ArchivDeutsches Ärzteblatt45/2011Telemedizin und Assistenzsysteme: Viel Potenzial im privaten Raum

POLITIK

Telemedizin und Assistenzsysteme: Viel Potenzial im privaten Raum

Dtsch Arztebl 2011; 108(45): A-2396 / B-2019 / C-1991

Krüger-Brand, Heike E.

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Glukosemessung unterwegs: Mobile Systeme erleichtern künftig das Monitoring. Foto: BVMed-Bilderpool
Glukosemessung unterwegs: Mobile Systeme erleichtern künftig das Monitoring. Foto: BVMed-Bilderpool

Noch spielen Assistenzsysteme und telemedizinische Anwendungen kaum eine Rolle im Alltag. Mittelfristig sollen sie aber den dritten Gesundheitsstandort erobern.

Experten gehen davon aus, dass sich in einer älter werdenden Gesellschaft die Wohnung beziehungsweise das private Umfeld als dritter Gesundheitsstandort neben der Arztpraxis und der Klinik etablieren wird. Dennoch spielen technische Assistenzsysteme, die seit einigen Jahren unter dem sperrigen Begriff Ambient Assisted Living (AAL) entwickelt und getestet werden, bislang noch keine große Rolle im Alltag. Trotz vieler nationaler und europäischer Fördermaßnahmen sei im Hinblick auf die derzeitige Marktsituation von AAL-Systemen eine ernüchternde Bilanz zu ziehen, konstatierte Dr. Gerhard Finking von der European AAL Association bei der Fachtagung Telemed 2011 in Berlin (www.telemed-berlin.de)*. Als Beispiel führte er die geringe Verbreitung von Hausnotrufsystemen unter der älteren Generation (65 Jahre aufwärts) an: In Frankreich und Italien liegt diese unter zwei Prozent, in Deutschland bei etwa vier Prozent, Spitzenreiter sind Irland und das Vereinigte Königreich mit bis zu 16 Prozent. Auch häusliche Telemonitoringsysteme befinden sich immer noch überwiegend in der Erprobungsphase. „Von einem europäischen Markt für Telemonitoringsysteme kann man noch nicht sprechen“, sagte Finking. Allenfalls gebe es nationale Teilmärkte.

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Markteinführungshemmnisse sind nach Meinung des AAL-Experten vor allem fehlende Finanzierungsmodelle, die fehlende Bereitschaft zur privaten Finanzierung sowie mangelnde Alltagstauglichkeit und Funktionalität, unter anderem weil internetbasierte Techniken und Haustechnik (noch) nicht integriert sind. Hinzu kommen ungeklärte Datenschutz- und Haftungsfragen insbesondere bei Produkten, die Sicherheit und Medizin betreffen.

Vor diesem Hintergrund spielen Assistenzsysteme in der europäischen Förderpolitik auch weiterhin eine große Rolle. Das ab dem Jahr 2014 beginnende 8. Forschungsrahmenprogramm der Europäischen Union (EU) enthält einen Schwerpunkt, der sich mit dem demografischen Wandel, Telemedizin und Assistenzsystemen befasst. Darauf verwies Prof. Dr. Wolf-Dieter Lukas, Ministerialdirektor im Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF). Es sei Aufgabe der EU-Kommission, ein Gesamtkonzept hierfür zu entwickeln und durch Richtlinien politisch die Rahmenbedingungen vorzugeben.

Im BMBF beschäftigt sich das Referat „Demografischer Wandel: Mensch-Technik-Kooperation“ mit dem Thema und treibt Querschnittsprojekte, auch unter Einbeziehung der Geistes- und Sozialwissenschaften, voran. Generell sind nach Lukas Prozessinnovationen wesentlich für das Gesundheitswesen und die Pflege und deren Weiterentwicklung. Telemedizin kann dabei vor allem zur besseren Versorgung älterer Menschen in ihrem vertrauten Umfeld genutzt werden. Das spiegelt sich in den Förderprogrammen wider, die in den letzten Jahren die Wohnung als ein zentrales Thema entdeckt haben. Ein Beispiel hierfür ist laut Lukas der Forschungsverbund „Smart Senior“. In dem Projekt geht es einerseits um das längere Verbleiben älterer Menschen in der eigenen Wohnung, um das selbstständige Verrichten der Alltagsgeschäfte sowie um Mobilität und Barrierefreiheit durch technische Assistenzsysteme, andererseits aber auch um soziale Unterstützungssysteme und die Förderung der Kommunikation (www1.smart-senior.de).

Technische Lösungen, die chronisch Kranke und Pflegebedürftige etwa durch das Monitoring von Vitalparametern unterstützen sollen, müssten sich zuallererst an den Grundbedürfnissen der Anwender ausrichten, forderte Dr. med. Annett Kröttinger von der Deutschen Stiftung für chronisch Kranke. Zu techniklastige Entwicklungen, das Sammeln zu vieler Daten und die Vernachlässigung von Kommunikation und Individualität führten dazu, dass die Systeme nicht akzeptiert würden. Die Technik müsse simpel und modular erweiterbar sein und vor allem den menschlichen, sozialen Aspekt berücksichtigen, betonte Kröttinger.

