ArchivDeutsches Ärzteblatt45/2011Körperbilder: Leonardo da Vinci (1452–1519) – Der Mensch als Maß aller Dinge

SCHLUSSPUNKT

Körperbilder: Leonardo da Vinci (1452–1519) – Der Mensch als Maß aller Dinge

Dtsch Arztebl 2011; 108(45): [64]

Schuchart, Sabine

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Leonardo da Vinci: „Proportionsstudie nach Vitruv“, um 1492, Feder, Tinte und Metallstift auf Papier, 34,3 × 25,5 cm: Leonardos berühmte Federzeichnung illustriert Thesen des römischen Architekten Vitruv aus dem ersten Jahrhundert vor Christus Dieser sah den Menschen als Maß aller Dinge an und übertrug die idealen, gottgegebenen Proportionen des menschlichen Körpers auf die Architektur. Laut Vitruv lässt sich ein Mann mit gestreckten Armen und Beinen gleichermaßen in die geometrischen Figuren von Kreis und Quadrat einfügen, deren Mittelpunkt jeweils im Nabel liegt. Leonardo korrigierte aufgrund seiner jahrelangen anthropometrischen Messungen an jungen Männern die antike Studie in einem entscheidenden Detail: Er löste das Quadrat aus dem Kreis und verlegte den Mittelpunkt des Quadratmanns in die Scham. Seine Erläuterungen am Rande der Skizze verfasste er wie gewöhnlich in Spiegelschrift. Foto: Gallerie dell’Accademia, Venice
Leonardo da Vinci: „Proportionsstudie nach Vitruv“, um 1492, Feder, Tinte und Metallstift auf Papier, 34,3 × 25,5 cm: Leonardos berühmte Federzeichnung illustriert Thesen des römischen Architekten Vitruv aus dem ersten Jahrhundert vor Christus Dieser sah den Menschen als Maß aller Dinge an und übertrug die idealen, gottgegebenen Proportionen des menschlichen Körpers auf die Architektur. Laut Vitruv lässt sich ein Mann mit gestreckten Armen und Beinen gleichermaßen in die geometrischen Figuren von Kreis und Quadrat einfügen, deren Mittelpunkt jeweils im Nabel liegt. Leonardo korrigierte aufgrund seiner jahrelangen anthropometrischen Messungen an jungen Männern die antike Studie in einem entscheidenden Detail: Er löste das Quadrat aus dem Kreis und verlegte den Mittelpunkt des Quadratmanns in die Scham. Seine Erläuterungen am Rande der Skizze verfasste er wie gewöhnlich in Spiegelschrift. Foto: Gallerie dell’Accademia, Venice

Unzähligen medizinischen Institutionen dient er als Logo. Er schmückt die italienische Ein-Euro-Münze und spielte im Film „The Da Vinci Code – Sakrileg“ eine Rolle. Leonardo da Vincis „Vitruvmann“ ist, obwohl mehr als 500 Jahre alt, im Bildgedächtnis der Menschheit fest verankert. Im Original ist die kostbare Zeichnung allerdings kaum jemals zu sehen. Gewöhnlich lagert das fragile Werk, geschützt vor Licht, Staub und mechanischer Einwirkung, im Dunkel der Depots der Gallerie dell’ Accademia in Venedig. Nun ist die Proportionsstudie drei Monate ausgestellt – in einer großartigen Leonardo-Schau in London, die seine Jahre als Hofmaler im Mailand der 1480er und 1490er Jahre beleuchtet.

Es war eine Zeit, in der sich das Universalgenie entfalten konnte. Am Hof des Herzogs Ludovico Sforza waren neben Leonardos Malkünsten auch seine Fähigkeiten als Bildhauer, Palastarchitekt, Bau- und Militäringenieur und Gestalter prunkvoller Festdekors gefragt. Gleichzeitig begann er, zu verschiedensten Wissensgebieten unzählige Arbeitsbücher mit Zeichnungen und Notizen zu füllen, darunter auch mit dem „Vitruvmann“. Eingehend befasste er sich mit Proportionslehre, Anatomie und Physiologie, um den menschlichen Körper in seiner Kunst besser darstellen zu können. Leonardo war nicht der einzige Künstler, der die antike Studie visualisierte, aber der genialste. Nur sein Männerkörper nimmt zwei Positionen innerhalb derselben Skizze ein. Diese Idee verdankte er seiner Forschernatur: Um die realen Proportionen des Menschen zu ermitteln, hatte er zuvor junge Männer vermessen und die Ergebnisse akribisch ausgewertet. Sein „Vitruvmann“ fasziniert durch den Kontrast zwischen den exakten Berechnungen der Figur und dem lebendigen Äußeren mit wallendem Haar, fein gezeichneten Gesichtszügen und kräftiger Muskulatur.

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Die erwiesene Genauigkeit seiner Zeichnung bot Leonardo auch die Möglichkeit, seinen Status als bildender Künstler am Mailänder Hof aufzuwerten. Als „Ars mechanica“ galt seine Profession im 15. Jahrhundert weniger als etwa die Dichtkunst und zählte auch nicht zu den angesehenen „exakten Wissenschaften“. Seine detaillierten Naturbeobachtungen, die den späteren Siegeszug der empirischen Wissenschaften vorwegnahmen, wurden von Zeitgenossen oft verspottet – als, so der Leonardo-Experte Frank Zöllner, „künstlerisch unproduktive Grillen eines unruhigen Geistes“. Sabine Schuchart

Ausstellung

„Leonardo da Vinci: Painter at the Court of Milan“
The National Gallery, Trafalgar Square, London, Sa.–Do. 10–18, Fr. 10–21 Uhr (außer 24.–26.12. und 1. 1. 2012); www.nationalgallery.org;

9. November bis 5. Februar 2012.

„Leonardo da Vinci: Schriften zur Malerei und sämtliche Gemälde“,
400 Seiten, Schirmer/Mosel, September 2011; 34 Euro.

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