ArchivDeutsches Ärzteblatt15/1996Methadonsubstitution: Geringerer Zuwachs an Patienten

THEMEN DER ZEIT: Berichte

Methadonsubstitution: Geringerer Zuwachs an Patienten

Weber, Ingbert

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS Rund 13 500 drogenabhängige Patienten sind bei den Kassenärztlichen Vereinigungen der alten Bundesländer registriert, bei denen im Rahmen der vertragsärztlichen Versorgung die Substitution durchgeführt wird. Dies ergab die Erhebung des Zentralinstituts für die kassenärztliche Versorgung (ZI) zum Stichtag 1. April 1995. Gegenüber dem Vorjahr ist die Zahl substituierter Patienten um 33 Prozent gestiegen. Der jüngste Zuwachs ist damit deutlich geringer ausgefallen als im Zeitraum 1993/94, als ein Plus von 106 Prozent verzeichnet wurde.


Bei regionaler Betrachtung zeigen sich überdurchschnittliche Zuwächse in den südlichen Landesteilen: Saarland +180 Prozent, Nordbaden +147 Prozent, Südwürttemberg +157 Prozent und Bayern +86 Prozent. Mit diesen Zuwächsen wird aber das seit jeher bestehende starke Nord-Süd-Gefälle kaum beeinflußt. Nach wie vor werden die meisten Drogenpatienten in Nordrhein (2 242), Niedersachsen (1 829) und Hamburg (1 800) versorgt. Besondere Hochburgen sind weiterhin die Stadtstaaten Hamburg, Berlin und Bremen: sie umfassen neun Prozent der Bevölkerung, aber 28 Prozent der Methadonpatienten zu Lasten der Krankenkassen.
Bundesweit wird bei 85 Prozent der Drogenpatienten, die zu Lasten der Krankenkassen Methadon beziehungsweise Polamidon erhalten, nach den relativ restriktiven NUB-Richtlinien (neue Untersuchungs- und Behandlungsmethoden) verfahren. Nur in Hamburg und Schleswig-Holstein gelten derzeit befristete Sonderverträge, die fast jedem Substitutionswilligen Ersatzmittel gewähren. Beim NUB-Verfahren wird dagegen zur Auswahl anspruchsberechtigter Abhängiger eine Indikationsliste eingesetzt. Auch im Jahr 1995 stehen wieder die Fälle, die auf die Restkategorie "vergleichbar schwere Erkrankung" dieser Liste entfallen, an erster Stelle der Häufigkeiten (44 Prozent). Gerade diese Indikation variiert in regionaler Hinsicht erheblich. So entfallen etwa in Hessen auf diese Kategorie 85 Prozent der nach NUB substituierten Patienten, in Niedersachsen 39 Prozent und im Saarland nur zehn Prozent. Dem entspricht offensichtlich eine unterschiedliche Entscheidungspraxis der für die Genehmigungen zuständigen KV-Kommissionen in den Regionen. Die Frage, unter welchen Voraussetzungen ein Anspruch auf Substitution begründet sein sollte, wird seit jeher kontrovers diskutiert. Ob die vom ZI ermittelte Gesamtzahl substituierter Patienten als hoch oder gering eingestuft wird, hängt letztlich von der Antwort auf diese Frage ab.
Unabhängig davon kann aber schon jetzt gesagt werden, daß die ZI-Daten dazu tendieren, die Zahl der regulär substituierten Patienten zu überschätzen. Das liegt an der hohen Fluktuation der in Anspruch nehmenden Abhängigen und der angewendeten Methode der Datengewinnung, der Stichtagserhebung. Die Zahl der längerfristig Substituierten ist geringer als die zum Stichtag bei den KVen Registrierten. Denn die infolge von zeitweiligem "Beigebrauch" oder wegen Behandlungsabbruchs nicht mehr erscheinenden Patienten werden, wenn überhaupt, nur mit zeitlicher Verzögerung abgemeldet, um die Chance der Weiterbehandlung offenzuhalten. Dies macht auch die erhebliche Differenz deutlich, die sich zwischen ZI-Daten und den aus der Abrechnungsstatistik abgeleiteten Patientenzahlen ergibt.
Aus Abrechnungsdaten lassen sich eben nur fiktive Patienten errechnen, unter der Annahme, daß sie täglich lückenlos ihren Ersatzstoff erhalten. Diese Annahme ist aber nicht realistisch. Nach dem Abgleich mit der Abrechnungsstatistik dürfte die Zahl der längerfristig zu Lasten der Krankenkassen Substituierten eher bei etwa 10 000 Patienten liegen. Die Zahl der mit Methadon beziehungsweise Levomethadon versorgten Patienten, einschließlich der von den Sozialämtern finanzierten Fälle und der Selbstzahler, schätzt das Zentralinstitut auf knapp 20 Prozent aller Opiatabhängigen. Nachdrücklich wird vom Zentralinstitut auch darauf hingewiesen, daß ein großer Teil der Methadonpatienten nicht angemessen versorgt ist, solange ein quantitativ und qualitativ ausreichendes Angebot für die therapiebegleitende psychosoziale Betreuung nicht zur Verfügung steht. Ohne eine qualifizierte psychosoziale Betreuung könnten die Chancen, die die Substitution eröffne, nicht hinreichend genutzt werden.
