ArchivDeutsches Ärzteblatt15/1996Neue Zytostatika: 1. Gemcitabin bei soliden Tumoren Kombinationspartner mit guter Verträglichkeit

POLITIK: Medizinreport

Neue Zytostatika: 1. Gemcitabin bei soliden Tumoren Kombinationspartner mit guter Verträglichkeit

Pohlmann, Birgit-Kristin

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LNSLNSLNSLNS Bei einer Reihe von soliden Tumoren – dem kleinzelligen Bronchialkarzinom, dem Mamma-, Blasen- und Ovarialkarzinom – zeigt das neue Zytostatikum Gemcitabin erfolgversprechende Ansprechraten und zeichnet sich durch gute Verträglichkeit aus. Das zukünftige Potential der Substanz liegt unter anderem in seiner selbstpotenzierenden, intrazellulären Wirkung, wie Prof. Dieter K. Hossfeld (Hamburg) als Sprecher der Arbeitsgemeinschaft Internistische Onkologie auf einer Tagung in Köln resümierte. Neben dem Bronchial- und dem Pankreaskarzinom wurde Gemcitabin, das jetzt in Deutschland als Gemzar® (Lilly) für die Indikation Pankreaskarzinom zugelassen wurde, insbesondere bei gynäkologischen und urologischen Tumoren geprüft. Beim fortgeschrittenen, nicht vorbehandelten, nicht kleinzelligen Bronchialkarzinom (NSCLC) wurden in Phase-II-Studien mit einer Gemcitabin-Monotherapie Remissionsraten von über 20 Prozent erzielt, erklärte Dr. Christian Manegold (Heidelberg). Der typische Behandlungszyklus beim NSCLC beträgt derzeit 1 000 mg/m2 pro Woche über drei Wochen plus eine Woche Therapiepause. Gemcitabin wird als 30-Minuten-Infusion appliziert. Die Substanz war gut verträglich: hämatologische Nebenwirkungen traten nur zu einem relativ geringen Prozentsatz auf. Aufgrund der guten Verträglichkeit wird der Stellenwert von Gemcitabin, so Dr. Ulrich Gatzemeier (Hamburg), als Kombinationspartner zu erarbeiten sein. Erste Untersuchungen weisen auf synergistische Effekte mit 5-FU und Cisplatin hin.
Aufgrund der relativ geringen Hämatotoxizität von Gemcitabin bietet sich dieses Zytostatikum auch zur Kombination mit einer hochdosierten Strahlentherapie an, erklärte Prof. Hans-Peter Heilmann (Hamburg). Die hochdosierte Kombination von Chemo- und Radiotherapie wird zunehmend beim Bronchialkarzinom eingesetzt: in diesen Fällen liegt die Zweijahres-Überlebensrate in der Regel um zehn Prozent höher.
Da die mediane Überlebenszeit beim fortgeschrittenen, meist inoperablen Pankreaskarzinom nur bei sechs Monaten liegt, so Prof. Kurt Possinger (Berlin), steht die Lebensqualität des Patienten im Mittelpunkt der Behandlung. In den USA und Deutschland wurden an ungefähr 200 Patienten mit fortgeschrittenem Pankreaskarzinom "clinical benefit response"-Untersuchungen durchgeführt: Jeder vierte Patient behielt unter der Gemcitabin-Behandlung seine körperliche Leistungsfähigkeit, hatte weniger Schmerzen und nicht an Gewicht abgenommen. Im randomisierten Vergleich mit 5-FU kam es unter Gemcitabin in 25 Prozent der Fälle zu einer Verbesserung des persönlichen Befindens versus fünf Prozent unter 5-FU-Behandlung. Bei den gynäkologischen Tumoren ist die Datenlage noch relativ dünn: Ansprechraten von 20 bis 30 Prozent bei Patientinnen mit Mammakarzinom und Lungen- und Lebermetastasen geben jedoch zu Optimismus Anlaß, erklärte Prof. Albrecht Pfleiderer (Freiburg). Diese Zahlen entsprechen den Ansprechraten unter Anthrazyklintherapie. Beim Ovarialkarzinom scheint Gemcitabin eine Platin-Resistenz überwinden zu können. Die Nebenwirkungen waren sehr mild: über 80 Prozent der Patientinnen hatten keine oder fast keine Alopezie. Übelkeit und Erbrechen waren ebenfalls sehr selten.
Bei den drei urologischen Problemtumoren der Prostata, der Niere und der Blase könnte Gemcitabin eine therapeutische Verbesserung bringen, erklärte Prof. Lothar Weißbach (Berlin). Von insgesamt bisher 38 behandelten Patienten mit fortgeschrittenem Blasenkarzinom erzielten drei eine komplette und elf eine partielle Remission unter Gemcitabin-Behandlung. Beim Nierenzellkarzinom favorisiert Weißbach die Kombination von Gemcitabin mit Zytokinen. Hierzu liegen aber noch keine Ergebnisse vor. Beim Prostatakarzinom, das weitgehend als chemotherapieresistent gilt, steht die Verbesserung der Lebensqualität im Vordergrund. Überraschend war, so Weißbach, daß die Patienten, die auf eine Gemcitabin-Behandlung angesprochen haben, auch länger überlebten. Gemcitabin ist ein Nukleosid-Analogon, das erst durch die intrazelluläre Umwandlung in seine Metaboliten Monophosphat, Diphosphat und Triphosphat aktiv wird. Entscheidend ist der Einbau von Gemcitabin-Triphosphat in den wachsenden DNA-Strang. Durch den Einbau eines weiteren natürlichen Nukleotids bricht die DNA ab. Diese "masked chain termination" schützt Gemcitabin vor DNA-ReparaturVorgängen. Gemcitabin hat eine lange Verweildauer in der Zelle. Die optimale Dosierung und Infusionsdauer werden noch diskutiert. Birgit-Kristin Pohlmann

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