ArchivDeutsches Ärzteblatt45/2011Nierentransplantation bei Kindern: HLA-DRB1-Mismatch erhöht Abstoßungsrate

MEDIZINREPORT: Studien im Fokus

Nierentransplantation bei Kindern: HLA-DRB1-Mismatch erhöht Abstoßungsrate

Dtsch Arztebl 2011; 108(45): A-2399 / B-2022 / C-1994

Siegmund-Schultze, Nicola

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Postmortale Organe sind auch für Kinder mit Niereninsuffizienz knapp, nicht alle haben einen Lebendspender. Wird im Kindesalter transplantiert, ist die Wahrscheinlichkeit für mindestens eine Retransplantation hoch. Häufige Rejektionen und Sensibilisierungen gegenüber HLA-Merkmalen könnten also nicht nur die Funktionsraten des aktuellen Transplantats mindern, sondern auch die Erfolgsrate einer weiteren Organtransplantation. In diesem Spannungsfeld wird über Organangebote entschieden.

Ein US-amerikanisches Forscherteam hat die Bedeutung des Mismatchs im HLA-DRB1-Locus für das Abstoßungsrisiko, die Organfunktionsrate und das Risiko für eine Sensibilisierung bei pädiatrischen Patienten untersucht. In die retrospektive Kohortenstudie wurden 178 maximal 20 Jahre alte Empfänger einer Niere (Durchschnittsalter 13,8 Jahre) aufgenommen, die ihr erstes Transplantat erhalten hatten. Die Induktionstherapie erfolgte mit dem Anti-IL-2-Rezeptorantikörper Daclizumab plus Steroiden, die Erhaltungsimmunsuppression mit Mycophenolatmofetil und Tacrolimus. Die durchschnittliche Nachbeobachtungszeit betrug 49,1 Monate.

12 Monate nach Operation hatte es bei 35 % der Empfänger mindestens eine Abstoßungsreaktion gegeben, nach 5 Jahren bei 55 %. Ein oder zwei Mismatches im HLA-DRB1-Locus erhöhten das Risiko für Rejektionen um den Faktor 1,7 (95-%-Vertrauensbereich 1,1 bis 2,7; p = 0,006), nicht jedoch für Sensibilisierungen oder Organversagen. Das Abstoßungsrisiko erhöhte sich mit der Zahl weiterer HLA-Mismatches (Hazard Ratio [HR] 1,2), dem Auftreten einer posttransplant lymphoproliferativen Erkrankung (PTLD; HR 2,1) und längerer Dialyse (mehr als 24 Monate; HR 1,9). Die Differenzen waren jeweils hochsignifikant. Organversagen war mit einem Lebensalter < 13 Jahre bei Transplantation, der Häufigkeit der Rejektionen und PTLD assoziiert.

Fazit: Mismatches in HLA-DRB1 gehen bei pädiatrischen Nierenempfängern mit deutlich erhöhten Abstoßungsrisiken im Vergleich zu gematchten Organen einher. Die Autoren empfehlen, für jeden Patienten die Wahrscheinlichkeit des Angebots eines gematchten Organs abzuschätzen und dann zu entscheiden, ob es vorteilhafter ist, eine Niere mit HLA-DRB1-Mismatch zu transplantieren oder auf ein Organ mit besserem Match zu warten. Prof. Dr. med. Anne-Margret Wingen, Essen, kommentiert: Bei der Entscheidung für ein Organ müssen Dringlichkeit, Dauer der Wartezeit, die Realisierung einer kurzen kalten Ischämiezeit, das Alter des Spenders (2 bis 50 Jahre, bevorzugt Jugendliche) und wenig Mismatches, insbesondere in HLA-B und HLA-DRB1, berücksichtigt werden. „Der Einfluss einer völligen Übereinstimmung in HLA-DRB1 auf das Transplantatüberleben ist gering und auch in dieser Arbeit statistisch nicht signifikant.“ Kritisch anzumerken sei, dass die 45,2 % Lebendspenden (bei Transplantationen im Kindesalter meist ein Elternteil, also haploidentisch, mit einem DR-B1Match) nicht getrennt analysiert wurden. Dies könne die Ergebnisse der DR-B1-Mismatchgruppe zu positiv erscheinen lassen. Dr. rer. nat. Nicola Siegmund-Schultze

Lan TV, Lee AB, Garcia J, McEnhill M et al.: HLA-DR Matching in Organ Allocation. Arch Surg 146; 2011: 824–9.

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