Diese Anforderungen scheinen viele Applikationen (Apps) für Smartphones und Pads/Tablets zu erfüllen, blickt man allein auf die rasch wachsende Zahl angebotener Apps für den Gesundheitsbereich – eine Entwicklung, die sowohl die Nutzung im Krankenhaus und in der Praxis als auch im privaten Raum betrifft. „Die sicheren, abgeschotteten Netzwerke im Krankenhaus werden derzeit durch Apps und Smartphones aufgebrochen. Die vorhandenen Regularien etwa hinsichtlich Sicherheit sind weit hinter dem zurück, was wir an Technik heute erleben“, erklärte Dr. med. Rainer Röhrig, Universitätsklinikum Gießen und Marburg. Das gilt ebenso für gesundheitsbezogene Produkte und Dienstleistungen für den dritten Gesundheitsstandort. Technische Standards, die auch als Basis für eine Qualitätssicherung dienen, fehlen hier noch weitgehend. Komponenten und Systeme sind meist Insellösungen, die wegen proprietärer Schnittstellen häufig nicht mit anderen Systemen und Infrastrukturen des Gesundheitswesens verknüpft werden können.

Inzwischen arbeitet man vielerorts daran, diesen Zustand zu ändern und mehr Interoperabilität zu ermöglichen – sogar über Landesgrenzen hinweg. Im EU-Projekt UniversAAL (www.universaal.org) beispielsweise geht es darum, eine universelle Plattform für Smartphones und Apps zu entwickeln, über die Lösungen für Gesundheit, Pflege und Haustechnik integriert werden können. „Das Ziel ist, beispielsweise eine Miele-Küche mit dem Pflegebett und der Türklingel zu verbinden“, erläuterte Dr. Asamush Rashid vom FZI Forschungszentrum Informatik in Karlsruhe. In dem Projekt sollen eine „Middleware“ für AAL-Systeme als neutrale Instanz, die zwischen unterschiedlichen Anwendungen vermittelt, und ein Online-Marktplatz für Gesundheits-Apps entwickelt werden. Die Plattform soll Pflegedienste, alte und hilfsbedürftige Menschen und ihre Angehörigen bei der Nutzung von AAL-Anwendungen unterstützen und gleichzeitig den Entwicklern die Arbeit erleichtern.

Ziel des ebenfalls von der EU geförderten Projektes EmotionAAL (www.emotionaal.eu) ist ein integriertes Versorgungskonzept für die ältere Bevölkerung ländlicher Regionen mittels innovativer Mikrosystemtechnik und Nanotechnologie sowie mobilem Telemonitoring. Unter anderem sollen die Vitalwerte von chronisch kranken Patienten langfristig überwacht werden. Hierzu wird eine Serviceplattform entwickelt, die Daten von verschiedenen Biosensoren, etwa aus einem Blutzuckermessgerät, sammelt. Diese Daten werden automatisiert von dem „Plug&Care-Connector“, einer Smartphone-App, an ein telemedizinisches Zentrum übermittelt. Bei dem „Connector“, den das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt entwickelt, handelt es sich ebenfalls um eine plattformunabhängige Middleware für Handys, die das Monitoring des Patienten steuern soll. Sie soll eine große Anzahl von mobilen Betriebssystemen wie Windows Mobile oder Android und ebenso die PC-Betriebssysteme Windows und Linux unterstützen. Dadurch müssen Hersteller von medizinischen Geräten und Anwendungen nicht mehr für jedes Betriebssystem einen eigenen Treiber zur Verfügung stellen, sondern dieser läuft auf allen gängigen Plattformen. Medizintechnische Geräte, die der Patient im privaten Umfeld nutzt, sollen sich dadurch einfach an alle Smartphone-, PC- und Settopbox-Betriebssysteme anbinden lassen.

Damit schlägt man gleich mehrere Fliegen mit einer Klappe: Die Medizintechnikhersteller sparen Entwicklungskosten. Die Krankenkassen müssen die Teilnehmer an Telemonitoring-Programmen nicht, wie das heute oft der Fall ist, zusätzlich zum Medizintechnikgerät auch mit einem Smartphone ausstatten, weil die Patienten stattdessen einfach ihre privaten Handys hierfür nutzen können. Durch den Rückgriff auf die vertraute Technik könnte zudem auch die Bereitschaft der Patienten steigen, telemedizinische Anwendungen zu nutzen.

Heike E. Krüger-Brand

*veranstaltet vom Berufsverband Medizinischer Informatiker e.V., TMF – Technologie- und Methodenplattform für die vernetzte Forschung e.V., Deutsche Gesellschaft für Gesundheitstelematik e.V.

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