ArchivDeutsches Ärzteblatt44/2011Geschichte der Medizin: Gesundheit – Eigenverantwortung oder Schicksal?

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Geschichte der Medizin: Gesundheit – Eigenverantwortung oder Schicksal?

Eijk, Philip van der

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Galen von Pergamon verstand sich ebenso sehr als Philosoph wie als Arzt. Foto: mauritius images
Galen von Pergamon verstand sich ebenso sehr als Philosoph wie als Arzt. Foto: mauritius images

Gesundheit wurde in der Antike hoch bewertet und als eine wichtige Voraussetzung für das glückliche Leben angesehen; die Diskussion konzentrierte sich darauf, was Gesundheit genau ist, worin sie besteht und wie man sie erhält.

Die antike Medizin, die sich seit dem fünften Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung (v. u. Z.) entwickelte und die vor allem mit den Namen von Hippokrates und Galen assoziiert wird, hat Grundlegendes zur Entwicklung der wissenschaftlichen Medizin, wie wir sie heute kennen, beigetragen. Wir benutzen noch heute in der Medizin Begriffe, wie „Natur“, „Ursache“, „Symptom“, „Indikation“, und Methoden, wie die des Experiments oder die der Differenzialdiagnose, die auf die Antike zurückgehen. Aber die antike Medizin hat mehr als nur historische Bedeutung: Zum ersten Mal wurden hier wesentliche Fragen zu den theoretischen und ethischen Grundlagen der Medizin gestellt, die auch heute noch aktuell sind.

Von der Natur gegebenes Gut

Das gilt etwa für den Umgang mit der Gesundheit und die Gesundheitsforschung. Gesundheit wurde in der Antike hoch bewertet und als eine wichtige Voraussetzung für ein glückliches Leben angesehen; die Diskussion konzentrierte sich darauf, was Gesundheit genau ist, worin sie besteht und wie man sie erhält. Dabei gab es unterschiedliche Positionen. Im sogenannten archaischen griechischen moralischen Denken (der Zeit von Homer, um 700 v. u. Z.) wurde die Gesundheit noch als eines der „äußeren Güter“ angesehen, vergleichbar mit adliger Herkunft, vererbtem Reichtum, Ansehen sowie körperlicher Kraft und Schönheit. Gesundheit wurde als ein von der Natur gegebenes Gut betrachtet, das man von Geburt an besaß oder zufällig bekommen hatte, das man einfach zu akzeptieren hatte und worüber man selbst keinerlei Kontrolle hatte: Gesundsein oder Nichtgesundsein erschien als Folge glücklicher oder widriger Umstände.

Unter dem Einfluss der griechischen Medizin, insbesondere der medizinischen Diätetik, die mit den Namen der griechischen Ärzte Hippokrates von Kos (460–370 v. u. Z.) und Diokles von Karystos (viertes Jahrhundert v. u. Z.) verbunden ist, entwickelte sich im fünften und vierten Jahrhundert v. u. Z. die Vorstellung, dass der Mensch seine Gesundheit oder die seiner Gesellschaft bis zu einem erheblichen Grad mitbestimmen könne und dafür auch Verantwortung zu übernehmen habe. Gesundheit wurde als ein Zustand von Gleichgewicht, Harmonie und innerer Stabilität angesehen, der durch eine bestimmte Lebensführung zu beeinflussen ist.

