ArchivDeutsches Ärzteblatt45/2011medicum Wiesbaden: Versorgung von Hand zu Hand

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medicum Wiesbaden: Versorgung von Hand zu Hand

Dtsch Arztebl 2011; 108(45): A-2420

Spielberg, Petra

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Das medicum Facharztzentrum Wiesbaden vereint mehr als 50 unabhängig arbeitende Ärzte unter einem Dach. Eine enge Kooperation mit dem St.-Josefs-Hospital ermöglicht dabei eine umfassende und qualitativ hochwertige Versorgung.

Fotos: Petra Spielberg
Fotos: Petra Spielberg

Dr. med. Thomas Nolte öffnet die große weiße Tür und lacht: „Sobald ich über diese Schwelle trete, bin ich ein angestellter Arzt. Gehe ich zurück, bin ich wieder mein eigener Chef.“

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Was sich seltsam anhört, ist Teil eines zumindest in Hessen einmaligen Versorgungsmodells. Denn die Tür trennt das ambulante Schmerz- und Palliativzentrum von der Palliativ- und Schmerzstation des St.-Josefs-Hospitals in Wiesbaden. Nolte ist zugleich einer von circa 50 Fachärzten, die sich in unmittelbarer räumlicher Anbindung zum JoHo, wie das Akademische Lehrkrankenhaus der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz von den Wiesbadenern liebevoll genannt wird, niedergelassen haben.

„Unsere Vision ist es, mehr als nur ein Ärztehaus zu sein“, sagt Dr. med. Michael Weidenfeld, einer der Geschäftsführer des medicum. Der Urologe gehört zusammen mit dem Internisten Dr. Eckart Listmann zu den Ärzten der ersten Stunde des fach- und sektorenübergreifenden Versorgungsmodells. Den Anstoß hierfür hatte vor nahezu sechs Jahren der Geschäftsführer des Krankenhauses, Karl-Josef Schmidt geliefert.

Als nämlich die Klinik im Jahr 2004 im Zuge von Umbau- und Modernisierungsmaßnahmen den Südflügel des JoHo einer neuen Nutzung zuführen wollte, ergab sich die Gelegenheit, die bereits bestehende gute Zusammenarbeit zwischen niedergelassenen und stationär tätigen Ärzten durch eine enge räumliche Anbindung weiter zu vertiefen. „Innerhalb von etwa vier Wochen fanden sich etwa 40 Ärzte, die bereit waren, in dem circa 5 000 Quadratmeter großen Gebäude Praxisräume anzumieten“, berichtet Weidenfeld. Ungefähr 13 Millionen Euro investierte das JoHo in den Bau des „medicum Facharztzentrums Wiesbaden“.

Inzwischen haben sich mehr als 50 Ärzte aus 19 Fachrichtungen dem Modell angeschlossen. Manche, wie das Schmerz- und Palliativzentrum Rhein-Main, dem Nolte angehört, haben hier ihren Hauptsitz. Andere Ärzte haben im medicum eine Zweigpraxis errichtet. Ein gemeinsam entwickelter Kodex regelt die interdisziplinäre Zusammenarbeit.

„Unser Motto lautet: Gemeinsam, aber eigenständig“ Michael Weidenfeld
„Unser Motto lautet: Gemeinsam, aber eigenständig“ Michael Weidenfeld

Das Leistungsangebot reicht von A wie ambulante Operationen bis Z wie Zentrum für Nieren- und Hochdruckkrankheiten. Alle Ärzte haben, bis auf die Kinderarztpraxis, eine Kassenzulassung. Zum medicum gehören ferner eine Apotheke, ein Sanitätshaus, eine Cafeteria sowie ein eigenes Parkhaus.

„Unser Motto lautet: Gemeinsam, aber eigenständig“, betont Weidenfeld. Die Mitglieder des medicums arbeiten daher – anders als in einem Medizinischen Versorgungszentrum – alle selbstständig in eigener Praxis. Die Ärzte konnten zudem ihre eigenen Vorstellungen in den individuellen Ausbau der Praxisräume fließen lassen. „Durch die Vernetzung mit dem JoHo können wir außerdem unsere Patienten jederzeit schnell einer umfassenden stationären Versorgung zuführen“, so der Urologe. Dabei greift das JoHo auch auf die Fachkompetenz der medicum-Ärzte zurück. Beispielhaft hierfür ist die von Listmann und seinen Kollegen geführte Herz-Kreislauf-Praxis, die sowohl die ambulante Versorgung, invasive Diagnostik und Therapie als auch gegebenenfalls schnelle Operationen vor Ort realisiert. Das Schmerz- und Palliativzentrum Rhein-Main wiederum verfügt in der Klinik über zwölf Betten, die Nolte und seine Kollegin Dr. Mechthilde Burst je 13 Stunden pro Woche als Angestellte des Krankenhauses betreuen. Die Gynäkologen und Neurologen des medicum sind zudem regelmäßig als Konsiliarärzte für das JoHo tätig. Und die Hals-Nasen-Ohren-Spezialisten arbeiten auch als Belegärzte für das Krankenhaus.

