ArchivDeutsches Ärzteblatt19/1998„Kindereuthanasie„ im Dritten Reich: Der Fall „Kind Knauer„

VARIA: Geschichte der Medizin

„Kindereuthanasie„ im Dritten Reich: Der Fall „Kind Knauer„

Dtsch Arztebl 1998; 95(19): A-1187 / B-987 / C-923

Benzenhöfer, Udo

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LNSLNS Die näheren Einzelheiten des Falles
"Kind Knauer", dem eine wichtige Rolle in der Vorgeschichte der "Kindereuthanasie" im Dritten Reich zugeschrieben wird, scheinen jetzt geklärt.
Mit dem beschönigenden Namen "Kindereuthanasie" wurde im Dritten Reich ein Mordprogramm bezeichnet, dem rund 5 000 bis 8 000 behinderte beziehungsweise "auffällige" Kinder zum Opfer fielen. Dieses Programm wurde von einer in der Kanzlei des Führers untergebrachten Tarnorganisation mit dem Namen "Reichsausschuß zur wissenschaftlichen Erfassung von erb- und anlagebedingten schweren Leiden" gesteuert. Ärzte und Hebammen waren durch einen Erlaß des Reichsministeriums des Innern vom 18. August 1939 verpflichtet worden, mißgebildete Kinder und Säuglinge den Gesundheitsämtern zu melden. Diese leiteten die Meldungen an den "Reichsausschuß" weiter. Nach einem pseudowissenschaftlichen Begutachtungsverfahren wurden gemeldete Kinder, die als "lebensunwert" oder als "fragliche Fälle" angesehen wurden, in eine der neugegründeten "Kinderfachabteilungen" aufgenommen. Viele der aufgenommenen Kinder wurden anschließend ermordet.
Vorgeschichte
Für die Erhellung der Vorgeschichte der "Kindereuthanasie" ist man im wesentlichen auf Aussagen von Angeschuldigten in Nachkriegsprozessen angewiesen, die naturgemäß nur mit allergrößter Vorsicht verwendet werden können. Darin wird immer wieder auf den Fall "Kind Knauer" als "Anstoß" oder "Anlaß" für den Beginn der "Kindereuthanasie" hingewiesen. Zwar stimmten die Aussagen zu diesem Fall in wesentlichen Punkten überein, doch gab es auch erhebliche Abweichungen.
Dr. Hans Hefelmann war der ehemalige Leiter des Amtes II b der Kanzlei des Führers, der eigentliche bürokratische Organisator der "Kindereuthanasie". Er sagte am 31. August 1960 im Heyde-Verfahren vor der Generalstaatsanwaltschaft Frankfurt aus: "Der vorerwähnte Fall ereignete sich im Jahre 1938; einen genauen Zeitpunkt kann ich nicht mehr nennen. Es handelte sich um das Kind Knauer. Meiner Erinnerung nach fehlten dem Kind Knauer drei Gliedmassen und das Augenlicht. In diesem Fall erfuhr ich erstmals nach Weiterleitung des Gesuchs, dass Professor Brandt, der Leibarzt Hitlers, mit einer genauen Befundsermittlung beauftragt wurde. Das Kind lag in der Universitätsklinik in Leipzig. Der Leiter war damals Professor Catel. Bei Rückkehr des Professors Brandt aus Leipzig erschien dieser bei mir auf der Dienststelle und setzte mich davon in Kenntnis, dass das Kind Knauer eingeschläfert wurde" (GStA Frankfurt 17 Js/59, Anklageschrift, Seite 48).
Aussagen
Im November 1960 ergänzte Hefelmann, daß er sich "mit Sicherheit erinnern zu können" glaube, daß die Kanzlei des Führers "auf den Fall des Kindes durch ein Gesuch der Grossmutter des Kindes aufmerksam gemacht worden ist" (Seite 49). Und weiter: "Ich meine, dass der Fall Knauer sich spätestens in den beiden ersten Monaten des Jahres 1939 ereignet haben muss" (Seite 51). Über die Bedeutung des "Falles" für die Genese der "Kindereuthanasie" sagte Hefelmann in dieser Vernehmung: "Der Fall K. führte dazu, dass Hitler Brandt und Bouhler [den Leiter der Kanzlei des Führers] ermächtigte, in Fällen ähnlicher Art analog dem Falle Kind Knauer zu verfahren" (Seite 53).
Ähnliches hatte Karl Brandt, der ehemalige Begleitarzt Hitlers, im Nürnberger Ärzteprozeß 1947 ausgeführt. Im Detail wich seine Aussage jedoch von den Aussagen Hefelmanns ab: Brandt gab beispielsweise an, daß er ein Gnadentodgesuch gekannt habe, das "im Jahre 1939 dem Führer über seine Adjutantur zugeleitet worden ist. Es handelte sich darum, dass der Vater eines missgebildeten Kindes sich an den Führer wandte und darum bat, dass diesem Kinde oder diesem Wesen das Leben genommen würde. Hitler gab mir seinerzeit den Auftrag, mich dieser Sache anzunehmen und sofort nach Leipzig zu fahren" (zitiert nach 17 Js/59, Anklageschrift, Seite 51).
Die Akten der Kanzlei des Führers, die Aufschluß über Einzelheiten des "Falles" hätten geben können, gelten ebenso wie die Akten der Leipziger Kinderklinik als verloren. Eine Überprüfung der Angaben aus anderen objektiven Quellen schien unmöglich. Deshalb folgte die Forschung wohl auch, trotz des nahezu obligatorischen Hinweises auf die Widersprüche in den zitierten Aussagen, der in der Anklageschrift der Frankfurter Generalstaatsanwaltschaft erarbeiteten Darstellung. Danach ereignete sich der "Fall Knauer" Ende 1938 oder gleich zu Beginn des Jahres 1939. Nur in einem in Deutschland unbeachteten Werk eines französischen Journalisten fanden sich weiterführende Angaben.