Dabei ist zu beachten, dass das griechische Wort diaita ein viel breiteres Bedeutungsspektrum hat als der heutige Begriff „Diät“: Es umfasst neben Essen und Trinken alle Aspekte der körperlichen Lebensführung, wie Arbeit, Erholung, Sport, Massage, Baden, Körperpflege, Gebrauch der Stimme, Schlafen und Wachen sowie Sexualität. Die Diätetik galt – neben Chirurgie und Pharmakologie – als einer der drei wichtigen Teilbereiche der Medizin und war nicht nur eine Methode zur Behandlung von Krankheiten, sondern auch eines der wichtigsten Elemente der Gesundheitsversorgung. Auch der griechische Begriff therapeia ist breiter zu verstehen als der heutige Therapiebegriff: Er umfasst sowohl Heilung als auch Versorgung. Die Gesundheit (hygieia) wurde somit zu einem zentralen Bereich der Tätigkeit und der Lehre griechischer Ärzte und Philosophen, und sie entwickelte sich zu einer eigenständigen Disziplin, die hygieina genannt wurde – „Gesundheitsforschung“.

Gesundheit für alle

Die griechische Diätetik galt außerdem als ein wichtiger Bereich, in dem der Laie – ohne Eingreifen des Arztes – für fähig erachtet wurde, selbst durch erhebliche Eigenleistung zum Erhalt der Gesundheit beizutragen. Dabei wurde immer die individuelle Situation des Menschen in Betracht gezogen: Die Lebensregeln variierten je nach Geschlecht, Alter, sozialer und wirtschaftlicher Lage, Klima und Lebensumständen der Person, für die sie gelten sollten. Deshalb verfassten die griechischen Medizinautoren nicht nur wissenschaftliche Abhandlungen, sondern auch popularisierende Texte, die für den Laien zugänglich waren. So gab es „Lebensregeln“ für Reisende, für Seefahrende, für Jüngere und Ältere, für Ledige und Arbeitsame, auch Vorschriften über die beste Zubereitung von Speisen und das richtige Verhalten beim Weintrinken während des Symposions. Zu den Themen gehörten ebenfalls die Erziehung von Kindern und die Versorgung von älteren Menschen. Ziel war nicht allein die Vorbeugung von Krankheiten, sondern auch die Erhöhung der Gesundheit und der Lebensqualität entsprechend den individuell bestehenden Möglichkeiten.

Auch in der griechischen Philosophie gewann die Gesundheit an Bedeutung. So billigte Aristoteles (384–322 v. u. Z.) der körperlichen Gesundheit eine wichtige Rolle für moralisches und intelligentes Handeln zu. Er war der Ansicht, dass geistige und körperliche Gesundheit eng miteinander verbunden seien: Zur Ausübung der charakteristischen menschlichen Fähigkeiten – Vernunft, Sprache, sittliches und gesellschaftliches Leben und Handeln – bedürfe es einer gesunden körperlichen Grundlage, wohingegen umgekehrt ein ungesunder geistiger Zustand (etwa Stress oder Depressivität) negativ auf den Körper einwirken könne.

Individuelle Verantwortung

Auch das Maß der geistigen Gesundheit hängt nach Aristoteles ab von dem richtigen Verhältnis zwischen den verschiedenen Bestandteilen des geistigen Lebens. Er sprach dem jeweiligen Individuum dabei eine gewisse Verantwortung zu: Man muss sich von Anfang an um eine gesunde Lebensführung bemühen; wenn man den Körper vernachlässigt, läuft man Gefahr, das Gleichgewicht zu verlieren und in einen dauerhaften Zustand von Instabilität zu geraten, den man nicht mehr zu kontrollieren oder zu bessern in der Lage ist und der zu moralischem Missverhalten und sogar zur Sucht führen kann. Die Verantwortlichkeit für ein solches Gesundheitsregiment legte Aristoteles sowohl dem Einzelnen als auch der Gesellschaft auf, die durch ein staatliches Erziehungs- und Gesundheitssystem die Gesundheitsversorgung gewährleisten sollte.

