die Verbesserung ihrer Forschungskompetenzen als Teil der Armutsbekämpfung betrachten. Allein 2008 ersuchten 14 Staaten die Hilfe der UNESCO zur Überprüfung und Überarbeitung ihrer Wissenschaftspolitik.

Sicher, noch immer geben die meisten Länder der Afrikanischen Union zu wenig Geld für die wissenschaftliche Förderung ihres Nachwuchses aus. Ein großer Schritt wäre es, wie in ihren Statuten vorgesehen, die Ein-Prozent-Hürde zu toppen – also mehr als ein Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) in Forschung und Entwicklung zu investieren. Dem „African Innovation Outlook 2010“ zufolge haben das im Jahr 2007 immerhin Malawi, Uganda und Südafrika geschafft.

Der Präsident der African Academy of Sciences for the Developing World, der sudanesische Physiker Mohamed Hassan, ist davon überzeugt, dass die Liste in den nächsten Jahren länger sein wird. Seiner Ansicht nach sollten afrikanische Gemeinden nicht nur Zugang zu moderner Technologie bekommen, vielmehr sollte die Ausbildung einer neuen Generation von Wissenschaftlern an Schulen und Universitäten oberste Priorität haben („Zeit online“ 7. Juli 2010). „Wenn man in Bildung investiert, werden junge afrikanische Forscher wunderbare Dinge vollbringen. Eines Tages wird dann eine echte Partnerschaft möglich sein, von der alle Seiten profitieren.“

Dieser Optimismus wird nicht grundsätzlich geteilt: Ohne eine bessere Ausstattung wissenschaftlicher Labore, die Förderung von Praxiseinsätzen junger Wissenschaftler und eine vernünftige Koordination seitens der Politik wird Afrika den Status eines Kontinents in Entwicklung auch im Wissenschaftsbereich nicht ablegen können, heißt es in einem Artikel des Wissenschaftsmagazins „Nature“ (2011; 474: 556–9). Dabei wäre es gerade auf einem Kontinent wie Afrika, der massiv von Armut, Infektionskrankheiten, den Folgen des Klimawandels und einem Mangel an sauberem Trinkwasser betroffen ist, wichtig, an tragbaren Lösungen zur Behebung dieser Probleme zu arbeiten. Diesen Ansatz greifen einige Förderungsprogramme afrikanischer Länder auf.

Beispiel Uganda: Das Bruttoinlandsprodukt des westafrikanischen Landes ist zwischen 2000 und 2010 um durchschnittlich sieben Prozent gestiegen, demzufolge konnten auch die Ausgaben für Forschung und Entwicklung steigen – von 73 Millionen US-Dollar 2005/2006 auf 155 Millionen US-Dollar 2008/2009. Das entspricht beinahe einem Prozent des BIP. Darüber hinaus konnte Uganda mit Hilfe zinsgünstiger Darlehen der Weltbank ein auf fünf Jahre angelegtes Projekt zur Förderung von Wissenschaftlern und Ingenieuren realisieren. Auch im Agrarsektor kamen Erfolge zustande: Mit Hilfe staatlicher Investitionen konnten Bananen gezüchtet werden, die mit Vitamin A und Eisen angereichert sind oder genetisch so modifiziert wurden, dass sie resistent gegen Krankheitserreger sind. Trotzdem klaffen im Bildungssektor massive Lücken: lediglich sechs der insgesamt 27 Universitäten des Landes bieten Abschlüsse im Wissenschaftsbereich an; und auf eine Millionen Einwohner kommen gerade einmal 25 Forscher. Zudem verfügt das Land nicht einmal über ein Wissenschaftsministerium.

