ArchivDeutsches Ärzteblatt45/2011Tablet-PC im Praxisalltag: Unterstützung bei der Anamnese

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Tablet-PC im Praxisalltag: Unterstützung bei der Anamnese

Dtsch Arztebl 2011; 108(45): A-2417

Hilbert, Sebastian

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Wie sich ein iPad im Rahmen der Anamneseerhebung bei Patienten mit Herzrhythmusstörungen einsetzen lässt, haben Ärzte in einem Projekt am Herzzentrum Leipzig untersucht.

Foto: Hilbert
Foto: Hilbert

Eine gute Anamnese ist essenziell für die optimale Behandlung. Das gilt besonders für Patienten mit Herzrhythmusstörungen. Der Gedanke, Computer zur Anamneseerhebung einzusetzen, ist nicht neu. Umstritten sind der Nutzen und die Machbarkeit. Bisherige Ansätze haben mit physischen (Verfügbarkeit am Patienten) und zeitlichen (Eingabe während des Patientengesprächs) Limitationen zu kämpfen. Die Verfügbarkeit von Mobilgeräten wie Tablet-PCs soll das künftig ändern.

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Nach Analyse der bisherigen Umsetzungen wurde klar, dass ein neuer Ansatz in erster Linie die Schwächen bisheriger Lösungen vermeiden muss. Entwickelt wurde daher ein Konzept zum Einsatz von Tablet-PC im Praxisalltag. Als Endgerät für die Interaktion mit dem Patienten wurde das iPad von Apple ausgewählt. Dieses Gerät bietet als Vertreter der Geräteklasse eine lange Laufzeit im Batteriebetrieb, einen großen Bildschirm, geringes Gewicht und eine Bedienbarkeit mit Berührungen anstelle von physikalischer Tastatur und Computermaus. Das ermöglicht es, das Eingabegerät zum Patienten zu bringen und nicht wie bisher den Patienten zum Eingabegerät. Der zweite Schwachpunkt bisheriger Lösungen war das Timing. In der Mehrzahl der Fälle wird anamnestische Information während des Arzt-Patienten-Gesprächs in den Computer aufgenommen. Das stört nicht nur den Blickkontakt und die Konzentration, sondern kann auch mangelnde Aufmerksamkeit suggerieren. Der Einsatz mobiler Geräte ist nicht neu. Bisher waren sie jedoch hauptsächlich für Umfragen bezüglich der Patientenzufriedenheit oder zur Patientenschulung im Einsatz. Nicht beschrieben ist bisher der Einsatz zur Anamneseerhebung.

Im nachfolgenden Konzept und dessen Umsetzung findet daher die Erhebung von Anamneseinformationen vor dem eigentlichen Arzt-Patienten-Gespräch statt. Dies verkürzt in vielen Fällen gleichzeitig die Wartezeit. Im Idealfall erhöht das zusätzlich die Zufriedenheit des Patienten.

iPad- Template (Limesurvey)
iPad- Template (Limesurvey)

Fragebogen zum Gesundheitszustand

Das System besteht aus den vier Komponenten Tablet-PC, Umfragesoftware, Ergebnistransformationssoftware sowie Bereitstellungskomponente für die Ausgabe als Datei und im Internetbrowser. Auf einem zentralen Server in der Ambulanz läuft die Open-Source-Umfragesoftware Limesurvey (www.limesurvey.org). Mit dieser Software lassen sich beliebige Umfragen erstellen.

Für das Projekt wurde ein Fragebogen erstellt, der maximal 34 Fragen enthält. Inhaltlich beschäftigt sich der Fragebogen mit dem Gesundheitszustand beziehungsweise dessen Veränderung sechs Monate nach einer interventionellen Behandlung von Vorhofflimmern mittels Katheterablation. Die Anzahl der Fragen variiert in Abhängigkeit von den Antworten der Patienten. So werden zum Beispiel Fragen zur Dauer und Häufigkeit von Rhythmusstörungen nur dann angezeigt, wenn der Patient angibt, nach der Ablationsbehandlung erneut Herzrhythmusstörungen gehabt zu haben. Möglich wird das durch eine vordefinierte Logik im Fragebogen. Ein Teil der Fragen sind als Pflichtfragen gekennzeichnet, ein Teil als optionale Fragen. So lässt sich wirksam verhindern, dass wichtige Fragen übergangen werden und gleichzeitig gewährleisten, dass schwierige Fragen (Medikamentenanamnese) nicht zum Eingabestopp führen.

Angepasste Darstellung je nach Endgerät

Die Fragebogenoptik ist an das Endgerät angepasst. Es handelt sich um Internetseiten, die im Browser dargestellt werden. Die Webseiten sind in Form, Farbe und Größe auf eine gute Bedienbarkeit optimiert. So wurden die Auswahloptionen vergrößert, weitgehend geschlossene Fragen verwendet und darauf geachtet, dass jede Frage mit den Antwortmöglichkeiten komplett auf eine Bildschirmseite passt. Zu Beginn des Fragebogens ist eine Seite mit Bedienhinweisen eingefügt. Zusätzlich befindet sich direkt bei jeder Frage ein Text zur näheren Erläuterung.

