WORLD HEALTH SUMMIT

Masterplan für Äthiopien: Moderne Psychiatrie im Einklang mit traditionellen Heilmethoden

Dtsch Arztebl 2011; 108(42): A-2216 / B-1870 / C-1848

Dehning, Sandra; Jobst, Andrea; Siebeck, Matthias; Müller, Norbert

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Die Ludwig-Maximilians-Universität München hat in Zusammenarbeit mit der Universität Jimma einen zweijährigen Ausbildungsgang zum „Mental Health Worker“ ins Leben gerufen, um die psychiatrische Versorgung im Land zu verbessern.

Es ist dunkel in der Hütte. Durch die verdeckte Eingangstür fällt nur ein schmaler Lichtstreifen. Seit Wochen schon liegt die 25-jährige Mekdes am Boden der Lehmhütte ihrer Familie und starrt vor sich hin. Sie erzählt von Geisterstimmen und fühlt sich von anderen Menschen bedroht. Sie ist unruhig. Kürzlich entfloh Mekdes in die Savanne und musste von Familienangehörigen tagelang gesucht werden. Aus Hilflosigkeit und Scham haben die Familienmitglieder sie mit einem Seil an die Hüttenwand angebunden. Täglich kommt ihre Großmutter zu ihr und benetzt ihren Kopf und ihre Schultern mit „heiligem Wasser“. Gerade berät die gesamte Familie, wie man Mekdes wohl helfen kann.

Das Lehrangebot der Universität Jimma zu psychischen Erkrankungen (oben) ist ein Leuchtturmprojekt für Äthiopien. Foto: LMU Jimma Projekt/Andrea Jobst
Das Lehrangebot der Universität Jimma zu psychischen Erkrankungen (oben) ist ein Leuchtturmprojekt für Äthiopien. Foto: LMU Jimma Projekt/Andrea Jobst

So oder ähnlich könnte die Geschichte einer Äthiopierin lauten, die unter einer psychiatrischen Erkrankung leidet. Mekdes würde dringend eine psychiatrische Behandlung benötigen, doch dies ist für die meisten der 80 Millionen Bewohner Äthiopiens noch eine Zukunftsvision. Äthiopien ist das zehntgrößte Land Afrikas, nimmt auf dem Human Development Index Platz 171 von 182 ein und zählt damit zu den ärmsten Ländern der Welt. Die Häufigkeit psychischer Erkrankungen in Äthiopien liegt nach Schätzung der WHO bei 15 Prozent der Erwachsenen und bei elf Prozent der Kinder (www.who.int.org). Doch nahezu die Hälfte der Äthiopier hat keinen Zugang zum Gesundheitssystem.

Im Land praktizieren nur 34 Fachärzte für Psychiatrie, 30 von ihnen in der Hauptstadt Addis Abeba. Eine psychiatrische Klinik, das Amanuel Mental Hospital in Addis Abeba, und vier psychiatrische Abteilungen in Universitätskliniken (Addis Abeba, Mekele, Gondar, Jimma) können Patienten im Land stationär versorgen. Ansonsten beschränkt sich die psychiatrische Versorgung in Äthiopien auf eine allgemeinmedizinische Mitbehandlung in regionalen Gesundheitsstationen.

Foto: iStockphoto
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Auch besteht innerhalb der Bevölkerung wenig Aufklärung über psychische Erkrankungen. Psychiatrische Symptome werden daher häufig „magisch“ erklärt und Patienten von ihren Familienangehörigen zu traditionellen Heilern gebracht, die heiliges Wasser anbieten, welches geträufelt oder getrunken werden soll. Amulette werden getragen, Kräuterelixiere verabreicht sowie Rituale und Exorzismen durchgeführt. In der Bevölkerung herrscht der Glaube, dass übernatürliche Kräfte für psychiatrische Erkrankungen verantwortlich sind und böse Geister bei Fehlverhalten oder „Sünde“ von Menschen Besitz nehmen können. Man spricht in Äthiopien von „Buda“ oder „Evil Eye“, wohinter sich der Glaube verbirgt, durch den „bösen Blick“ einer Person verrückt werden zu können.

In der 150 000 Einwohner-Stadt Jimma lebt und arbeitet Dr. Markos Tesfaye; er leitet die Abteilung für Psychiatrie der dortigen Universität. Schon die Fahrt von Addis Abeba nach Jimma gibt einen Eindruck über die wenig ausgebaute Infrastruktur des Landes. Mehr als acht Stunden ist man mit dem Auto für die Strecke von 350 km unterwegs. Für psychiatrisch Erkrankte aus der Landbevölkerung bedeutet dies, dass sie mehrere Hundert Kilometer Fahrt oder Fußmarsch über staubige Landstraßen auf sich nehmen müssen, um einen der wenigen Psychiater zu konsultieren.

Dr. Markos Tesfaye leitet die Abteilung für Psychiatrie der Universität Jimma. Foto: Jimma University Ethiopia
Dr. Markos Tesfaye leitet die Abteilung für Psychiatrie der Universität Jimma. Foto: Jimma University Ethiopia

Tesfayes Büro befindet sich auf einem parkähnlich angelegten Universitätscampus, der einen Kontrast zu den staubigen Wegen der Kleinstadt bildet und veranschaulicht, dass das Land in Bildung investiert. Der Arzt war lange Zeit Einzelkämpfer. Als einziger Psychiater der Universität ist er für eine psychiatrische Abteilung mit 26 Betten verantwortlich und behandelt darüber hinaus wöchentlich mehr als 150 ambulante Patienten, die von ihren Familienangehörigen tatsächlich oft mehrere Hundert Kilometer per Fußmarsch zu ihm gebracht werden. Auch die psychiatrische Lehre für Medizinstudierende liegt allein in seinen Händen. So brennt oft bis spät in die Nacht hinein in seinem Büro noch Licht.

