ArchivDeutsches Ärzteblatt PP11/2011Interview mit Prof. Dr. med. Annette Streeck-Fischer, Kinder- und Jugendpsychiaterin und Kongresspräsidentin: „Die Adoleszenz wird eindeutig vernachlässigt“

POLITIK: Das Interview

Interview mit Prof. Dr. med. Annette Streeck-Fischer, Kinder- und Jugendpsychiaterin und Kongresspräsidentin: „Die Adoleszenz wird eindeutig vernachlässigt“

Bühring, Petra

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Der 8. Kongress der Internationalen Gesellschaft für Psychologie und Psychiatrie der Adoleszenz (ISAPP) fand diesmal in Deutschland statt. Die Kongresspräsidentin über die Veränderungen der Lebenswirklichkeit von Jugendlichen und warum sich auch Erwachsenentherapeuten mit der Adoleszenz beschäftigen sollten.

Prof. Dr. med. Annette Streeck-Fischer ist Chefärztin der Abteilung Psychiatrie und Psychotherapie von Kindern und Jugendlichen am Akademischen Lehrkrankenhaus Asklepios Fachklinikum Tiefenbrunn. Sie ist Fachärztin für Kinder- und Jugendpsychiatrie sowie für Psychotherapeutische Medizin und Lehranalytikerin am Lou-Andreas-Salomé-Institut in Göttingen. Streeck-Fischer arbeitet unter anderem als Hochschullehrerin an der International Psychoanalytic University in Berlin und ist seit 2011 Präsidentin der ISAPP. Foto: PP
Prof. Dr. med. Annette Streeck-Fischer ist Chefärztin der Abteilung Psychiatrie und Psychotherapie von Kindern und Jugendlichen am Akademischen Lehrkrankenhaus Asklepios Fachklinikum Tiefenbrunn. Sie ist Fachärztin für Kinder- und Jugendpsychiatrie sowie für Psychotherapeutische Medizin und Lehranalytikerin am Lou-Andreas-Salomé-Institut in Göttingen. Streeck-Fischer arbeitet unter anderem als Hochschullehrerin an der International Psychoanalytic University in Berlin und ist seit 2011 Präsidentin der ISAPP. Foto: PP

Der Kongress der ISAPP steht unter dem Motto: „Adoleszenz – eine zweite Chance?“ Was bedeutet das?

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Streeck-Fischer: Die Frage zitiert Kurt Eissler, einen Psychoanalytiker aus den 20er Jahren des letzten Jahrhunderts, der sich mit der Adoleszenz beschäftigt hat. Eissler meinte, dass diese Phase noch mal eine zweite Chance sein könne, Belastendes, das man unter pathologischen Bedingungen in der Kindheit erlebt hat, neu zu verarbeiten und zu überwinden. Dies geschieht durch die Umstrukturierungen im Gehirn und durch Interessen und Ressourcen, die Jugendliche entwickeln.

Warum das Fragezeichen?

Streeck-Fischer: Weil es ebenso gut in eine andere Richtung gehen kann: Das in der Kindheit pathologisch Erlebte kann sich in der Adoleszenz wiederholen – das sehen wir oft bei traumatisierten Jugendlichen. Sie suchen erneut die Traumatisierungen auf oder verhalten sich extrem risikobereit. Sie verspielen eine Chance und bekommen große Probleme. Es ist eine Form der Dekompensation.

Die zweithäufigste Todesursache für Jugendliche in Europa sei der Suizid, wurde heute hier gesagt. Worin sehen Sie die Ursachen?

Streeck-Fischer: Bei Jugendlichen ist der Werther-Effekt, die Tendenz zum Nachahmen, besonders ausgeprägt. Das wird verstärkt durch die sogenannten Suizidforen im Internet: Vor kurzem haben sich drei weibliche Jugendliche in Niedersachsen, die sich offenbar übers Internet gefunden haben, umgebracht. Sie haben sich in einem Zelt unter einen offenen Ofen gelegt und sind an einer Kohlenmonoxidvergiftung gestorben.

Läuft es nicht längst außerhalb der Kontrolle von Erwachsenen, wie Jugendliche in sozialen Netzen wie Facebook oder eben solchen Suizidforen unterwegs sind?

Streeck-Fischer: Wir müssen auf jeden Fall sehr achtsam sein. Für Jugendliche ist der soziale Austausch im Internet selbstverständlich geworden, und wir wissen erst wenig darüber. Früher hatte man die Jugendlichen besser im Blick. Viele Jugendliche verhalten sich in den sozialen Netzen zudem extrem naiv und risikobereit. Ein Beispiel aus einem Vortrag: Eine 13-Jährige schickt ihrem gewünschten Freund ein Bild von ihrer Brust, stellt es also ins Netz, und am nächsten Tag kursiert dieses Bild in der ganzen Schule. . . Wir hinken diesen Entwicklungen hinterher und halten kaum Schritt.

In verschiedenen Vorträgen wurde gesagt, dass sich die Adoleszenz bis ins junge Erwachsenenalter, teilweise bis 28 hinziehen kann. Was hat sich verändert?

Streeck-Fischer: Jede Gesellschaft produziert ihre eigene Adoleszenz, das ist ein kulturelles und gesellschaftliches Phänomen. Die Hirnforschung hat zudem gezeigt, dass erst im Alter von 22 bis 23 Jahren die vorderen Areale des Gehirns in ihrer Reifung abgeschlossen sind. Das bedeutet, dass bestimmte Fähigkeiten von Erwachsenen, wie zielgerichtetes und planvolles Handeln, erst in diesem Alter ausgebildet sind, das man nicht unbedingt mit der Pubertät in Verbindung bringt.

