ArchivDeutsches Ärzteblatt45/2011Gesundheitsversorgung: Reflektierter Umgang mit Vielfalt

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Gesundheitsversorgung: Reflektierter Umgang mit Vielfalt

Dtsch Arztebl 2011; 108(45): A-2406 / B-2027 / C-1999

Razum, Oliver

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Wer kennt das nicht: Man sitzt als Arzt einem Patienten mit Migrationshintergrund gegenüber. Es stellt sich ein Gefühl von Fremdheit ein, das man auf den unterschiedlichen kulturellen Hintergrund schiebt. Das Gespräch zieht sich in die Länge, die Compliance bei der Behandlung ist gering. Tatsächlich sind die Faktoren, die zu einem Gefühl von Fremdheit führen, oft gar nicht primär migrationsbedingt. Vielfach resultiert dieses Gefühl aus einer anderen soziokulturellen Prägung der Patienten, bedingt beispielsweise durch deren soziale Lage. Bei Patienten mit Migrationshintergrund tendieren wir aber dazu, Ursachen für Probleme im Behandlungsprozess auf „kulturelle Unterschiede“ zurückzuführen. Hier droht eine „Kulturalisierungsfalle“: Es wird gar nicht mehr nach individuellen Gründen für das Problem oder die gestörte Kommunikation gesucht, sondern pauschal die fremde Kultur verantwortlich gemacht.

Ein Migrationshintergrund ist aber nur ein Diversitätsmerkmal unter vielen. Auch nicht migrierte Menschen unterscheiden sich hinsichtlich ihrer Wünsche und Vorstellungen. Geschlecht, Alter, Religion und sozialer Hintergrund sowie viele weitere Merkmale beeinflussen die individuellen Präferenzen, wenn es um Gesundheit geht. Wir brauchen daher einen kompetenten Umgang mit Vielfalt – und der nutzt allen, ganz unabhängig vom Migrationshintergrund.

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Das Buch erläutert an Beispielen aus dem Versorgungsalltag, wie in den Gesundheitsdiensten mehr Diversity-Kompetenz geschaffen werden kann. Dazu gehört als erster Schritt die Fähigkeit, sich selbstreflektierend auf Fremdes einzulassen und zu analysieren, wie man Entscheidungen fällt, wenn man sich Ungewohntem gegenübersieht.

Alle Menschen haben ein Recht auf einen möglichst guten Zugang zu einer qualitätsgesicherten Gesundheitsversorgung. Die Gesundheitsdienste in Deutschland müssen sich daher der steigenden Vielfalt gegenüber öffnen. Konkret bedeutet das auch, dass sich die Verantwortlichkeit für die Gesundheitsversorgung von Migranten nicht auf spezialisierte Einrichtungen schieben lässt. Vielmehr müssen sich alle Gesundheitsdienste dieser Verantwortung stellen und sich für diese Gruppe der Bevölkerung stärker öffnen. Das Buch macht Mut, diese Herausforderung mit Herz und Verstand anzugehen. Oliver Razum

Eva van Keuk, Cinur Ghaderi, Ljiljana Joksimovic, Dagmar M. David (Hrsg.): Diversity. Transkulturelle Kompetenz in klinischen und sozialen Arbeitsfeldern. Kohlhammer, Stuttgart 2011, 368 Seiten, kartoniert, 39,90 Euro

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