ArchivDeutsches Ärzteblatt45/2011Haiti: Überzogene Kritik
Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS

Frau Kitz und Herr Brockmeyer haben viele interessante Aspekte der Hilfsaktionen nach der Erdbebenkatastrophe angesprochen. Dafür sei ihnen Dank und Anerkennung. Die Schlussfolgerung, nämlich die internationalen Helfer als eigennützig, publizitätssüchtig und chaotisch anzuprangern, halte ich allerdings für abwegig. Gerade das Gegenteil ist in Haiti zu beobachten gewesen: Die kleinsten Organisationen (zum Beispiel Humedica aus dem Allgäu) erwiesen sich als diejenigen, die am schnellsten vor Ort waren und effektive Hilfe leisteten. Aus eigener Erfahrung bei drei verschiedenen Organisationen (Humedica, DRK und MSF) kann ich von der konkreten Wirksamkeit jeder dieser einzelnen, unabhängig voneinander agierenden Organisationen berichten. Natürlich ist die Situation in Haiti besonders schwierig. Schon vor der Katastrophe war Haiti (trotz seiner langen Staatstradition seit 1804) strukturell in desaströsem Zustand. Nach dem Erdbeben gab es eine Staatskrise durch Verlust eines Großteils der politischen Kader einschließlich der staatsersetzenden UN-Mission.

Normal sind die Folgen eines Erdbebens nach drei Monaten so weit bewältigt, dass die internationalen Helfer abziehen können. Keine der vielen Organisationen hat dies in Haiti geschafft. Der akute Schaden hat sich in Haiti mit dem vorbestehenden Dauerdesaster vermischt.

Anzeige

Die Hoffnung der beiden Autoren auf eine effektive und koordinierte Bewältigung durch die UN ist – vorsichtig ausgedrückt – passend zur Thematik – blauäugig.

Von den mehr als 200 000 Cholerainfizierten seit Oktober 2010 zum Beispiel wurden mehr als 65 Prozent in Einrichtungen von „Ärzte ohne Grenzen“ behandelt. 30 Prozent weitere erhielten Hilfe und Behandlung vonseiten des kubanischen Hilfsdienstes. Weniger als zehn Prozent wurden schließlich von anderen Einrichtungen, darunter auch der WHO, versorgt. Wegen der äußerst ungünstigen Voraussetzungen (defekte Wasserleitungen, mangelnde Latrinen, chronische Überschwemmungen und epidemiologisch ungünstige Bestattungsrituale) ist die Cholera in Haiti immer noch nicht bewältigt. Die Epidemie geht weiter. Immerhin konnte die Mortalität durch die effektivere Erstbehandlung gesenkt werden.

Natürlich ist in Haiti das Ziel, die Eigeninitiative der Menschen zu fördern. Natürlich ist eine gute Koordination der verschiedenen Maßnahmen erstrebenswert. Dafür wurde bereits wenige Tage nach dem Erdbeben eine wöchentlich tagende internationale Koordinationsgruppe gegründet, die als Einrichtung seither funktioniert.

Aber jetzt den Stab über den Helfern zu brechen, hieße für mich: Das Kind mit dem Bade ausschütten. Gerade die spontane und schnelle Hilfe durch die Nichtregierungsorganisationen hat sich in Haiti bewährt.

Prof. Dr. med. Matthias Richter-Turtur,
Isarkliniken, 80331 München

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige