ArchivDeutsches Ärzteblatt15/1996Methadonsubstitution: „Erhöhte“ Sterberate?

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Methadonsubstitution: „Erhöhte“ Sterberate?

IW

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LNSLNS Die Meldungen über eine angeblich erhöhte Sterberate bei Methadonpatienten in Düsseldorf haben die Öffentlichkeit beunruhigt und auch substituierende Ärzte verunsichert.
Der Sachverhalt: Bei etwa 3 000 bis 5 000 Drogenabhängigen in Düsseldorf wurden im letzten Jahr 25 Herointote registriert; das entspricht einer Rate von 0,8 bis 0,5 Prozent. Im gleichen Zeitraum gab es in Düsseldorf bei den 218 gemäß NUB-Richtlinien substituierten Methadonpatienten mindestens neun Todesfälle, deren Umstände (noch) unklar sind. Letztere entsprechen einer Rate von 4,1 Prozent. Derzeit läßt die Staatsanwaltschaft diese Fälle gerichtsmedizinisch daraufhin untersuchen, ob ein Zusammenhang mit Drogenbeigebrauch besteht.
Wie sind die Zahlen zu bewerten, was läßt sich aus ihnen folgern?
Zunächst muß der in der Berichterstattung erzeugte falsche Eindruck deutlich zurückgewiesen werden, die Drogentoten seien gestorben, weil ihnen Methadon verabreicht worden sei. Vielmehr sind sie gestorben, obwohl sie den Ersatzstoff erhalten haben. Bis heute deutet nichts darauf hin, daß die Vergabe nicht nach den Regeln der ärztlichen Kunst erfolgt sei.


Referenzgrößen fehlen
Es ist nicht von der Hand zu weisen, daß gelegentlich auch Substituierte unter den Drogentoten zu finden sind, dies ist auch aus anderen Regionen bekannt. Hierbei handelt es sich in der Regel um Mischintoxikationen, das heißt, es sind neben Methadon regelwidrig weitere Drogen konsumiert worden. Dieser sogenannte Beigebrauch bei substituierten Patienten läßt sich nicht ganz ausschließen. Es sprechen sogar gute Gründe dafür, ihn für eine Übergangszeit zu tolerieren, um den langfristigen Erfolg der Substitution nicht zu gefährden. Allerdings erscheinen Verbesserungen im Hinblick auf Vorsichts- beziehungsweise Kontrollmaßnahmen denkbar.
Was die Argumentation selbst betrifft, nach der eine "erhöhte" Sterberate bei Substituierten aufgefallen sei, so sind hier seitens der Kritiker wichtige Aspekte nicht bedacht worden. Der Zugang zur Substitution gemäß NUB erfolgt aufgrund einer negativen Selektion, und zwar in dem Sinn, daß insbesondere Abhängige mit bereits langer Suchtkarriere versorgt werden, die entweder an einer schweren Erkrankung neben ihrer Suchtproblematik leiden oder die zumindest allen vorherigen Beeinflussungs- und Therapieversuchen widerstanden haben. Dies muß bei der Beurteilung des Erfolgs oder Mißerfolgs dieses Therapieansatzes berücksichtigt werden. Die Auswahl von Methadonpatienten aufgrund der vorgegebenen NUB-Indikationen läßt also sogar eine höhere Sterberate erwarten als bei einem unausgelesenen Kollektiv von i. v.Drogenabhängigen. Ein Vergleich von Sterberaten aus so unterschiedlichen Kollektiven ist also nicht ohne weiteres sachgerecht. Geeignet wäre als Referenzgröße die Sterberate bei Methadonpatienten aus einer anderen Region Deutschlands. Da entsprechende Statistiken nicht geführt werden, steht sie nicht zur Verfügung.
In der Kontroverse um die Düsseldorfer Drogentoten wird das Ergebnis der kriminalpolizeilichen Statistik ins Feld geführt. Es ist daran zu erinnern, wie wenig verläßlich die Erfassung der Drogenmortalität durch die zuständigen Dienststellen der Kriminalpolizei ist. Man muß davon ausgehen, daß diese Statistiken die Zahl der drogenbedingten Todesfälle unterschätzen. Bekannt sind auch große regionale Unterschiede, sowohl, was Sorgfalt und Engagement betrifft, mit der entsprechende Nachforschungen betrieben werden, als auch, was die ermittelten Raten betrifft. So wurde beispielsweise für das Jahr 1991 als Sterberate für die Hamburger Drogenkonsumenten 3,86 Prozent ausgewiesen, was in etwa der in Düsseldorf als "überhöht" bezeichneten Sterberate bei Methadonpatienten entspricht. IW

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