ArchivDeutsches Ärzteblatt45/2011Multiple sklerose: Spray gegen die Spastik

PHARMA

Multiple sklerose: Spray gegen die Spastik

Dtsch Arztebl 2011; 108(45): A-2415

Stoschek, Jürgen

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS

Das cannabishaltige Fertigarzneimittel Sativex® ist indiziert, wenn andere Medikamente fehlschlagen.

Durch eine Änderung des Betäubungsmittelgesetzes, die am 18. Mai in Kraft getreten ist, können nun auch in Deutschland erstmals cannabishaltige Fertigarzneimittel verordnet werden. Den Anfang macht das Präparat Sativex Spray zur Anwendung in der Mundhöhle (so der vollständige Produktname), das für Patienten mit multipler Sklerose (MS) als Zusatzbehandlung bei mittelschwerer bis schwerer Spastik zur Verfügung steht.

Tetrahydrocannabinol und Cannabidiol im Verhältnis 1 : 1

Anzeige

Mehr als 80 Prozent der MS-Patienten entwickeln im Verlauf ihrer Erkrankung eine Spastik, die zur Beeinträchtigung der Beweglichkeit, der körperlichen Leistungsfähigkeit und damit der Lebensqualität führe, berichtete Prof. Dr. med. Jürgen Koehler, Kempfenhausen. Die zahlreichen bislang eingesetzten antispastischen Wirkstoffe führten jedoch häufig nicht zu einer ausreichenden Linderung der Symptome.

Sativex ist ein Extrakt aus der ganzen Cannabispflanze (Cannabis sativa) und enthält als Wirkstoffe die Cannabinoide Tetrahydrocannabinol und Cannabidiol im Verhältnis 1 : 1. Dadurch können assoziierte Symptome wie spastische Schmerzen, Blasenfunktions- und Schlafstörungen gelindert werden.

In einer Phase III-Studie wurde Sativex bei Patienten untersucht, die seit mindestens drei Monaten unter einer Spastik leiden und die mit einer herkömmlichen Therapie nicht ausreichend behandelt werden konnten. Die Patienten hatten einen Spastikschweregrad größer/gleich vier auf der numerischen Ratingskala, die von 0 bis zehn reicht, und auf der der Patient seine Spastiksymptomatik über 24 Stunden protokolliert. Während einer vierwöchigen Verumbehandlung erhielten 572 Patienten Sativex. Nach vier Wochen erfüllten 241 Patienten das Einschlusskriterium einer mindestens 20-prozentigen Reduktion im NRS-Spastizitätsscore.

Diese Patienten wurden anschließend randomisiert und bekamen in den folgenden zwölf Wochen entweder weiterhin Verum oder ein Placebo. Während der doppelblinden Phase blieb bei den Patienten, die Sativex erhalten hatten, die Verbesserung der Symptome, die während der ersten vierwöchigen Behandlungsphase erreicht wurde, grundsätzlich erhalten, während die Patienten, die zu Placebo wechselten, sich wieder zum Zustand vor der Behandlung verschlechterten.

Sativex wird in den Mund gesprüht, wobei der Ort der Anwendung bei jeder Verwendung geändert werden soll. Um die optimale Dosierung zu finden, wird eine Titrationsphase benötigt, die bis zu zwei Wochen dauern kann. Zu den häufigsten Nebenwirkungen gehören Schwindelanfälle, Übelkeit, Müdigkeit oder Schlaflosigkeit.

Der Patient kann bis zu zwölf Sprühstöße pro Tag nehmen, der Abstand zwischen den Sprühstößen sollte mindestens 15 Minuten betragen. Sativex ist nur für Patienten mit mittelschwerer bis schwerer Spastik indiziert, die mangelhaft auf andere Anti-Spastik-Medikamente angesprochen haben. Das Ansprechen des Patienten auf Sativex sollte nach einer Behandlungsdauer von vier Wochen überprüft werden. Das Präparat ist zudem das erste Betäubungsmittel, das der Kühlpflicht unterliegt.

Jürgen Stoschek

Pressegespräch „Alimirall stellt neue Therapieoption für MS-induzierte Spastik vor“ in München, Almirall Hermal GmbH

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema