ArchivDeutsches Ärzteblatt42/2011„Capacity Building“: Eine Aufgabe der akademischen Welt

WORLD HEALTH SUMMIT

„Capacity Building“: Eine Aufgabe der akademischen Welt

Dtsch Arztebl 2011; 108(42): A-2213 / B-1867 / C-1845

Wesselingh, Steve

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WHS-Präsident Steve Wesselingh, Dekan der Fakultät „Nursing & Health Sciences“ der Monash University, Melbourne

Die meisten Länder der Erde leiden an den Folgen einer unzureichenden Gesundheitsversorgung und mangelhaften Gesundheitssystemen. Die Folge: Infektiöse und nicht übertragbare Krankheiten breiten sich aus, die Kinder- und Müttersterblichkeit ist nach wie vor hoch. Was ist zu tun? Üblich ist der Ruf nach mehr Geld für Medikamente, Geräte und Personal. Doch damit allein ist es nicht getan.

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Natürlich ist die Erkenntnis nicht neu, dass das Management und die Organisation von Gesundheitseinrichtungen in Niedriglohnländern verbessert und ihre nachhaltige Finanzierung sichergestellt werden muss. Gefragt sind dafür Kompetenzen und Erfahrungen („capacities“) aus ganz unterschiedlichen Bereichen – wie Medizin, Recht, öffentliche Finanzen, Kommunikation und Organisationsentwicklung.

Foto: Monash University, Melbourne
Foto: Monash University, Melbourne

Allem voran bedarf es einer Professionalisierung des Ausbildungswesens im Gesundheitsbereich. Allerdings können langfristige Wirkungen nur erzielt werden, wenn die Aktivitäten und Strategien dieser Bereiche effizient koordiniert, gesteuert und mit den relevanten Interessengruppen aus Staat, Privatwirtschaft und Zivilgesellschaft erarbeitet und abgestimmt werden.

Es geht um Partnerschaft, nicht um Bevormundung

Es gehört zu den Kernaufgaben des World Health Summit – getragen durch die M8-Allianz renommierter medizinischer Einrichtungen und Akademien der Wissenschaften –, Menschen und Organisationen zusammenzuführen, um die dafür notwendigen komplexen Prozesse zu unterstützen und – idealerweise – in Gang zu setzen. Es geht keinesfalls darum, das sei betont, einkommensschwache Länder zu „bevormunden“ oder ihnen Modelle aus Industrienationen „überzustülpen“.

Vielmehr soll sich die Hilfe der internationalen Gemeinschaft darauf konzentrieren, Lern- und Veränderungsprozesse in Entwicklungs- und Schwellenländern anzustoßen und langfristig zu begleiten – also Hilfe zur Selbsthilfe. Entscheidend für die Verbesserung der dortigen Gesundheitssysteme ist es, eine kritische Zahl hervorragend qualifizierter Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler auszubilden, die international vernetzt sind. Dies ist die Aufgabe der internationalen akademischen Welt („academia“).

Moderne Technologien – vor allem virtuelle Lernmodelle und Simulationsprogramme – können hierbei von besonderer Hilfe sein. Ich bin davon überzeugt, dass die erweiterten Möglichkeiten des E-Learnings neue Perspektiven eröffnen und eine relevante Größe der Entwicklungshilfe sein werden.

Einen weiteren Schwerpunkt ihrer Arbeit sieht die M8-Allianz in der Globalisierung der Medizinerausbildung. Denn Ärzte haben sehr unterschiedliche Karrieren vor sich, je nachdem, ob sie als Landarzt Bewohner einer strukturschwachen Region versorgen oder als Grundlagenforscher im akademischen Sektor tätig sind. Für Gesundheitsberufe, die speziell auf die Krankenversorgung in strukturschwachen Regionen ausgerichtet sind, müssen daher neue, differenziertere Ausbildungsmodelle geschaffen werden.

Externe Begutachtung von Projekten ist ein „Muss“

Zunehmend geraten Regierungen und Non-Profit-Organisationen unter den öffentlichen Druck, ihre Effektivität unter Beweis zu stellen, ihre Maßnahmen zu dokumentieren und finanzielle Zuwendung für ihre Projekte zu rechtfertigen. Um die Wirkungen und (Miss-)Erfolge dieser Arbeiten zuverlässig, glaubwürdig und unabhängig nachzuweisen, sind das Monitoring und die Evaluation durch externe Gutachter daher heute ein „Muss“, dem sich Geber- und Nehmerländer nicht entziehen dürfen. Obwohl mindestens ein Prozent der Gesamtausgaben eines Projektes dafür eingeplant werden sollte, bleiben die meisten Akteure allerdings noch im „Promille-Bereich“.

Mit Dringlichkeit wird auch der 3rd World Health Summit darauf hinwirken, den Transfer von Wissenschafts-, Technologie- und Innovationskapazitäten – mit und unter – Entwicklungsländern zu stärken.

Prof. Dr. med. Steve Wesselingh

3rd World Health Summit

Vom 23. bis 26. Oktober 2011 findet auf dem Campus der Berliner Charité der dritte World Health Summit (WHS) statt. Unter der Schirmherrschaft von Bundeskanzlerin Angela Merkel und des französischen Staatspräsidenten Nicolas Sarkozy versammeln sich 1 200 internationale Persönlichkeiten aus Politik, Wissenschaft, Industrie und Zivilgesellschaft unter dem Leitsatz „Today’s Science – Tomorrow’s Agenda“. Der WHS versteht sich als ein Forum, das die globalen Herausforderungen für die medizinische Gesundheitsversorgung des 21. Jahrhunderts diskutiert.

In diesem Jahr laden die beiden Präsidenten, Prof. Dr. Steve Wesselingh (Monash University, Melbourne) und Prof. Dr. Detlev Ganten (Charité – Universitätsmedizin) nach Berlin ein, um die Gesundheitsfolgen des Klimawandels, den rasanten Anstieg chronischer Erkrankungen sowie die strategische Planung im Kampf gegen Infektionskrankheiten und ihre sich verändernden globalen Ausbreitungsmuster zu thematisieren. In verschiedenen Working Sessions erarbeiten die Teilnehmer Empfehlungen, die Entscheidungsträgern aus Politik, Wirtschaft, Forschung und Gesundheitssystemen zur Verfügung gestellt werden.

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