ArchivDeutsches Ärzteblatt45/2011Epilepsiechirurgie: Jeder zweite Patient ist nach fünf Jahren anfallsfrei

MEDIZINREPORT: Studien im Fokus

Epilepsiechirurgie: Jeder zweite Patient ist nach fünf Jahren anfallsfrei

Dtsch Arztebl 2011; 108(45): A-2399 / B-2022 / C-1994

Gulden, Josef

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Bei schweren fokalen Epilepsien, die gegen medikamentöse Therapie refraktär sind, wird zunehmend die neurochirurgische Behandlung empfohlen, obwohl es nur sehr wenige Daten zu Langzeitresultaten gibt. Britische Kollegen stellen nun die Ergebnisse aus einer prospektiv begleiteten Kohorte von 615 Erwachsenen vor, die zwischen 1990 und 2008 am University College London operiert und durchschnittlich 8 Jahre beobachtet worden waren (497 anteriore Temporallappenresektionen, je 40 temporale bzw. extratemporale Läsionektomien, 20 extratemporale Resektionen, 11 Hemisphärektomien, 7 palliative Operationen [1]).

Mit Hilfe von Kaplan-Meier-Analysen fanden die Autoren, dass 52 % der Patienten 5 Jahre nach der Operation noch anfallsfrei waren (ausgenommen einfache partielle Anfälle) und dass dieser Anteil sich nach 10 Jahren mit 47 % kaum mehr verringert hatte (Grafik). Anfallsrezidive waren nach extratemporaler Resektion doppelt so häufig wie nach anterior-temporaler (Hazard Ratio [HR] 2,0; 95-%-Konfidenzintervall [KI] 1,1–3,6; p = 0,02), wogegen Läsionektomien keine schlechtere Prognose hatten. Bei Auftreten einfacher fokaler Anfälle während der ersten beiden postoperativen Jahre war das Risiko erhöht, später Anfälle mit Bewusstlosigkeit zu erleiden (HR 2,4; 95-%-KI 1,5–3,9).

Das Rezidivrisiko wurde mit der Dauer der Anfallsfreiheit immer geringer, umgekehrt sank die Aussicht auf eine Remission umso mehr, je länger nach der Operation noch Anfälle auftraten. Bei 18 von 93 Patienten (19 %) mit später Remission ging diese auf den Einsatz eines bis dato nicht getesteten Antiepileptikums zurück; dagegen hatten von insgesamt 365 bei der letzten Kontrolle anfallsfreien Patienten 104 (28 %) alle Medikamente abgesetzt.

Fazit: „In der Studie konnte eindrucksvoll nachgewiesen werden, dass die neurochirurgische Intervention eine attraktive Option ist, vor allem für Patienten mit therapierefraktären Temporallappenepilepsien“, kommentiert Prof. Dr. med. Johannes Schramm, Bonn. „Bei sorgfältiger Selektion kann etwa jeder zweite Patient mit längerfristiger Anfallsfreiheit rechnen“, meint Schramm. Priv.-Doz. Dr. med. Aurelia Peraud, München, weist auf eine kleinere Studie der Universität München hin, in der von 154 operierten Patienten mit fokalen Anfällen nach im Mittel zwei Jahren (maximal 19 Jahre) 89,5 % eine Engel-Klasse I („frei von behindernden Anfällen“) aufwiesen (2). Dabei war kein signifikanter Unterschied zwischen verschiedenen Lokalisationen zu erkennen (zwischen 80 und 100 %). Josef Gulden

  1. De Tisi J et al.: The long-term outcome of adult epilepsy surgery, patterns of seizure remission, and relapse: a cohort study. Lancet 2011; 378: 1388–95.
  2. Rémi J et al.: Congruence and discrepancy of interictal and ictal EEG with MRI lesions in focal epilepsies. Neurology 2011; 77: 1383–90.

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