80 Prozent der Ärzte haben das Land verlassen

Tesfaye engagiert sich seit Jahren für den Ausbau der psychiatrischen Versorgung in seinem Land. Er hat sich im Gegensatz zu vielen seiner ärztlichen Kollegen in Äthiopien bewusst für die Arbeit in der Provinz entschieden, weit entfernt von der Hauptstadt. Die Zentralisierung medizinischer Versorgung ist nicht nur ein Problem Äthiopiens. Aufgrund der besseren Lebensbedingungen zieht es viele afrikanische Mediziner in die Großstädte und ins westliche Ausland. 80 Prozent der in Äthiopien ausgebildeten Mediziner haben das Land in den letzten Jahren verlassen. So arbeiten derzeit im Heimatland nur etwa 900 Ärzte (Schweizer Flüchtlingshilfe, [SFH]: Äthiopien: Psychiatrische Versorgung, Auskunft der SFH-Länderanalyse, 2009).

Die Ludwig-Maximilians-Universität München hat in Zusammenarbeit mit der Universität Jimma einen in Äthiopien bislang einzigartigen Ausbildungsgang ins Leben gerufen, um die psychiatrische Versorgung in ländlichen Regionen und kleineren Gesundheitsstationen zu verbessern. Der zweijährige Ausbildungsgang mit dem Titel „Master of Science in integrated and community mental health“ richtet sich an allgemeinmedizinisch ausgebildete „Health Worker“, von denen in den kommenden Jahren mehr als 5 000 ihre Ausbildung in Äthiopien abschließen werden (www.moh.gov.et).

Der Unterricht erfolgt in Form von 17 Blockkursen, die zum Großteil von Münchner Dozenten geleitet werden. Wesentliche Elemente sind die Klinische Psychiatrie, Psychotherapie, Psychopharmakologie, aber auch die Gebiete der Kinder- und Jugendpsychiatrie, der Medizinethik und Public Health sind im Lehrplan enthalten. Jeder Blockkurs wird mit einem schriftlichen Examen und der Masterstudiengang mit einer wissenschaftlichen Masterarbeit abgeschlossen.

Im Januar 2010 starteten die ersten fünf äthiopischen Studenten den Studiengang, im Sommer haben sie ihre Ausbildung abgeschlossen. Mit weiteren zwölf Studenten wurde das Programm im Januar 2011 fortgeführt. Neben der theoretischen Ausbildung werden die Studenten Schritt für Schritt schon während des Curriculums an die Versorgung psychiatrischer Patienten herangeführt. Nach Beendigung des Curriculums sollen die „Mental Health Worker“ eine komplette psychiatrische Diagnostik und Behandlung selbstständig durchführen können.

Ein besonderer Aspekt stellt hierbei die Berücksichtigung der landeseigenen Tradition psychiatrischer Behandlung dar. Der Besuch von Stätten traditioneller Heiler sowie der Einsatz in einem ländlichen „primary care center“ sollen das Programm erweitern. Langfristiges Ziel ist es, durch Zusammenarbeit mit traditionellen Heilern und der Bevölkerung das Vertrauen in und das Verständnis für moderne psychiatrische Behandlung zu stärken und so zu einer Antistigmatisierung psychisch Kranker beizutragen.

Unklare Fälle werden nach Jimma vermittelt

Fikir ist eine der Studentinnen, die gerade ihre Ausbildung abgeschlossen hat. Sie ist 29 Jahre alt, Mutter zweier Kinder und trägt mit ihrer Arbeit maßgeblich zur Versorgung ihrer Familie bei. Seit August arbeitet sie als „Mental Health Worker“ in einer Gesundheitsstation nahe ihres Heimatdorfes. Dort wird sie eigenverantwortlich psychiatrische Patienten behandeln. Neben der medikamentösen Behandlung und therapeutischen Begleitung der Patienten wird ihre Arbeit vor allem auch Information, Unterstützung und Aufklärung der Familien beinhalten. Besonders schwierige oder unklare Fälle wird sie zur stationären Behandlung nach Jimma vermitteln.

So konnte Fikir auf Mekdes treffen, die von ihrer Familie von der Hüttenwand losgebunden und zu ihr gebracht wurde. Eine medikamentöse Behandlung mit Neuroleptika kann Mekdes helfen. Die Familie wird an der Behandlung maßgeblich beteiligt sein, denn sie werden Mekdes zur Medikamenteneinnahme ermutigen müssen. Aus diesem Grund ist eine gute Zusammenarbeit mit der Familie und deren Vertrauen in die Behandler unerlässlich. Dabei sollen traditionelle Heilmethoden nicht ausgeschlossen werden. So wird die Großmutter Mekdes auch weiterhin heiliges Wasser bringen und durch ihre Unterstützung zur psychischen Genesung ihrer Enkelin beitragen.

Sandra Dehning, Andrea Jobst, Matthias Siebeck, Norbert Müller

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