ArchivDeutsches Ärzteblatt45/2011Herzbestattungen: Ewige Herzen

KULTUR

Herzbestattungen: Ewige Herzen

Dtsch Arztebl 2011; 108(45): A-2411 / C-2003

Stumberger, Rudolf

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Der Kardiologe Armin Dietz erläutert das Ritual, das sich aus der Eingeweideentnahme und -bestattung im Frühmittelalter entwickelt hat.

Die Herzbestattung von Otto von Habsburg wird wohl die letzte dieser Art gewesen sein. Foto: dpa
Die Herzbestattung von Otto von Habsburg wird wohl die letzte dieser Art gewesen sein. Foto: dpa

Der jüngst verstorbene Otto von Habsburg, Sohn des letzten österreichischen Kaisers von Österreich und Königs von Ungarn, wurde nach mehrtägigen Begräbnisfeierlichkeiten in seinem Wohnort Pöcking am Starnberger See, München und Mariazell schließlich in der Kapuzinergruft in Wien beigesetzt. Sein Herz allerdings wurde getrennt im ungarischen Kloster Pannonhalma bestattet. Und das wird wohl die letzte sogenannte Herzbestattung der Geschichte sein. Fachmann für dieses ungewöhnliche kulturelle Thema ist der Kardiologe und ehemalige Leiter der Inneren Abteilung der Kreisklinik Burghausen, Prof. Dr. med. Armin Dietz. Er hat dazu das einzige Buch in Europa geschrieben: „Ewige Herzen. Kleine Kulturgeschichte der Herzbestattungen“.

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Was ist das eigentlich, eine Herzbestattung? „Die Herzbestattung ist eine Entnahme des Herzens meist auf Wunsch des Verstorbenen oder aufgrund einer dynastischen Verpflichtung, meist durch eine Spaltung des Brustbeins, und die Bestattung des Organs zum Beispiel an einer Stelle, die dem Verstorbenen zu Lebzeiten viel bedeutet hatte“, definiert Dietz diese kulturelle Praxis. Die Bestattung erfolge meist bei einem Grab, auch bei einem Herzgrab einer bereits verstorbenen, geliebten Person, in der Nähe von Reliquien von Heiligen oder bei Marienbildern. Oder auch in dynastischen Grabstätten. Der Corpus wurde meist an anderer Stelle bestattet, nicht selten die Eingeweide an einer dritten.

Entwickelt hat sich die Herzbestattung aus der Eingeweideentnahme und -bestattung im Frühmittelalter. Beim Tod in der Fremde oder bei längerer Aufbahrung des Leichnams mussten die Eingeweide herausgenommen werden, weil sie die Verwesung beschleunigten. Corpus und Eingeweide (mit dem Herzen) wurden provisorisch konserviert und in die Heimat zurückgebracht. Wegen des abendländischen Herzmythos erhielt dieses Organ ab dem elften Jahrhundert eine besondere, bevorzugte Behandlung, eben die Herzbestattung.

„Dynastische Verpflichtung und Stolz auf seine Herkunft“

Für den Herzexperten wird die Bestattung von Otto von Habsburg wohl die letzte dieser Art sein: „Ich gehe davon aus, beim Sohn des letzten Kaisers spielen dynastische Verpflichtung, Stolz auf seine Herkunft, Vorbild seiner Eltern sicher eine besondere Rolle.“ Im 21. Jahrhundert geht damit dieses Ritual vermutlich zu Ende, während im 20. Jahrhundert immerhin noch 23 Herzbestattungen stattgefunden hatten. Sie finden sich überwiegend beim Adel, bei Königen, Kreuzfahrern und geistlichen Fürsten. Etwa ein Viertel der bestatteten Herzen stamme von Frauen.

Und wer vollzog eigentlich die Herauslösung des Herzens? Vor der Erlaubnis von Sektionen waren dies Mönche, die den Sterbenden begleitet hatten, oder sonstige Personen aus der Entourage. Später dann Ärzte, Chirurgen (die damals nicht zum Ärztestand zählten) oder Bader, ab dem 18. Jahrhundert dann Leibärzte oder Ärzte der Universität, ab dem 19. Jahrhundert auch berühmte Pathologen.

Neben der Herzbestattung gab es auch die Zweifachbestattung von Herz und Corpus, von Eingeweiden plus Herz und Corpus und die Dreifachbestattung Herz-Eingeweide-Corpus, zum Beispiel bei den Habsburgern, den Wittelsbachern oder den Würzburger Fürstbischöfen. Für die Herzbestattungen des vergangenen Jahrtausends existierte das gesamte Spektrum von schlichtem Begräbnis, der reinen Verbringung in die Gruft oder das Grab, bis hin zu prunkvollen Trauerkondukten und -zeremonien. Herzbestattungen erfolgten überwiegend in Kirchen.

Rudolf Stumberger

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