ArchivDeutsches Ärzteblatt15/19962. Docetaxel bei fortgeschrittenem Brustkrebs: Zweiter Eiben-Wirkstoff mit hohen Ansprechraten

POLITIK: Medizinreport

2. Docetaxel bei fortgeschrittenem Brustkrebs: Zweiter Eiben-Wirkstoff mit hohen Ansprechraten

Petersen, Ursula

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LNSLNS Gute Chancen für Krebspatienten, für die es bisher keine Behandlungsalternativen mehr gab, sieht Professor Gordon McVie, Brüssel, in der neuen Substanz Docetaxel. Nach der Zulassung von Docetaxel (Taxotere®, Rhône-Poulenc Rorer) in 15 euroäischen Ländern im November 1995 wurde das Präparat Ende Januar europaweit zur Therapie beim fortgeschrittenen Brustkrebs und nichtkleinzelligen Lungenkrebs (NSCLC, Non-small cell lung cancer) eingeführt. Es gibt zur Zeit, so bestätigte Prof. Martin Piccard, Paris, auf dem Launch-Symposium in Prag, keine vergleichbar gut wirkende Substanz für diese Indikationen.
Docetaxel wird halb-synthetisch aus den Nadeln der europäischen Eibe (Taxus baccata) hergestellt. Die Substanz verhindert die Teilung der Krebszelle, indem sie das Zellskelett, bestehend aus Mikrotubuli, "einfriert". Während eines normalen Zellzyklus findet eine Polymerisation und Depolymerisation der Mikrotubuli statt. Die neue Substanz fördert die Polymerisation und blockiert die Depolymerisation der Mikrotubuli. Damit wird die Krebszelle gehindert, sich weiter zu teilen, was zum Absterben der Tumorzelle führt.

Vielversprechende Studienergebnisse
Die Wirksamkeit von Docetaxel wurde weltweit in 35 klinischen Studien an mehr als 2 500 Patienten untersucht. Besonders hohe Response-Raten wurden bei Patienten mit fortgeschrittenem oder metastasierendem Mammakarzinom erzielt, die auf eine Initialtherapie mit Anthrazyklin Resistenzen entwickelten. Taxotere® erreichte in klinischen Prüfungen der Phase II die höchste Ansprechrate, die jemals mit einer Einzelsubstanz (56 Prozent) in der Behandlung weitgehend therapieresistenter fortgeschrittener Mammakarzinome erzielt werden konnte. Die mittleren Überlebensraten von 16,4 Monaten, die Dr. M. E. Trudeau (Toronto, Kanada) in fünf Multizenter-Studien aufwies, wurden in ähnlicher Höhe auch in anderen klinischen Prüfungen bestätigt. In noch nicht abgeschlossenen Studien geben die Überlebensraten zu Hoffnung Anlaß. Ein Vorteil für den Patienten, das hob Dr. H. A. Burris (San Antonio, Texas) hervor, bietet die ambulante Behandlung mit einer lediglich einstündigen Infusion der neuen Antitumorsubstanz von 100 mg/m2 (Standarddosierung) alle drei Wochen. Das Potential der Nebenwirkungen von Docetaxel entspricht dem anderer Chemotherapeutika: Haarausfall, Neutropenie, Hautausschlag, Flüs- sigkeitsretention, Hypersensibilität, Übelkeit und Diarrhoe. Diese Nebenwirkungen sind im allgemeinen reversibel und behandelbar. Durch Prämedikation mit Kortikosteroiden kann vor allem das Auftreten von Flüssigkeitsretentionen zumindest verzögert oder reduziert werden. Docetaxel zeigt, so Dr. J. R. Eckardt (St. Louis, USA), keine signifikante Toxizität auf Organe wie Herz und Leber. Zur Zeit laufen Studien, um die Wirksamkeit von Docetaxel beim Pankreaskarzinom, Magenkrebs, bei Weichteilsarkomen und Lebermetastasen zu prüfen. Weiterhin werden Kombinationen mit anderen Chemotherapeutika (z. B. Cisplatin) bei Brustkrebs und NSCLC geprüft. Einer Kombinationstherapie mit zwei oder mehreren aktiv wirksamen Substanzen wird der Vorrang gegeben. Docetaxel erwies sich in Studien der ebenfalls aus Eiben entwickelten Substanz Paclitaxel ebenbürtig. Dr. R. J. Gralla (New Orleans, USA) zeigte in Ergebnissen, daß in der Therapie beim NSCLC Docetaxel aufgrund seiner großen Antitumoraktivität höhere Response-Raten aufweisen konnte als Paclitaxel.

Gute Aussichten für die Zukunft
Ironie des Schicksals: Während des Symposiums stirbt in unmittelbarer Nähe des Veranstaltungsortes die Frau des tschechischen Ministerpräsidenten Vazlav Havel – an Krebs. McVie sieht jedoch optimistisch in die Zukunft: Neu entwickelte Substanzen, die neuen Taxoide eingeschlossen, werden greifen, so daß sich bis zum Jahr 2005 die Anzahl der kompletten Remissionen erhöhen wird und besere Überlebensraten vorliegen werden.
Ursula Petersen

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