ArchivDeutsches Ärzteblatt43/2011Elektronische Patientenakte: Der Bürger als „Souverän der Akte“

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Elektronische Patientenakte: Der Bürger als „Souverän der Akte“

Krüger-Brand, Heike E.

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Ein Forschungsprojekt untersucht, wie eine von der elektronischen Gesundheitskarte unterstützte Akte als Werkzeug für die individuelle Gesundheitsversorgung des Patienten realisiert werden kann.

Elektronische Aktensysteme in unterschiedlicher Ausprägung gibt es inzwischen von diversen Anbietern. Doch welche Anforderungen muss eine elektronische Patientenakte (ePA) als eine freiwillig nutzbare Anwendung der elektronischen Gesundheitskarte auf Basis des § 291 a Sozialgesetzbuch V erfüllen, und welche Szenarien sind für sie relevant? Über ein Forschungsprojekt zu dieser Frage berichtete Thomas Kunz, Fraunhofer-Institut für Sicherheit in der Informationstechnik (SIT), bei der Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Medizinische Informatik, Biometrie und Epidemiologie in Mainz. In dem vom Bundesministerium für Gesundheit geförderten Projekt, das noch bis Ende 2012 läuft, sollen Möglichkeiten für bürgerzentrierte elektronische Patientenakten im Rahmen der geplanten bundesweiten Telematikinfrastruktur entwickelt werden.

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Fallakte und Patientenakte im Vergleich

Im Fokus des Projektes steht laut Kunz die Konzeption einer Integrationsplattform, über die netzbasierte Gesundheitsakten und dezentrale Speichermedien als „Aktensystem des Bürgers“ mit Systemen der Leistungserbringer interagieren können. Im Unterschied zur Fallakte, die einen kooperativen, strukturierten Behandlungsprozess im Rahmen einer diagnosebezogenen Akutbehandlung umfasst und ausschließlich der Kommunikation der Leistungserbringer dient, soll die Patientenakte eine fallübergreifende Nutzung von Daten unter Einbeziehung des Bürgers als Akteur in den Behandlungsprozess ermöglichen. „Über den Lebenszyklus und den Inhalt bestimmt der Bürger selbst“, erläuterte Kunz. „Er soll jederzeit die Hoheit über seine Akte haben.“ Die ePA adressiert zudem je nach individueller Ausgestaltung und den verfolgten Nutzungszielen (Beispiel: „Diabetes-Akte“) einen offenen Nutzerkreis.

Das Konzept des Bürgers als „Souverän der Akte“ setzt voraus, dass die Daten nicht nur virtuell integriert werden, indem Verweise auf verteilt gespeicherte Originaldaten über ein Register verwaltet werden. Vielmehr erhält der Patient Kopien der Daten, die er in einem dedizierten Speichersystem unter seiner Hoheit verwaltet. Darüber hinaus ist er bei der Wahl des Speichermediums frei: So kann er für seine ePA beispielsweise ein dezentrales Medium in der eigenen physischen Obhut verwenden, etwa einen USB-Stick, oder er nutzt eine zentrale digitale Akte bei einem Online-Provider. „Die Ärzte müssen dafür grundsätzlich bereit sein, Daten aus ihrer Dokumentation in die Akte einzustellen“, erläuterte Kunz. „Das setzt einheitliche, standardisierte Benutzerschnittstellen voraus.“ Zudem müssen Datenschutz und Datensicherheit integrale Bestandteile sämtlicher Konzepte sein. Hier bedürfe es einer Balance zwischen Sicherheit und Bedienbarkeit, zum Beispiel im Hinblick auf die PIN-Eingabe.

Die ePA als Integrationsplattform soll laut Kunz die asynchrone und die synchrone Kommunikation in sechs Anwendungsszenarios unterstützen. So können Arzt und Patient in der asynchronen Interaktion ähnlich einfach wie beim E-Mail-Verkehr miteinander kommunizieren: Der Arzt kann Daten von der ePA anfordern, etwa die regelmäßige Messung von Blutdruckwerten, oder umgekehrt Daten in die ePA einstellen, etwa einen aktualisierten Medikationsplan. Ebenso kann der Patient über die ePA Daten vom Arzt anfordern, beispielsweise ein Röntgenbild, oder Daten auf Anforderung an den Arzt senden. Durch die Nutzung von Postfächern müssen die beteiligten Systeme dabei nicht permanent verfügbar sein.

Autorisierungsverfahren je nach Anwendungsszenario

In einer synchronen Interaktion hingegen fordert der Arzt Daten aus der Akte an und erhält sie automatisiert, oder er sendet Daten an die Akte und erhält diese direkt zugestellt. Dieses Szenario ist beispielsweise dann relevant, wenn der Patient ein dezentrales Speichermedium als Träger für seine Akte nutzt, das zum Datenaustausch an das Primärsystem des Arztes angebunden werden muss. Der Patient könnte in diesem Szenario die Autorisierung für den Datenzugriff über die elektronische Gesundheitskarte direkt vor Ort in der Einrichtung erteilen. Möglich wäre auch eine Vorabautorisierung durch die Hinterlegung von Zugriffsberechtigungen in der Akte, durch die ein Arzt auch ohne Anwesenheit des Patienten auf Inhalte der Akte zugreifen könnte. In jedem Fall steuert der Patient/Bürger den Datenfluss direkt über seine Aktenoberfläche.

Partner des Forschungsprojekts sind neben dem Fraunhofer SIT das Fraunhofer-Institut für Software- und Systemtechnik (ISST), die TMF – Technologie- und Methodenplattform für die vernetzte medizinische Forschung e. V. und die Universitätsmedizin Göttingen. Die Ergebnisse sollen online unter der Adresse www.epa291a.de veröffentlicht werden.

Heike E. Krüger-Brand

@Elektronische Patientenakte
gemäß § 291 a SGB V:
www.aerzteblatt.de/112295

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