ArchivDeutsches Ärzteblatt43/2011Psychoanalytisch gesehen eine Zwangsneurose
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Es ist merkwürdig, dass hinsichtlich der Ursachen der Zwangsstörung im Kindes- und Jugendalter und der Zwangsstörung überhaupt nur neurobiologische und kognitiv-behaviorale Befunde und Modelle existieren sollen. Die in der Übersichtsarbeit dargestellte Verhaltensanalyse und Diagnostik beschreibt doch genau das als Zwangsstörung, was die Psychoanalyse schon seit langem als Zwangsneurose herausgearbeitet und beschrieben hat. Und auch das dort als dysfunktionales Interpretationsmuster dargestellte lässt sich im psychoanalytischen Gedankengut wiederfinden, das dieses allerdings noch bis auf den Begriff des Konfliktes ausdifferenziert. Und gerade davon, ob man dies tut oder nicht, hängt das weitere therapeutische Vorgehen ab.

So möchten die kognitiv-behavioralen, pharmakologischen und neurochirurgischen Verfahren das dysfunktionale Interpretationsmuster als Ganzes löschen, womit sie aber Gefahr laufen, auch dessen an sich normale und gesunde Anteile zu beseitigen oder mit der Gefahr der Symptomverschiebung zu unterdrücken.

Die in der Übersichtsarbeit nicht genannte psychoanalytische Therapie aber möchte den Komplex dysfunktionales Interpretationsmuster (auf)lösen, indem sie dessen Konstituenten:

  • die eigentlich normalen, aber aufdringlichen negativen Gedanken und
  • die sie begleitenden unbehaglichen Emotionen bis hin zur Angst, die wiederum von
  • anderen aufdringlichen Gedanken begleitet werden, so zum Ausgleich kommen lassen will, dass sich die einen Gedanken durchsetzen, die anderen zurücktreten und sich so der Konflikt mit seinen Symptomen von Zwang, Widerstand und Unbehagen auflöst.

Nun, wo sich doch all die hier genannten Ansätze zum Verständnis und zur Therapie der Zwangsstörung bis auf den letzten, nur hier genannten Punkt, der die therapeutische Zielsetzung betrifft, gleichen, wieso wird dann in einer Übersichtsarbeit nicht mit einem Wort die Psychoanalyse genannt? Verbauen da vielleicht standes- und ausbildungspolitische Gründe und wirtschaftlich-therapeutische Überlegungen den wissenschaftlichen vorurteilsfreien und interessenlosen Blick?

DOI: 10.3238/arztebl.2011.0741b

Arzt und Dipl.-Psych. Heinz Petry

Waldböckelheim

petryheinz6@aol.com

Interessenkonflikt
Der Autoren erklärt, dass kein Interessenkonflikt besteht.

1.
Walitza S, Melfsen S, Jans T, Zellmann H, Wewetzer C, Warnke A: Obsessive-compulsive disorder in children and adolescents. Dtsch Arztebl Int 2011; 108(11): 173–9. VOLLTEXT
2.
Freud S: Bemerkungen über einen Fall von Zwangsneurose (1909), Studienausgabe Band VII, Zwang, Paranoia und Perversion. Frankfurt am Main: Fischer 1982.
3.
Mentzos S: Lehrbuch der Psychodynamik. Die Funktion der Dysfunktionalität psychischer Störungen. 4th revised edition. Göttingen, Zürich: Vandenhoeck & Ruprecht 2010.
1.Walitza S, Melfsen S, Jans T, Zellmann H, Wewetzer C, Warnke A: Obsessive-compulsive disorder in children and adolescents. Dtsch Arztebl Int 2011; 108(11): 173–9. VOLLTEXT
2.Freud S: Bemerkungen über einen Fall von Zwangsneurose (1909), Studienausgabe Band VII, Zwang, Paranoia und Perversion. Frankfurt am Main: Fischer 1982.
3.Mentzos S: Lehrbuch der Psychodynamik. Die Funktion der Dysfunktionalität psychischer Störungen. 4th revised edition. Göttingen, Zürich: Vandenhoeck & Ruprecht 2010.

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