Galen von Pergamon

Die antike Gesundheitslehre erhielt einen weiteren wichtigen Impuls durch die Arbeiten des großen Mediziners und Naturwissenschaftlers Galen von Pergamon (129–216 n. u. Z.). Galen, der auch Leibarzt des römischen Kaisers Mark Aurel war und ein riesiges Corpus medizinischer Schriften verfasste, verstand sich ebenso sehr als Philosoph wie als Arzt. Er verfasste ein umfangreiches Werk über die Gesundheit („Abhandlung über die Gesundheit“), in dem er eine ausführliche Theorie des gesunden Lebens entwickelte und ein Idealbild des „besten Zustands des Körpers“ entwarf. Dabei orientierte er sich an den Grundsätzen, die bereits Hippokrates und Diokles sechs Jahrhunderte zuvor artikuliert hatten. Auch hier spielen Gleichgewicht und Betrachtung der besonderen Umstände des jeweiligen Menschen eine große Rolle.

In mehreren Kapiteln befasste sich Galen mit der körperlichen und geistigen Erziehung von Jugendlichen; hier werde schon frühzeitig die Grundlage für ein gesundes Leben gelegt, und ein ungesundes geistiges Leben (etwa übertriebene Empfindlichkeit oder Neigung zu Zorn) in diesem Lebensabschnitt könne einen negativen Einfluss auf die körperliche Entwicklung haben. Auch dem Alter und der Altersvorsorge widmete Galen eine ganze Abteilung seiner Schrift. Er selbst verfügte offenbar über eine sehr gute Gesundheit und erreichte ein hohes Alter.

Aber für Galen diente die Gesundheitslehre noch einem weiteren Anliegen: Sie sollte auch die Frage beantworten helfen, wie es überhaupt Krankheit geben kann. Diese existenzielle Frage – immer wieder Gegenstand religiöser oder weltanschaulicher Erörterungen – wurde auch in der griechisch-römischen Kultur diskutiert. Für Galen galt sie als eine besondere Herausforderung, weil er – genau wie Aristoteles – der Ansicht war, dass der menschliche Körper ein von der Natur wunderbar konstruiertes System darstelle, in dem alle Teile einen Zweck erfüllten und auf ein gemeinsames Gut hin – die Gesundheit und das gesunde Zusammenspiel körperlicher und geistiger Funktionen – abgestimmt seien. Diese „teleologische“ oder funktionale Anschauungsweise des menschlichen Körpers war nicht unumstritten: Es gab auch Vertreter einer eher mechanistischen Sichtweise des Körpers, in der der Zufall eine größere Rolle spielt.

In dieser Debatte stellte sich die Frage, wie Krankheit zu erklären und zu akkommodieren ist. Galens Antwort zergliedert sich in drei Komponenten: Zunächst behauptet er, dass die Anzahl von Fällen natürlicher Krankheit im Vergleich zur Anzahl von Fällen von Gesundheit zu vernachlässigen sei – Gesundheit ist die Norm, Krankheit nur die Abweichung. Zweitens behauptet er, dass die menschliche Natur selbst ein heilendes Vermögen habe, also sogar bei Krankheit die Kraft und die Fähigkeit besitze, selbst zur Heilung und Wiederherstellung der Gesundheit des Körpers beizutragen: Medizin bedeute nichts anderes, als dass der Arzt mit der Natur zusammenarbeitet. Schließlich führt Galen an, dass viele Krankheiten nicht der Natur zuzuschreiben seien, sondern ihre Ursache in menschlichen Faktoren hätten – etwa in einem ungesunden Lebensstil des jeweiligen Menschen, seiner Eltern oder der gesellschaftlichen Umgebung, in der man aufgewachsen ist. Krankheit ist also nicht unvermeidlich, man kann ihr bis zu einem hohen Grad vorbeugen. Gesundheit ist nach Galen nicht etwas, das uns passiert, ohne dass wir darauf irgendeinen Einfluss hätten, sondern wir können selbst in hohem Maße dazu beitragen.

Prof. Dr. Philip van der Eijk

Alexander-von-Humboldt-Professor für Klassische Altertumswissenschaften und Wissenschaftsgeschichte, Humboldt-Universität Berlin

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