Bei regionaler Betrachtung zeigen sich überdurchschnittliche Zuwächse in den südlichen Landesteilen: Saarland +180 Prozent, Nordbaden +147 Prozent, Südwürttemberg +157 Prozent und Bayern +86 Prozent. Mit diesen Zuwächsen wird aber das seit jeher bestehende starke Nord-Süd-Gefälle kaum beeinflußt. Nach wie vor werden die meisten Drogenpatienten in Nordrhein (2 242), Niedersachsen (1 829) und Hamburg (1 800) versorgt. Besondere Hochburgen sind weiterhin die Stadtstaaten Hamburg, Berlin und Bremen: sie umfassen neun Prozent der Bevölkerung, aber 28 Prozent der Methadonpatienten zu Lasten der Krankenkassen.
Bundesweit wird bei 85 Prozent der Drogenpatienten, die zu Lasten der Krankenkassen Methadon beziehungsweise Polamidon erhalten, nach den relativ restriktiven NUB-Richtlinien (neue Untersuchungs- und Behandlungsmethoden) verfahren. Nur in Hamburg und Schleswig-Holstein gelten derzeit befristete Sonderverträge, die fast jedem Substitutionswilligen Ersatzmittel gewähren. Beim NUB-Verfahren wird dagegen zur Auswahl anspruchsberechtigter Abhängiger eine Indikationsliste eingesetzt. Auch im Jahr 1995 stehen wieder die Fälle, die auf die Restkategorie "vergleichbar schwere Erkrankung" dieser Liste entfallen, an erster Stelle der Häufigkeiten (44 Prozent). Gerade diese Indikation variiert in regionaler Hinsicht erheblich. So entfallen etwa in Hessen auf diese Kategorie 85 Prozent der nach NUB substituierten Patienten, in Niedersachsen 39 Prozent und im Saarland nur zehn Prozent. Dem entspricht offensichtlich eine unterschiedliche Entscheidungspraxis der für die Genehmigungen zuständigen KV-Kommissionen in den Regionen. Die Frage, unter welchen Voraussetzungen ein Anspruch auf Substitution begründet sein sollte, wird seit jeher kontrovers diskutiert. Ob die vom ZI ermittelte Gesamtzahl substituierter Patienten als hoch oder gering eingestuft wird, hängt letztlich von der Antwort auf diese Frage ab.
Unabhängig davon kann aber schon jetzt gesagt werden, daß die ZI-Daten dazu tendieren, die Zahl der regulär substituierten Patienten zu überschätzen. Das liegt an der hohen Fluktuation der in Anspruch nehmenden Abhängigen und der angewendeten Methode der Datengewinnung, der Stichtagserhebung. Die Zahl der längerfristig Substituierten ist geringer als die zum Stichtag bei den KVen Registrierten. Denn die infolge von zeitweiligem "Beigebrauch" oder wegen Behandlungsabbruchs nicht mehr erscheinenden Patienten werden, wenn überhaupt, nur mit zeitlicher Verzögerung abgemeldet, um die Chance der Weiterbehandlung offenzuhalten. Dies macht auch die erhebliche Differenz deutlich, die sich zwischen ZI-Daten und den aus der Abrechnungsstatistik abgeleiteten Patientenzahlen ergibt.
Aus Abrechnungsdaten lassen sich eben nur fiktive Patienten errechnen, unter der Annahme, daß sie täglich lückenlos ihren Ersatzstoff erhalten. Diese Annahme ist aber nicht realistisch. Nach dem Abgleich mit der Abrechnungsstatistik dürfte die Zahl der längerfristig zu Lasten der Krankenkassen Substituierten eher bei etwa 10 000 Patienten liegen. Die Zahl der mit Methadon beziehungsweise Levomethadon versorgten Patienten, einschließlich der von den Sozialämtern finanzierten Fälle und der Selbstzahler, schätzt das Zentralinstitut auf knapp 20 Prozent aller Opiatabhängigen. Nachdrücklich wird vom Zentralinstitut auch darauf hingewiesen, daß ein großer Teil der Methadonpatienten nicht angemessen versorgt ist, solange ein quantitativ und qualitativ ausreichendes Angebot für die therapiebegleitende psychosoziale Betreuung nicht zur Verfügung steht. Ohne eine qualifizierte psychosoziale Betreuung könnten die Chancen, die die Substitution eröffne, nicht hinreichend genutzt werden.
Dr. phil. Ingbert Weber,
Zentralinstitut, Köln,

Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema

Stellenangebote