ArchivDeutsches Ärzteblatt45/2011Algerien: Lebendiges Geschichtsbuch

KULTUR

Algerien: Lebendiges Geschichtsbuch

Dtsch Arztebl 2011; 108(45): A-2412 / B-2032 / C-2004

Scheiper, Renate V.

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Seit gut 100 Jahren graben französische und algerische Archäologen bedeutende Funde aus. Dabei ist das nordafrikanische Land touristisch kaum erschlossen.

Picknick vor historischer Kulisse: Tipasa war schon zu phönizischer Zeit ein bedeutender Handelsplatz. Foto: Renate V. Scheiper
Picknick vor historischer Kulisse: Tipasa war schon zu phönizischer Zeit ein bedeutender Handelsplatz. Foto: Renate V. Scheiper

Liebevoll füttert die Jungfrau einen lüsternen Stier, der sie, von Fischen umwimmelt, über das Meer trägt, und umschlingt eines seiner Hörner. Es ist der griechische Göttervater und Verwandlungskünstler Zeus bei der nach dem Mythos gewaltsamen Entführung der kleinasiatischen Königstochter Europa nach Kreta. Die Szene ist auf einem römischen Mosaik zu sehen im Museum von Djemila in Algerien. Auf einem anderen Mosaik leckt der „Entführer“ zärtlich die auf seinem Rücken sitzende Europa. Nirgends sonst findet man im ehemals riesigen Römischen Reich derart ungewöhnliche Darstellungen dieser bekannten Szene.

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Überhaupt ist alles so ganz anders im touristisch noch wenig erschlossenen Algerien, dessen Mittelmeerküste seit der Zeit der Phönizier vor 3 000 Jahren dicht besiedelt ist. Französische und algerische Archäologen graben seit 100 Jahren große historische Stätten aus und verwandeln sie in ein lebendiges Geschichtsbuch. Nie gehörte Ortsnamen wie Tipasa, Cherchel, Guelma, Timgad, Djemila und Constantine überraschen mit sorgfältig restaurierten Theatern, Triumphbögen und ganzen Stadtanlagen.

Tipasa, ein phönizischer Handelsplatz westlich der Hauptstadt Algier auf einem Felsplateau hoch über dem Meer gelegen, beeindruckt durch seine Lage und seine kaum überschaubare Größe. Bis in die byzantinische Zeit blieb der Ort ein wichtiger Hafen. Sogar die Becken phönizischer Färberei sind noch zwischen römischen Bauten erhalten. Nur selten trifft man an den Ausgrabungsstätten und in den Museen auf ausländische Besucher.

In der Hauptstadt Algier überrascht das nostalgische Viersterne-hotel El-Djazaïr, in dem früher Könige, Politiker, Schauspieler und andere illustre Größen wohnten. Auch heute ist es mit seinem Charme für Touristen und Geschäftsleute die Nummer eins neben den nüchternen Hotels internationaler Ketten. Die engen Gassen der Kasbah von Algier oder Constantine zu durchstreifen, grenzt an ein Abenteuer. In den oberen Geschossen stoßen die Häuser fast aneinander.

Beim ehemals numidischen Dorf Djemila wurde 97 nach Christus unter Kaiser Nerva eine große Veteranensiedlung angelegt, die Männer mit den dortigen Frauen verheiratet, um stabile Verhältnisse zu schaffen. Theater, Forum, Tempel, Triumphbögen und große Wohnkomplexe beeindrucken. Auf dem Marktplatz sind außer Gesetzesinschriften sogar noch die Messtische mit Hohlmaßen erhalten, wo Beamte etwaigen Betrug beim Abwiegen kontrollieren konnten. Nicht schlecht müssen sie gelebt haben in ihren Villen. Gleich überdimensionalen Wandteppichen bedecken die fast unzerstörten Fußbodenmosaike heute die Wände des Museums wie der „Triumph des Dionysos“, Szenen seiner Geburt oder Kämpfe von Gladiatoren gegen wilde Tiere.

In der über einer dramatischen Schlucht gelegenen Großstadt Constantine ist zwar nichts mehr zu sehen von der phönizischen Gründung, den Numidern und Römern. Doch das Archäologische Museum birgt erstaunliche Funde, darunter feinste chirurgische Instrumente aus römischer Zeit und ein Mosaik, auf dem ein Arzt mit kritischem Blick den Puls eines vor ihm sitzenden Patienten prüft – dem eleganten Mobiliar nach zu urteilen – in einer gut gehenden Privatpraxis.

Renate V. Scheiper

@Informationen: www.orientaltours.de

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