ArchivDeutsches Ärzteblatt42/2011Psychische Erkrankungen: Eine weltweite „Epidemie“

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Psychische Erkrankungen: Eine weltweite „Epidemie“

Dtsch Arztebl 2011; 108(42): A-2214 / B-1868 / C-1846

Zylka-Menhorn, Vera

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Zahlreiche internationale Initiativen wollen die in vielen Ländern vorherrschende mangelhafte Behandlung und gesellschaftliche Ausgrenzung von psychisch kranken Menschen überwinden helfen.

Foto: picture alliance
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Depression, Epilepsie, Demenz, Angstzustände, Schizophrenie, Alkoholabhängigkeit und andere mentale, neurologische und Suchterkrankungen (MNS) stehen mit 13 Prozent an der Spitze der Liste weltweiter Erkrankungen. Mit ihrer wachsenden Verbreitung haben sie inzwischen sogar die Krebs- und Herz-Kreislauf-Erkrankungen überrundet. Nicht nur in den Industrieländern klagt man über mangelndes Bewusstsein für psychische Erkrankungen und unzureichende Betreuung, vor allem in den Entwicklungsländern werden die Betroffenen medizinisch und sozial vernachlässigt.

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Vier von fünf psychisch Kranken leben in Ländern mit einem niedrigen oder mittleren Durchschnittseinkommen. Trotzdem erhalten etwa 90 Prozent von ihnen keine angemessene psychiatrisch-medizinische Versorgung. Es besteht ein eklatanter Mangel an Arzneimitteln und Fachkräften. So sind nach Angaben der Welt­gesund­heits­organi­sation (WHO) in der Europäischen Region 200-mal so viele Psychiater tätig wie auf dem afrikanischen Kontinent. In 83 Prozent der Länder mit niedrigem Einkommen stehen in der Primärversorgung keine Parkinson-Medikamente zur Verfügung, in 25 Prozent keine Antiepileptika.

In Landgemeinden versuchen betroffene Familien für ihre kranken Verwandten zu sorgen. Für Patienten wie für Angehörige kommt allerdings erschwerend hinzu, dass Geisteskrankheiten in einigen Ländern mit einem Stigma versehen sind. In Sambia beispielsweise werden sie als Zeichen für Hexerei oder Besessenheit durch den Teufel angesehen. Dies führt neben sozialer Isolation und Obdachlosigkeit oftmals zu Suiziden. In anderen Regionen werden psychisch Kranke an Bäume gefesselt oder in Käfigen eingesperrt.

Trotz der enormen sozialen und wirtschaftlichen Belastungen, die psychische Erkrankungen mit sich bringen, haben mehr als 40 Prozent der Länder weltweit keine klar formulierte Gesundheitspolitik für den Umgang mit psychischen Erkrankungen. Viele Regierungen ärmerer Länder tun sich schwer mit der Entscheidung, ihre eingeschränkten Finanzmittel in den psychiatrischen Bereich fließen zu lassen, obwohl – das ist unstrittig – eine Grundversorgung bereits mit geringen Kosten und wenig Aufwand gewährleistet werden kann.

Statt „Abkupfern“ ist innovatives Denken gefragt

Dass eine globale Strategie zur Bewältigung der „Epidemie“ psychischer Erkrankungen nötig ist – sowohl für die Prävention als auch für die Behandlung –, wird allgemein akzeptiert. Inzwischen mangelt es nicht an unterschiedlichsten Initiativen, um weltweit Aufmerksamkeit für dieses Problem zu wecken. Aber bisher ist es nicht in ausreichendem Maße gelungen, die vielfältigen Absichtserklärungen in konkrete Aktionen auf nationaler Ebene umzusetzen.