Als weiteren „großen Vorteil“ des Modells bezeichnet Weidenfeld die Möglichkeit, in den fünf ambulanten OP-Räumen des medicum fachübergreifend operieren zu können. „Wichtig ist uns zudem die enge Kooperation mit den zuweisenden Hausärzten“, erklärt Weidenfeld. „Bei schwierigen Fragestellungen, die über die hausärztlichen Möglichkeiten hinaus gehen, stellen wir unser fachärztliches Angebot in den Dienst des Hausarztes, um gemeinsam einen gezielten und problemorientierten Lösungsweg zu finden.“ Etwa 70 bis 80 Prozent der Patienten des Facharztzentrums kommen auf Überweisung durch ihren Hausarzt ins Ärztehaus am Langenbeckplatz.

„Der direkte Kontakt mit den Kollegen fördert die Arbeitszufriedenheit, die Motivation und die Kreativität.“ Thomas Nolte
„Der direkte Kontakt mit den Kollegen fördert die Arbeitszufriedenheit, die Motivation und die Kreativität.“ Thomas Nolte

Die Synergien kommen nicht nur den Ärzten und Patienten, sondern auch den Krankenkassen zugute. So hat beispielsweise das Schmerz- und Palliativzentrum bereits im Jahr 2005 einen Vertrag über eine Integrierte Versorgung (IV) bei Rückenschmerz mit der Techniker-Krankenkasse (TK) abgeschlossen, der weiterhin gilt. „Inzwischen haben wir mit der TK einen weiteren IV-Vertrag für Patienten abschließen können, die eine zweite Meinung vor einer geplanten Wirbelsäulenoperation erhalten wollen“, berichtet Nolte.

Um die Kooperation zwischen den Ärzten auch technisch zu fördern, verfügt das medicum über einen eigenen Server, der es den Praxen ermöglicht, nach Absprache mit den Patienten medizinische Daten und Befunde elektronisch untereinander und mit dem JoHo auszutauschen. „Hiervon machen allerdings vornehmlich die jüngeren Kollegen Gebrauch“, berichtet Nolte schmunzelnd. Die ältere Generation ziehe es noch immer vor, schnell mal zum Kollegen zu gehen und den Fall mit ihm direkt zu besprechen.

Ein regelmäßiger interdisziplinärer Austausch ist gleichwohl ein weiteres Kennzeichen des Versorgungsmodells. Jeden Montag zum Beispiel treffen sich die behandelnden Ärzte des medicum und des JoHo zur Fallbesprechung im Tumorboard. Einmal im Monat findet darüber hinaus eine Schmerz- und Palliativkonferenz statt, an der neben den zuständigen Ärzten auch Physiotherapeuten, Psychologen und Stationspersonal des JoHo teilnehmen.

Für niedergelassene Ärzte aus der Region bietet das medicum außerdem einmal im Jahr Fortbildungsveranstaltungen zu Themen wie Schmerz, Inkontinenz oder Herz sowie die Möglichkeit zur Weiterbildung für die Zusatzbezeichnung „Palliativmedizin“ an. Der Öffentlichkeit präsentiert sich das Facharztzentrum auf Gesundheitstagen oder Facharztkongressen mit Aktionen wie „das begehbare Herz“.

Darüber hinaus ist das medicum eine Kooperation mit einer nahegelegenen Einrichtung eingegangen, die Mitgliedern und Angestellten des Facharztzentrums Betreuungsplätze für Kinder ab sechs Monate zusichert. Auch Angestellte des JoHo können hiervon Gebrauch machen. Die Aktivitäten bestreitet das Zentrum aus den Mitgliedsbeiträgen, die die Ärzte monatlich an die GbR entrichten müssen. Das „Rundum-Paket“ scheint bei den beteiligten Ärzten und den Patienten anzukommen. Seit seinem Bestehen hat das medicum sein Patientenaufkommen stetig steigern können. Derzeit lassen sich jährlich etwa 140 000 Patienten im Facharztzentrum behandeln. Auch seien bislang alle Ärzte dem Modell treu geblieben, sagt Weidenfeld.

Nolte ist sich sicher: „Der direkte Kontakt mit den Kollegen fördert die Arbeitszufriedenheit, die Motivation und die Kreativität.“ Zudem ließen sich die bürokratische Lasten besser auf mehrere Schultern verteilen.

Dass das Konzept ankommt, beweist auch die Tatsache, dass neben dem bestehenden medicum-Gebäude im nächsten Jahr ein weiteres Fachärztehaus in unmittelbarer Nähe dazukommt. Ein Investor für den Bau ist bereits gefunden. Die sechs Praxen sind nach Aussage von Weidenfeld schon alle vermietet. Künftig werden dem Zentrum somit auch eine radiologische, orthopädische, zahnärztliche, psychotherapeutische, logopädische und auf Lungenkrankheiten spezialisierte Praxis angehören.

Petra Spielberg

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