Auf dem Webserver ist eine Transformationssoftware aktiv, die nach Abschluss der Befragung aus den Antworten einen Befundtext erstellt. Über eine programmierte Logik wird Frage für Frage analysiert und in einen leicht verständlichen Text übersetzt. Dabei werden nicht nur 1 : 1-Transformationen vorgenommen, sondern es lassen sich komplexe Bedingungen berücksichtigen, die sich aus den Antworten mehrerer Fragen ergeben. So entsteht ein Befundtext, der von der vierten Komponente des Systems als Textdatei oder Webseite bereitgestellt wird. Die Textdatei kann dann automatisiert an ein Praxisprogramm übergeben werden. Alternativ dazu lässt sich der Befund auch im Webbrowser aufrufen.

Fragekodes im Programm (Limesurvey)
Fragekodes im Programm (Limesurvey)

Auf dem iPad lässt sich die Startseite der Umfrage aufrufen und die Umfrage selbst durch Eingabe eines zuvor generierten Kodes starten. Dem Patienten wird das Gerät ausgehändigt und damit die Wartezeit verkürzt. Nach Abschluss der Befragung gibt er das Gerät zurück. Im Hintergrund wird auf dem Server der Befundtext generiert und bereitgestellt. Im Sprechzimmer kann der Arzt mittels Eingabe des Zugangskodes den Befundtext im Webbrowser aufrufen und ihn für die Konsultation nutzen.

Im Rahmen eines Testlaufs mit 50 Patienten hat sich gezeigt, dass lediglich zwei Patienten Hilfe bei der Bedienung des iPads benötigten. Kein Patient hat die Teilnahme abgelehnt. Patienten (beziehungsweise deren Angehörige) bis zu einem Alter von 83 Jahren kamen problemlos mit dem System klar. Durchschnittlich sieben Minuten benötigten die Patienten zur vollständigen Bearbeitung der Fragen. Daraus lässt sich ableiten, dass eine Anamneseerhebung mit dem System nicht nur machbar ist, sondern einfach in bestehende Abläufe integriert werden kann.

Positive Effekte bei Patienten wie bei Ärzten

Neben der Verfügbarkeit der Patientenantworten zur Übertragung in Praxisprogramme haben sich weitere, nicht erwartete, positive Effekte gezeigt. Bis auf einen Patienten waren alle von der innovativen Methode begeistert und berichteten, so besser auf das Arzt-Patienten-Gespräch vorbereitet gewesen zu sein (Fokussierung). Die Ärzte bewerteten positiv, dass sie sich bereits vor dem eigentlichen Gespräch ein Bild vom aktuellen Gesundheitszustand (unter anderem NYHA-Stadium, EHRA-Stadium, Ausprägung von Rhythmusstörungen) machen und daher im Gespräch gezielt auf die Probleme des Patienten eingehen konnten. Eine Erhebung von nicht pathologischen Befunden wie Abwesenheit von Dyspnoe, Abwesenheit von Palpitationen war somit nicht erforderlich. Die Konsultationsdauer konnte je nach Entscheidung des Nutzers verkürzt werden, oder es ließen sich bei gleicher Dauer mehr Inhalte thematisieren.

Das System steht in direkter Konkurrenz mit Papierfragebögen und dem alleinigen ärztlichen Gespräch. Neu ist, dass nicht nur Antworten erhoben werden, sondern dass diese in verständliche Befundtexte transformiert werden. Geplant ist eine prospektive Studie, die genauer untersuchen soll, welche Vorteile sich mit dem System realisieren lassen. Randomisiert werden je 50 Patienten entweder mit dem beschriebenen System, einem Papierfragebogen oder dem alleinigen Arztgespräch zugeteilt. Als Endpunkte sollen der kumulative Zeitaufwand der Anamneseerhebung, die Anamnesequalität (Vollständigkeit) sowie der Einfluss der Altersstruktur auf die Nutzbarkeit des Systems untersucht werden.

Derzeit wird die Erweiterung des Systems auf weitere Krankheitsbilder und Patientenkontakte vorbereitet. Prinzipiell eignet sich das System für jene Situationen, bei denen strukturiert Verläufe von Erkrankungen dokumentiert werden. Daher lässt es sich gut auf chronische (unter anderem psychiatrische) Erkrankungen übertragen.

Fast alle Komponenten des Systems sind als Open-Source-Software verfügbar. Die Eigenentwicklung Befundtransformation, das Template für das iPad und die Dateierzeugung sind nicht frei erhältlich. Bei Interesse kann der Autor direkt kontaktiert werden.

Sebastian Hilbert

Kontaktadresse: Dr. med. Sebastian Hilbert, Herzzentrum Leipzig, Cardiocenter Rhythmologie, Russenstraße 69 A, 04289 Leipzig, sebastian.hilbert@gmx.net

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