Erst kürzlich hat deshalb eine Gruppe von 400 internationalen Experten für psychische Gesundheit 25 Forschungsschwerpunkte für die nächsten zehn Jahre identifiziert, die das Leben von Menschen mit MNS verbessern sollen (Nature 2011; 475: 27–30). Zum Panel dieser „Grand Challenges in Global Mental Health Initiative“ gehören Kliniker, Wissenschaftler und Programmorganisatoren aus mehr als 60 Ländern. Als prioritäre Herausforderungen nennen sie die:

  • Integration von Screening und Paket-Dienstleistungen in die primäre Gesundheitsversorgung
  • Reduktion der Kosten für ZNS-Medikamente und deren verbesserte Verteilung
  • Versorgung durch Fachkräfte auch für Kinder
  • Ausbildung in allen Gesundheitsberufen zu Fragen der psychischen Gesundheit.

Diese Initiative unterscheidet sich von früheren in mehrfacher Hinsicht: Sie kommt in 184 Ländern zur Anwendung; operiert nach der Delphi-Methode (ein systematisches, mehrstufiges Befragungsverfahren) und deckt das gesamte Spektrum der MNS-Erkrankungen ab. Durch die weltweite Zusammenarbeit und den gemeinsamen Zugriff auf Daten und Know-how hoffen die Initiatoren, die erforderlichen Kapazitäten zu schaffen.

Angeregt durch die positive Erfahrung, dass sich zunächst unerreichbar gedachte Ziele durch konzertierte Aktionen letztlich doch realisieren lassen (wie beispielsweise der verbesserte Zugang von HIV-Medikamenten in Niedriglohnländern), haben sich 1 775 Einzelpersonen und 95 Institutionen zu einem Netzwerk, dem „Movement for Global Mental Health“, zusammengeschlossen.

Ihr erklärtes Ziel ist es, die in einer Artikelserie des Lancet formulierte „Call for Action“ (2007; 370: 1241–52) mit Leben zu erfüllen. Den Fortgang ihrer beeindruckenden Arbeit kann man auf der Internetseite verfolgen (http://www.globalmentalhealth.org).

Einer ihrer Initiatoren ist der Psychiater Prof. Dr. Vikram Patel (London School of Hygiene & Tropical Medicine). In Indien geboren, spart er nicht mit Kritik am Umgang mit psychischen Erkrankungen. „In Entwicklungs- und Schwellenländern muss man aufhören, die psychosoziale Versorgung auf der Nordhalbkugel imitieren zu wollen: Wenn es an Spezialisten und Kliniken mangelt, ist innovatives Denken erforderlich“, sagt Patel im Gespräch mit dem Deutschen Ärzteblatt. Seiner Ansicht nach sollten in Niedriglohnländern nicht spezialisierte Arbeitskräfte im Gesundheitswesen an vorderster Front der psychosozialen Betreuung stehen.

Bereits im vergangenen Oktober hatte die WHO einen Leitfaden herausgegeben (Fußnote), um die Kompetenz von Krankenschwestern sowie anderen Gesundheitsdienstleistern zu stärken.

Psychische Störungen sind die größten Kostentreiber

Ein aktueller Bericht des World Economic Forum (WEF) und der Harvard School of Public Health (September 2011) über die ökonomischen Auswirkungen von nicht übertragbaren Erkrankungen kommt zu dem Ergebnis, dass die direkten und indirekten Kosten für psychische Erkrankungen weltweit von 2,5 Billionen US-Dollar 2010 auf 6,0 Billionen 2030 steigen werden.

Doch damit nicht genug: „Wenn man bedenkt, dass psychisch kranke Personen ein erhöhtes Risiko haben, zusätzlich von kardiovaskulären und respiratorischen Erkrankungen sowie Diabetes betroffen zu sein, werden die tatsächlichen Kosten die angegebenen Summen bei weitem übersteigen“, kommentiert Prof. Thomas Insel, Direktor des US National Institutes of Mental Health (Bethesda), den WEF-Bericht im Director’s Blog der Institutswebseite (28. September): „Die unmissverständliche Botschaft des Berichtes ist, dass psychische Erkrankungen die größten Treiber der Gesundheitskosten sind“ (Tabelle). Insel plädiert dafür, psychischen Erkrankungen endlich denselben Stellenwert zu geben wie anderen nicht übertragbaren Erkrankungen.

Dr. med. Vera Zylka-Menhorn

mhGAP Intervention Guide (mhGAP-IG) for mental, neurological and substance use disorders for non-specialist health settings. ISBN: 9789241548069

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