Gibt es nicht auch junge Menschen, die die Fähigkeiten, die Sie Erwachsenen zuschreiben, durchaus früher haben?

Streeck-Fischer: Es gibt natürlich unterschiedliche Persönlichkeitsentwicklungen und Menschen, die weniger risikofreudig, sondern zurückhaltender und ängstlicher sind. Aber im allgemeinen, das zeigen mittlerweile breit angelegte Studien, sind die präfrontalen Fähigkeiten erst mit Anfang 20 ausgereift.

Das erklärt auch die vielfältigen Probleme bei Jugendlichen: Suchtentwicklung, Essstörungen, Unfallneigung, Infektionsrisiko für HIV und Hepatitis, Suizidalität oder auch schwere Gewalttaten. All dies steigt während der Adoleszenz um 300 Prozent. Man weiß, dass 50 Prozent der psychiatrischen Erkrankungen im Alter ab 14 Jahren beginnen.

Werden die Symptome für psychische Erkrankungen frühzeitig erkannt und entsprechend behandelt?

Streeck-Fischer: Die Adoleszenz wird eindeutig vernachlässigt. Gezielte Behandlungsangebote gibt es überwiegend im Erwachsenenalter. Vorher werden Symptome oftmals als pädagogische Probleme betrachtet. Besonders schwierige Jugendliche führt man der Jugendhilfe zu. Es wird oft bagatellisiert, statt zu prüfen, was man therapeutisch tun kann.

Am besten entwickelt sind Zentren zur Früherkennung von Psychosen. Wenn Psychosen nicht frühzeitig behandelt werden, sind die Verläufe sehr negativ. Doch auch Jugendliche mit Suchtproblemen, Traumatisierungen oder Borderline-Entwicklungsstörungen brauchen frühzeitige Behandlung – die Verläufe sind ebenfalls schlecht. Sie erreichen in ihrer sozialen und beruflichen Integration die Potenziale nicht, die sie aufgrund ihrer intellektuellen Ausstattung erreichen könnten. Sie landen dann oftmals bei Hartz IV.

Jugendliche wenden sich vermutlich bei psychischen Problemen von selbst selten an Experten?

Streeck-Fischer: Jugendliche wenden sich meist nicht spontan an uns. Sinnvoll wäre sicher, sich zu überlegen, wie man Jugendliche über soziale Netzwerke, wie Facebook, oder über Blogs und Apps erreichen kann. Aber auch Jugendzentren können ein Ort der Prävention sein.

Wenn die Adoleszenz inzwischen viel länger andauert – wie hat sich dann der Übergang vom Kinderpsychiater oder -psychotherapeuten zum Erwachsenenbereich verändert?

Streeck-Fischer: Entwicklungspsychologisch kann man sagen, dass in den westlichen Kulturen das Erwachsenenalter mit etwa 30 Jahren beginnt. Man spricht vorher von einer „emerging adulthood“, also einer Zeit, in der teilweise schon erwachsenes Verhalten vorhanden ist, aber in vieler Hinsicht auch noch adoleszentes. Früher wurden Familien mit 20 oder Mitte 20 gegründet, heute sind die meisten Frauen über 30. Diese Verschiebung müssen wir berücksichtigen, sonst pathologisieren wir normale Entwicklungen.

Das wird in der Erwachsenenpsychiatrie und -psychotherapie leider noch mangelhaft zur Kenntnis genommen. Unsere diagnostischen Klassifikationssysteme berücksichtigen die Adoleszenz mit ihrer Instabilität überhaupt nicht. Wir sehen bei vielen Jugendlichen ein physiologisches Borderline-Verhalten. Die Klassifizierung nach dem Erwachsenensystem erzwingt dann eine Einordnung als Borderline-Störung. Wenn wir stattdessen eine Störung des Sozialverhaltens diagnostizieren, tun wir dem Jugendlichen auch Unrecht, weil wir ihn keiner gezielten Therapie zuführen. Das sind Probleme, die sich aus der Teilung in zwei Fächer ergeben: Die Jugend in der Mitte bleibt unterdiagnostiziert und -versorgt. Dafür muss man mehr Bewusstsein schaffen.

Warum ist es gerade in der Therapie von psychischen Störungen in der Adoleszenz so wichtig, Fächer und Berufsgrenzen zu überschreiten?

Streeck-Fischer: Weil es ein Bereich ist, wo sowohl pädagogische als auch therapeutische und psychiatrische Kenntnisse eine Rolle spielen. Auf der einen Seite müssen wir Trainingsprogramme anbieten, dann Psychotherapie, aber auch Pharmakotherapie. Wir müssen ja froh sein, wenn Jugendliche kommen. Die Fixierung auf nur einen ganz bestimmten Ansatz, den der Jugendliche vielleicht ablehnt, ist dann nicht zielführend. Die vielfältigen Möglichkeiten, die wir haben, müssen wir einsetzen. Im stationären Bereich, wo ich tätig bin, ist es einfach unabdingbar, dass wir Pädagogen und Erzieher auf der einen Seite haben und auf der anderen Seite den Arzt. Denn die psychisch schwer angeschlagenen Jugendlichen somatisieren sehr häufig.

Was schlagen Sie abschließend vor?

Streeck-Fischer: Wir brauchen ein Bündnis für Jugendliche. Das heißt, wir brauchen noch stärkere Vernetzungen zwischen Psychiatern und Psychotherapeuten und Sozialarbeitern oder -pädagogen der Jugendhilfe auf der anderen Seite. Zusammen muss man neue Ansätze zur Prävention psychischer Störungen bei Jugendlichen erarbeiten.

Das Interview führte Petra Bühring.

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