ArchivDeutsches Ärzteblatt42/2011Global Health in der medizinischen Ausbildung: Die Universitäten sind in der Pflicht

WORLD HEALTH SUMMIT

Global Health in der medizinischen Ausbildung: Die Universitäten sind in der Pflicht

Dtsch Arztebl 2011; 108(42): A-2223 / B-1876 / C-1854

Bruchhausen, Walter; Tinnemann, Peter

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Kenntnisse über die globalen Einflussfaktoren auf die Gesundheit von Individuen und Bevölkerungsgruppen sind für die Arbeit der jungen Ärztegeneration in einer vernetzten Welt unerlässlich.

Die Globalisierung hat nicht nur die Wahrnehmung von (vermeidbaren) Krankheiten auf anderen Erdteilen intensiviert, sondern auch zu neuen Gesundheitsrisiken geführt. Aus diesem Grund hat sich innerhalb der Bundesvertretung der Medizinstudierenden in Deutschland e.V. (bvmd) die Globalisation-and-Health-Initiative gegründet, die 2007 zusammen mit dem Deutschen Ärzteblatt Studieren.de in einer Online-Umfrage das hohe Interesse an Global Health im Medizinstudium belegen konnte.

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Foto: dpa
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Unter dem Eindruck der ermutigenden Ergebnisse verfassten die Studierenden ein Positionspapier, um einen Katalog möglicher Themen vorzulegen und dafür zu werben, Global Health in die medizinische Ausbildung aufzunehmen.

Aus dieser studentischen Initiative sind an mehreren medizinischen Fakultäten neue Lehrveranstaltungen im Bereich Global Health entstanden. Dozentinnen und Dozenten, die – zumeist auch ärztlich – selbst mehrere Jahre im Gesundheitswesen von sich entwickelnden Ländern gearbeitet haben, füllen erarbeitete Themenlisten mit fachlicher Kompetenz und persönlicher Erfahrung. In der Regel wird dieser Unterricht daher als ausgesprochen lebendig empfunden.

Hohe Nachfrage bei knappen Seminarplätzen

Die Kurse finden teils im Rahmen von bestehenden Lehrverpflichtungen und teilweise über eigene Lehraufträge statt – zu einem großen Teil allerdings bisher ohne Anerkennung der medizinischen Fakultäten. Aber der Bedarf ist da: In einer Zeit, in der angesichts der Fülle von Wahlpflichtangeboten im 2. Abschnitt des Studiengangs Humanmedizin verschiedene Fächer über ungenügende Nachfrage klagen, mussten für den Global-Health-Unterricht an einigen Universitäten wegen knapper Seminarplätze Interessierte auf spätere Semester vertröstet werden.

Titelbild „Lehre am Puls der Zeit“, Global Health in der medizinischen Ausbildung. Foto: Max-Planck-Institut für Dynamik und Selbstorganistion/Dirk Brockmann
Titelbild „Lehre am Puls der Zeit“, Global Health in der medizinischen Ausbildung. Foto: Max-Planck-Institut für Dynamik und Selbstorganistion/Dirk Brockmann

Der Fokus von Global Health liegt auf Gesundheit und den sozialen, wirtschaftlichen, politischen und kulturellen Faktoren, die sie weltweit – also sowohl in Industrieländern als auch in sich entwickelnden Ländern – beeinflussen. Gleichzeitig werden die vielfältigen globalen Verflechtungen in den Blick genommen, durch die sich Vorgänge in einem Teil der Welt auf die Gesundheit von Menschen in weit entfernten Regionen auswirken können. Zum Beispiel: Die durch CO2-Ausstoß geförderte Klimaerwärmung bedingt unter anderem eine erhöhte Aktivität von temperaturabhängigen Überträgern verschiedener Krankheitserreger und Veränderungen der Niederschläge. Auch die gesteigerte Nachfrage von Biosprit im Norden kann im Süden die Ursache für unerschwingliche Nahrungsmittelpreise und damit einen Anstieg von Ernährungsmangelkrankheiten sein

Global Health: Politik und Wirtschaft im Medizinstudium

All diese Einsichten verlangen neue Formen wissenschaftlicher und politischer Kooperation über etablierte geografische, institutionelle und thematische Grenzen hinweg. Im Medizinstudium, das seiner Aufgabenstellung gemäß vor allem in der Vorbereitung auf eine kurative Tätigkeit besteht, muss das Bewusstsein gesteigert werden, dass andere Gesellschaftsbereiche eine ebenso große – manchmal sogar größere – Bedeutung für die Weltgesundheit haben als die Medizin. So wirken sich Wirtschaftskrisen und Kriege, Umverteilungs- und Agrarpolitik nachweisbar stark auf den Gesundheitszustand betroffener Bevölkerungen aus.

Das Themenspektrum ist weit. Es umfasst milliardenschwere Programme zur Bekämpfung der schwersten Infektionskrankheiten ebenso wie – exemplarisch – die Initiative einer Dorfgemeinschaft in Nepal, die den Zugang von Frauen zu den einfachsten Gesundheitsdienstleistungen zu verbessern sucht.

In die Lehre einbezogen werden unter anderem die Ziele der Welt­gesund­heits­organi­sation, der Vereinten Nationen (UN-Millennium-Entwicklungsziele), der Nichtregierungsorganisationen sowie der neuen finanzkräftigen supranationalen Stiftungen (zum Beispiel der Bill-und-Melinda-Gates-Stiftung). Dabei kommen Vertreter des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung und ihrer Durchführungsorganisation GIZ in den Kursen ebenso zu Wort wie Positionen von globalisierungskritischen Akteuren.

An den meisten der bisher beteiligten Universitäten findet der Unterricht im Rahmen eines Wahlpflichtfachs im 2. Studienabschnitt statt, so in Aachen, Bonn, Heidelberg und Marburg. Ähnliches ist für Ulm geplant. In Frankfurt/M. und Freiburg engagieren sich Studierende bisher in außercurriculären Angeboten. Gießen hat seine bisherigen Angebote in Tropenmedizin und Internationaler Gesundheit, Medizin und Migration zu einem Schwerpunktcurriculum Global Health gebündelt. Berlin wählte in Zusammenarbeit mit der IPPNW das Modell der Summer School, das auch am Missionsärztlichen Institut Würzburg schon seit mehr als zehn Jahren erfolgreich durchgeführt und zuletzt in Richtung Global Health weiterentwickelt wurde – ähnlich wie in den Gesundheitswissenschaften in Bielefeld.

In Anlehnung an internationale Vorbilder hat sich auf der ersten bundesweiten Tagung in Marburg (Mai 2011) eine Global Health Alliance für Deutschland gebildet. Sie richtet sich zunächst an Studierende, Lehrende und praktisch Tätige aus dem Bereich der Medizin, will in Zukunft aber auch für Interessierte aus anderen gesundheitsrelevanten Fachgebieten offen sein.

Priv.-Doz. Dr. med. Walter Bruchhausen,
Dr. med. Peter Tinnemann
(für die Global Health Alliance in Deutschland)

Interessierten aus dem Gesundheitsbereich oder anderen Disziplinen bietet das 84-seitige Infoheft „Hier & Dort – Einblicke in die Globale Gesundheit“ einen Einstieg in das Thema Global Health.
Die Bundesvertretung der Medizinstudierenden (bvmd) stellt das Heft unentgeltlich zur Verfügung unter http://bvmd.de/arbeit/scoph/gandhi/hier_und_dort/

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