Es handelte sich um den vierten Band (1975) eines in Genf erschienenen vierbändigen Werks mit dem Titel "Les médecins de la mort" von Philippe Aziz. Im ersten Teil berichtete Aziz über ein Interview, das er im April 1973 in Pomßen (einem kleinen Ort in der Nähe von Leipzig) mit einer Familie "Kressler" geführt hatte. Es ging dabei offenkundig um den Beginn der "Kindereuthanasie".
Interview aus dem Jahr 1973
Aus diesem Interview ging folgendes hervor: Der am "Vorabend des Krieges" (es ist nicht klar, ob 1938 oder 1939 gemeint war) geborene Sohn der Familie "Kressler" war schwerbehindert. Das Kind war blind, der linke Unterarm fehlte, das Bein war mißgebildet. Mit der Zeit wurde auch deutlich, daß es "zurückgeblieben" war.
Die Familie stellte das Kind Prof. Werner Catel vor, dem Leiter der Universitätskinderklinik in Leipzig. Dieser sagte zu Frau "Kressler", daß das Kind niemals normal sein werde. Er sagte weiter, daß ein solches Wesen nicht leben sollte. Nach der Rückkehr aus Leipzig besprach Herr "Kressler" die Angelegenheit mit seinem Bruder, der Mitglied in der NSDAP war. Dieser brachte ihn darauf, dem "Führer" zu schreiben. Herr "Kressler" verfaßte einen langen Brief, in dem er Hitler um die Erlaubnis bat, dem Kind den Gnadentod zu geben. Einige Zeit nach der Absendung kam an einem heißen Sommertag im Jahr 1939 überraschend Dr. Karl Brandt nach Pomßen. Brandt sagte, daß es dem "Führer" ein großes Anliegen gewesen sei, sich dem Problem der Wesen ohne Zukunft zuzuwenden, deshalb habe er ihn persönlich geschickt. Der "Führer" stimme dem "Gnadentod" des Kindes zu. Dr. Brandt veranlaßte dann alles Weitere. Er suchte Prof. Catel in Leipzig auf. Catel habe einige Tage nach dem Besuch Brandts in Pomßen den Sohn "eingeschläfert".
Soweit Aziz. Konnte man dem Glauben schenken? Um dies abschätzen zu können, mußte zuerst geklärt werden, ob die Familie "Kressler" mit der vielzitierten Familie "Knauer" identisch war. Eine Anfrage bei dem für Pomßen zuständigen Landratsamt in Grimma erbrachte jedoch, daß 1938/39 beziehungsweise 1973 weder eine Familie Knauer noch eine Familie Kressler in Pomßen gemeldet war. Es war jedoch nicht ausgeschlossen, daß sowohl der Name Knauer als auch der Name Kressler Pseudonyme darstellten. Es war also nach einem in Pomßen geborenen Kind zu suchen, das 1939 "verstorben" war.
Die Suche nach "Kind K."
An dieser Stelle halfen die Kirchenbücher der Gemeinde Pomßen weiter. Die Recherche ergab, daß in den Jahren 1938/39 nur drei Kinder von in Pomßen ansässigen Familien gestorben waren. Ging man davon aus, daß die von Aziz referierten Angaben zur Familie "Kressler" stimmten (demnach war das behinderte Kind männlich, es war das erste Kind der Familie, die Tötung erfolgte im Sommer 1939), dann kam von diesen drei Kindern nur eines in Frage: Dieses männliche Kind, das Erstgeborene der Familie, kam laut Kirchenbuch am 20. Februar 1939 in Pomßen zur Welt. Als Todestag ist im Kirchenbuch der 25. Juli 1939, also ein Tag im Sommer, angegeben. Für die Richtigkeit der Hypothese, daß es sich bei diesem Kind um das gesuchte handelt, sprach auch, daß der Nachname der Familie mit "K" beginnt (aus Gründen des Datenschutzes kann der vollständige Name nicht angegeben werden).
Zur weiteren Überprüfung der Angaben wurde beim Landratsamt in Grimma angefragt, ob Herr "K." einen Bruder gehabt hatte, der ihn aufgefordert haben könnte, an Hitler zu schreiben. Die Antwort war positiv: Herr "K." hatte einen älteren Bruder.
Die Indizien verdichteten sich also dahingehend, daß die eruierte Familie "K." mit der von Aziz interviewten Familie "Kressler" identisch war. Um jedoch ganz sicherzugehen, wurde Kontakt mit Aziz aufgenommen, der bestätigte, daß "Kressler" ein Pseudonym sei. Er bestätigte außerdem, daß der recherchierte Name der richtige sei. Mit dieser Familie "K." habe er 1973 gesprochen.
Damit kann als sicher gelten, daß es den Fall "Kind K." - wie man ihn künftig nennen sollte - tatsächlich gab. Der Fall "Kind K." war insofern wichtig für die Entschlußbildung der Verantwortlichen, als daß hier tatsächlich eine von Hitler inoffiziell legitimierte Tötung vorgenommen wurde. Ob der Fall mehr war, eventuell sogar der Anlaß für die konkrete Planung der Aktion, bleibt zu klären.

Anschrift des Verfassers
Prof. Dr. med. Dr. phil. Udo Benzenhöfer
Abt. Medizingeschichte
Medizinische Hochschule
Hannover
Carl-Neuberg-Straße 1
30625 Hannover

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