ArchivDeutsches Ärzteblatt44/2011Private Klinikketten: Strategiewechsel

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Private Klinikketten: Strategiewechsel

Dtsch Arztebl 2011; 108(44): A-2307 / B-1947 / C-1927

Flintrop, Jens

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Jens Flintrop, Redakteur für Gesundheits- und Sozialpolitik
Jens Flintrop, Redakteur für Gesundheits- und Sozialpolitik

Allen Prognosen zum Trotz ist keine Privatisierungswelle über den Krankenhausmarkt hereingebrochen. Wie nach der Wirtschaftskrise 2002/2003, als mehr als 40 Krankenhäuser privatisiert wurden, hatten Experten auch für die Zeit nach der Wirtschaftskrise 2008/2009 erwartet, dass wieder viele Kommunen und Kreise ihr Krankenhaus verkaufen, um angesichts der krisenbedingten Steuerausfälle den Haushalt zu entlasten. Doch weit gefehlt: Die Zahl der Krankenhäuser, die seitdem von der öffentlichen in die private Trägerschaft wechselten, lässt sich nahezu an einer Hand abzählen.

Eine Erklärung dafür, dass der Ausverkauf bislang ausblieb, ist die Finanzspritze, die die Krankenhäuser mit dem Konjunkturpaket II von der Bundesregierung injiziert bekamen. Mehr als vier Milliarden Euro stellten Bund und Länder seit 2009 zusätzlich für die Modernisierung der kommunalen Infrastruktur bereit; das meiste davon floss in die Kliniken.

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Darüber hinaus werden natürlich auch mehr und mehr kommunale Krankenhäuser inzwischen sehr professionell geführt und erwirtschaften zumindest eine „schwarze Null“, was den Verkaufsdruck mindert.

Entscheidend für das Ausbleiben der Privatisierungswelle sind aber wohl die in der Öffentlichkeit weit verbreiteten Vorbehalte gegen die privaten Klinikbetreiber. Diese fühlten sich zuvorderst ihren Anteilseignern verpflichtet und weniger den Patienten und den Mitarbeitern, so die Sorge vieler Bürger. „Dabei investieren wir zwei Drittel unseres Gewinns direkt wieder in die Versorgung“, betonte Rhön-Vorstandschef Wolfgang Pföhler erst kürzlich bei einem Vivantes-Kongress in Berlin. Den Einwand von Vivantes-Lenker Joachim Bovelet, wonach sein kommunaler Krankenhauskonzern volle 100 Prozent der Rendite reinvestiere, konterte Pföhler trocken: „Aber meine zwei Drittel sind doch wesentlich mehr als Ihre 100 Prozent.“ So oder so: Fakt ist, dass kaum eine Privatisierung ohne Bürgerproteste über die Bühne geht. Der Volkszorn wirkt abschreckend – vor allem auf die verantwortlichen Politiker, die ja wiedergewählt werden wollen.

Zwei der vier großen privaten Klinikketten in Deutschland haben nun offensichtlich ihre Konsequenzen daraus gezogen, dass weniger kommunale Häuser als erwartet auf den Markt kommen und ihre Strategie erweitert: Sowohl Asklepios als auch Helios verkündeten zuletzt die Übernahme eines privaten Konkurrenten. Asklepios sicherte sich die Mehrheit an MediClin, Helios übernahm die Damp-Gruppe. Helios soll darüber hinaus den Zuschlag für den Kauf des Katholischen Klinikums Duisburg erhalten haben.

Diese jüngsten Übernahmen setzen vor allem Rhön unter Zugzwang. Um die Marktführerschaft von Helios zurückzuerobern, muss der börsennotierte Konzern ebenfalls Zukäufe tätigen. An den finanziellen Möglichkeiten dürfte dieses Vorhaben nicht scheitern; ist doch die Kriegskasse bereits seit einer Kapitalerhöhung vor zwei Jahren gut gefüllt. Gleiches gilt für den Vierten im Bunde der großen Privatklinikketten: Auch Sana hat erst im Juni diesen Jahres sein Kapital erhöht und Zukäufe angekündigt.

Es gibt also durchaus Bewegung im Krankenhausmarkt. Doch statt einer Privatisierungswelle ist allenfalls eine Übernahmewelle in Gang gekommen – Private kaufen Private (siehe Artikel in diesem Heft).

Jens Flintrop
Redakteur für Gesundheits- und Sozialpolitik

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