80 Prozent der Ärzte haben das Land verlassen

Was die Anzahl wissenschaftlicher Publikationen in internationalen Zeitschriften betrifft, so belegt Kenia unter den Subsahara-Ländern einen guten dritten Platz – hinter Südafrika und Nigeria, die das Feld dominieren. Zudem gilt Kenia als eine der wichtigen Schnittstellen in der Zusammenarbeit afrikanischer Wissenschaftler und hat aufgrund seiner Forschungsarbeiten zu Getreidekrankheiten am Kenya Agriculture Institute auch international eine hohe Reputation. Dennoch: Es fehlt den Universitäten an Geld, um ihre Infrastruktur zu verbessern. 2010 investierte die kenianische Regierung lediglich 3,6 Millionen US-Dollar in universitätsbezogene Forschung, zitiert „Nature“ Shaukat Abdulrazak, den Bundesminister für Wissenschaft und Technik Kenias. Gleichzeitig fehlt es dem Land an Professoren, um einer wachsenden Anzahl an Studenten Wissen entsprechend vermitteln zu können.

Auch Senegal sieht sich in absehbarer Zukunft mit einem Mangel an Fachkräften konfrontiert: Die meisten der dortigen Forscher sind 50 Jahre und älter – Nachfolger sind nicht in Sicht. Trotzdem belegt Senegal mit derzeit 661 Forschern auf eine Millionen Einwohner hinter Südafrika den zweiten Rang in der Forscherdichte der Länder. Besondere Förderung erhalten Projekte, die sich auf erneuerbare Energien, Saatgutentwicklung oder die Verhinderung der Bodenversalzung beziehen. Bis sich die eigenständige Finanzierung der Forschung stabilisiert hat, ist Senegal jedoch (wie auch Tansania und Uganda) auf ausländische Fördergelder angewiesen, die derzeit einen Anteil von 38 Prozent ausmachen.

In dieser Hinsicht ist China seit Jahren aktiv. Das liegt nicht zuletzt an den reichen Bodenschätzen, die Afrika zu bieten hat, darunter Öl und Mineralstoffe. Dieses ökonomische Interesse hat dazu geführt, dass China seit einigen Jahren massiv in Wissenschaft und Technologie Afrikas investiert. So ist Nigeria inzwischen der wichtigste Handelspartner Chinas unter den afrikanischen Ländern. Allerdings kümmert sich die Großmacht auch um die Bildungsqualität des heimischen Nachwuchses. So ist beispielsweise die Anzahl an Studenten aus Afrika, die zu Wissenschaftszwecken einige Monate oder Jahre in China verbringen, zwischen 2005 und 2006 um 40 Prozent auf 4 000 gestiegen („Nature“ 2011; 474: 560–2).

Ein weiteres großes Problem der afrikanischen Wissenschaft ist der „Braindrain“, die Abwanderung von Hochqualifizierten: 2009 lebte und arbeitete mindestens ein Drittel aller afrikanischen Forscher/innen im Ausland. Doch immer mehr Länder gehen dieses Problem an der Wurzel an und erhöhen die Gehälter des akademischen Personals beziehungsweise bieten andere Anreize.

Forschung mit Afrika, nicht über Afrika

So nutzte Kamerun Anfang 2009 zum Beispiel einen Teil eines Schuldenerlasses für die Einrichtung eines dauerhaften Fonds, mit dem die Wissenschaftlergehälter über Nacht verdreifacht werden konnten. Heute gibt es dort fast ein Drittel mehr Wissenschaftler, und die Anzahl der an staatlichen Universitäten verfassten wissenschaftlichen Publikationen stieg in gleichem Maße an.

Auch die Volkswagen-Stiftung verfolgt einen Ansatz, das Personalproblem zu beheben: Im Jahr 2003 hat die Stiftung die Förderinitiative „Wissen für morgen – Kooperative Forschungsvorhaben im subsaharischen Afrika“ ins Leben gerufen. Die Initiative fördert Nachwuchswissenschaftler aus Afrika mit dem Ziel, ihnen in ihrer Heimat Karriereperspektiven zu eröffnen – beispielsweise durch Partnerschaften zwischen deutschen Hochschulen und Forschungsinstituten und solchen in Afrika. Der Grundgedanke ist, so Generalsekretär Dr. Wilhelm Krull, eine Forschung mit Afrika, nicht über Afrika zu erreichen: „Wenn über Afrika gesprochen wird, bleibt oft unerwähnt, dass der Kontinent über enorme Potenziale und Ressourcen verfügt – vor allem über viele engagierte Menschen.“

Martina Merten

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